Interview mit Brauwelt-Geschäftsführer Michael Schmitt

Genuss aus Hopfen und Malz

Der Geschäftsführer des Fachverlags Hans-Carl, Michael Schmitt, vor den Portraits seiner Vorgänger des Verlages in der Andernacher-Strasse in Nürnberg. | Foto: Tobis Schmitt2016/04/bier-seite-michi-schmitt-interview.jpg

LAUF — Bier ist ein Nationalgetränk, Bier ist beliebt. 2016 wird vielerorts 500 Jahre deutsches Reinheitsgebot gefeiert. Einer, der sich mit dem Gerstensaft besonders gut auskennt, ist der Simonshofener Michael Schmitt. Er ist Geschäftsführer des Nürnberger Fachverlags Hans Carl, der die nationale und internationale Fachzeitschrift „Brauwelt“ herausgibt. Die PZ hat mit dem 48-Jährigen über Genuss, die Sonderstellung des deutschen Bieres und Trends im Brauwesen gesprochen.

PZ: Herr Schmitt, Sie sind weltweit unterwegs, um Biere zu testen und Trends zu sichten. Ist das deutsche Bier etwas Besonderes?

Schmitt: Das kommt drauf an, wie man es sieht. Was den Geschmack, die Sensorik, angeht, ist das deutsche, bayerische oder auch fränkische Bier sicher nicht einzigartig. Gerade in Belgien gibt es ganz besondere Biere, an die man sich sensorisch erst herantasten muss, zum Beispiel Sauerbier. Das es übrigens auch vereinzelt in Deutschland gibt, zum Beispiel die Berliner Weisse oder Leipziger Gose. Aber die Art zu brauen ist in Deutschland sicher besonders, weil wir als Einzige strikt nach dem Reinheitsgebot vorgehen.

PZ: Was bedeutet das konkret?

Schmitt: Im deutschen Bier dürfen nur die vier Grundzutaten verwendet werden: Wasser, Malz, Hefe und Hopfen. Es werden weder Konservierungsstoffe eingesetzt noch künstliche Enzyme. Hier ist alleine die Kunst des Brauers gefordert.

PZ: Sind Sie ein Befürworter des Reinheitsgebots?

Schmitt: Ich bin sogar ein klarer Befürworter. Zum einen sind die Möglichkeiten, auch innerhalb des Reinheitsgebots charakterstarke, nicht einheitliche Biere zu brauen, noch lange nicht ausgeschöpft. Dafür muss man keine Gewürze, Früchte oder Enzyme zusetzen. Zum anderen stärkt das Gebot die mittelständischen Brauereien mit teils langer Tradition, von denen es in keinem anderen Land eine solche Vielzahl gibt. Natürlich gibt es auch immer wieder Kritik an der sehr scharfen Lebensmittelüberwachung und den gesetzlichen Rahmenbedingungen, die das Gebot mit sich bringt. Trotzdem würde ich es nie leichtfertig aufs Spiel setzen.

PZ: Sie haben es gerade angesprochen: Trotz dieser wenigen Zutaten gibt es ja eine unglaubliche Vielzahl verschiedener Biere in Deutschland.

Schmitt: Es gibt bundesweit rund 5000 Biermarken, von Großbrauereien bis hin zu kleinen, lokalen Herstellern. Es gibt untergärige Biere wie Schankbiere, helles Vollbier bis hin zum Bock, dann dunkle Biere und obergärige wie Weizen oder Kölsch. Die Rohstoffe, die dafür eingesetzt werden, sind aber immer die gleichen. Man kann aus Malz und Hopfen sehr viele verschiedene Aromen gewinnen, von malzig-süß zu karamellartig, von bitter über kräuterartig bis hin zu fruchtig. In den letzten Jahren ist verstärkt mit Hefe geforscht worden. Das hat zu einer weiteren Belebung des Markts geführt.

PZ: Welche Trends gibt es momentan?

Schmitt: Wie auch sonst im Lebensmittelbereich geht der Trend hin zum Regionalen und Lokalen. Der Verbraucher besinnt sich immer mehr darauf, was es vor Ort gibt. Das ist eine große Chance für mittelständische Brauereien. Hier in der Region gibt es ja zum Beispiel das Zehn-Kilometer-Bier, für das alle Rohstoffe aus der unmittelbaren Umgebung kommen. Das halte ich für eine gute Aktion. Außerdem wird immer mehr alkoholfreies Bier getrunken und auf der anderen Seite erlebt das Bockbier eine kleine Renaissance. Die Brauer trauen sich wieder, stärkere Biere herzustellen und diese dafür in kleineren Gebinden wie 0,33-Liter-Flaschen oder kleineren Gläsern anzubieten. Aber auch die internationalen Bierstyles, wie Pale Ale, India Pale Ale oder Stout erfreuen sich bei uns wachsender Beliebtheit.

PZ: Vor ein paar Wochen gab es einen Aufreger um Rückstände des Pflanzenschutzmittels Glyphosat in marktführenden deutschen Bieren. Hat Sie das beunruhigt?

Schmitt: Nein, ich habe mich nicht weiter damit befasst. Das Institut aus München, das die Testergebnisse herausgegeben hat, legte die dafür verwendeten analytischen Methoden nicht wirklich offen.

