Je älter, desto besser

Kabarettist Bernd Regenauer läuft bei seinem neuen Programm „Alles eine Frage der Antwort“ wieder zur Höchstform auf. Foto: Krieger2010/10/8961_New_1286706664.jpg

DEHNBERG — Das Älterwerden hat seine Tücken, keine Frage, auch für Kabarettisten. Wenn die Blase während der Aufführung drückt und der Tinitus alles überdröhnt, gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Aufhören oder weitermachen. Gott sei Dank hat sich Bernd Regenauer für Letzteres entschieden. In seinem neuem Programm „Alles eine Frage der Antwort“ vertreibt er den Brummton im Ohr mit bissig satirischem Kabarett vom Feinsten und erntet dafür bei der Premiere im Dehnberger Hof Theater begeisterten Applaus.

Wer meint, der Mann habe nach fast 30 Jahren im Geschäft schon irgendwie alles gesagt, irrt. Bernd Regenauer hat sich seit seinem letzten Programm „Unter Freunden“ zwei Jahre Zeit genommen und das hat gut getan. Themen über Themen haben sich angesammelt und die müssen raus, auf der Bühne hat er nichts dabei als einen Hocker und ein Klavier, nichts soll ablenken. Er ist aufgewühlt, die Tasten schlagen Dissonanzen und spätestens jetzt weiß das Publikum: Heute geht’s zur Sache.

Und tatsächlich bekommen an diesem Abend alle ihr Fett ab: die Schickimickis und Besserwisser, die Schuhbecks und Sarrazins, die Lobbyisten und Politiker. Heilige Kühe gibt es nicht, ob Gesundheitssystem, Kachelmann oder Kirche, Geländewagen, Facebook oder Kernenergie, Regenauer schlachtet und speist genüsslich aus der vollen Schüssel. Denn das Leben ist eine Kakophonie aus Täuschungen und Oberflächlichkeiten, eine Partitur der Dissonanzen und Sinnentleerung und irgendeiner muss das ja mal sagen.

Doch sind wir die Besseren? Ist er der Bessere? Sind sie es, die anderen? Das Lachen bleibt dem Publikum einige Male im Halse stecken, weil Regenauer mit seinen Pointen deftig ins Schwarze trifft und keine Eitelkeiten zulässt. Doch er spielt nicht den Moralapostel, sondern gibt lieber den Eulenspiegel und hält den Anwesenden den Spiegel vor: „Seid ihr die Antwort?“ Nein, nur wer hat sie denn? Ingwer jedenfalls ist auch keine Lösung.

Mal leise, mal laut, mal nachdenklich, mal philosophisch, mal grantelnd und ab und zu auch versöhnlich – im Laufe des Abends wird Regenauer immer besser, steigert sich von Szene zu Szene, aus den Dissonanzen werden Harmonien und schließlich Lieder. Als Liedermacher hat er vor 30 Jahren begonnen und in bester Liedermachermanier hat der 54-Jährige einige Songs für sein neues Programm geschrieben, mit denen er sich politischer und kritischer zeigt denn je.

Doch er hat auch diese große komödiantische Seite. Und die zeigt sich am besten in den Momenten, in denen er alltägliche Situationen zu absurden Szenarien verdichtet und dabei auch schauspielerisch zur Höchstform aufläuft.

Dann entwickelt sich der Besuch einer „ursprünglichen“ Gaststätte auf dem Land, wo Leben und Tod noch „ursprünglich miteinander verbunden sind“ zum makaberen Showdown zwischen Kernseife und geraspeltem Sellerie und eine simple Autofahrt endet beinahe im Amoklauf. Überhaupt das Landleben: Idylle sieht anders aus, wir wissen es, und doch denken wir es uns immer gerne anders. Regenauer nimmt uns da die letzten Illusionen, die Überlandfahrt durch unberührte Natur endet im Besuch einer fiktiven „Shopping Mall“, deren Investoren darin den eingekochten Sud der Statements unserer digital-realen Welt präsentieren. Das Lebensmodell 1:20, es hat etwas Beängstigendes, wie sieht es da bloß mit dem realen Leben aus?

Und warum braucht es das alles überhaupt? „Die answer my friend“, singt Bernd Regenauer am Schluss,“ is blowin‘ in the wind.“ Vielleicht ist das auch besser so. Isabel Krieger

N-Land Pegnitz-Zeitung
Pegnitz-Zeitung