PZ: Der stellvertretende Präsident des Bayerischen Bauernverbands, Günther Felßner, hat daraufhin einige der Zehn-Kilometer-Biere auf eigene Faust auf Glyphosat testen lassen (hier geht es zum Bericht „Heimisches Bier ohne Glyphosat“) – gefunden wurde nichts. Er sagt, dass das in heimischem Bier auch nahezu ausgeschlossen ist.

Schmitt: Da hat Herr Felßner recht: In Deutschland darf Glyphosat nur so eingeschränkt verwendet werden, dass Rückstände in Lebensmitteln praktisch nicht vorkommen können. Das Problem ist aber, dass der heimische Anbau von Brau-Weizen und Brau-Gerste den Bedarf nicht decken kann und deshalb importiert werden muss. Und in anderen Ländern gelten natürlich andere Richtlinien für Schädlingsbekämpfungsmittel. Das gilt übrigens für alle Lebensmittel auf Getreidebasis. Angst, sich durch Bierkonsum zu schädigen, muss aber keiner haben, der Deutsche Brauer-Bund hat ausgerechnet, dass es auf Basis dieser Werte erst ab 1000 Litern am Tag gefährlich würde.

PZ: Apropos übermäßiger Bierkonsum. Warum hat Alkohol – und speziell Bier – als Suchtmittel einen weitaus positiveren Ruf als Drogen wie Tabak oder Cannabis?

Schmitt: Bier mit Tabak zu vergleichen hinkt. Denn Bier hat viele gesundheitsfördernde Eigenschaften, weil es B-Vitamine und Mineralien enthält und das Flüssigkeitsverhältnis gut ist. Die Voraussetzung ist natürlich ein maßvoller Konsum. Also etwa zwei halbe Bier am Tag bei einem Mann, eine Halbe bei einer Frau. Natürlich gibt es Menschen, die mit Alkohol nicht umgehen können, aber das ist die persönliche Aufgabe jedes Einzelnen. Dazu ist es natürlich wichtig, dass es Angebote für suchtkranke oder -gefährdete Menschen gibt. Und außerdem enthält Bier viel weniger Alkohol als Spirituosen, die von Suchtkranken häufig getrunken werden.

PZ: Einen Beruf wie Ihren zu haben würden sich sicher viele Menschen wünschen. Wie sind Sie denn dazu gekommen, sich hauptberuflich mit Bier zu beschäftigen?

Schmitt: Der Fachverlag Hans Carl ist seit seiner Gründung 1861 in inzwischen sechster Generation im Familienbesitz. Da wir die Zeitschrift „Brauwelt“ in verschiedenen Ländern herausgeben, habe ich auch Brauwesen und Getränketechnologie in Weihenstephan studiert. Eigentlich wollte ich danach erst eine Weile in einer Brauerei arbeiten, um dann Chefredakteur zu werden. Aber aus familiären Gründen hat sich das anders entwickelt und so bin ich direkt nach dem Studium in unser Unternehmen eingetreten.

PZ: Wenn Bier Ihr Geschäft ist, trinken Sie auch privat noch gerne eines?

Schmitt: Ich bin ein leidenschaftlicher Biertrinker und trinke sogar täglich eines. Ein Lieblingsbier habe ich aber nicht, das ist abhängig vom Anlass, meiner Stimmung und dem Wetter. Wenn es heiß ist, trinke ich zum Beispiel gerne Weißbier. Ansonsten mag ich auch dunkle, bernsteinfarbene Biere, vor allem aus Franken.

PZ: Welche Sorte steht denn zurzeit bei Ihnen im Keller?

Schmitt: Tatsächlich habe ich immer einen gemischten Kasten zu Hause, ich wechsle gerne durch. Momentan sind darunter auch Biere aus dem Nürnberger Land, Dreykorn, Bub oder Wolfshöher zum Beispiel, und aus der Fränkischen Schweiz.

PZ: Ist Bier denn noch „in“?

Schmitt: Ja, auch wenn der Pro-Kopf-Konsum über die letzten Jahre erheblich gesunken ist. Zurzeit trinkt jeder Deutsche etwa 107 Liter im Jahr, wir waren aber schon mal bei 140 Litern. Das hängt zum einen mit der demographischen Entwicklung zusammen, weil ältere Menschen weniger trinken, zum anderen interessieren sich die jungen Erwachsenen eher für andere alkoholische Mix-Getränke. Der Bierkonsum setzt oft erst mit Mitte 20 ein.

PZ: Ausruhen dürfen sich die Brauer also nicht.

Schmitt: Nein, in einem gesättigten Markt darf man sich nie zurücklehnen. Es ist kein Selbstläufer. Man muss an die Zielgruppe herankommen. Was auch getan wird, zum Beispiel mit Craftbeer-Festivals oder Bierbars, die auch in Nürnberg vermehrt öffnen. Auch geschmacklich sollten Brauer immer kreativ und innovativ sein. Viele tun das, zum Beispiel die Kaiser-Bräu in Neuhaus mit ihrer Bierwerkstatt oder die Brauerei Wiethaler, die immer wieder saisonale Sonderbiere herausbringt.

PZ: Was macht ein gutes Bier aus?

Schmitt: Auf jeden Fall hat es einen stabilen Schaum und eine leuchtende Farbe. Egal ob hellgelb, goldgelb, bernsteinfarben oder dunkel, Bier – sowohl hefetrübes oder filtriertes – muss immer einen Glanz ausstrahlen. Dazu muss dann der Geruch passen und das Wichtigste ist natürlich ein hervorragender Geschmack.

N-Land Tina Braun
Tina Braun