Karol Sidon las in der Synagoge Ottensoos

Eine Kindheit in schweren Zeiten

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Karol Sidon, 1942 in Prag geboren, verlor bereits mit zwei Jahren seinen Vater, der im KZ Theresienstadt ermordet wurde. Zeitlebens hat ihn die Suche, die Sehnsucht nach seinem Vater nicht losgelassen; mit 26 Jahren schrieb er seine Kindheits- und Jugenderinnerungen auf. Jetzt stellte er diese in einer Premierenlesung in der Ehemaligen Synagoge in Ottensoos vor.

Der Raum der Synagoge füllt sich schnell; eilig müssen noch Stühle zugestellt werden, damit alle Interessierten einen Platz finden können, um Karel Sidon, den Landesoberrabbiner Tschechiens und der Slowakei zu hören.

Die Gemeinschaftsveranstaltung der VHS Unteres Pegnitztal mit dem ars-vivendi-Verlag aus Cadolzburg, in dem Sidon Erinnerungen erschienen sind, entpuppt sich dann zwar primär als Lesung, doch auch viele Informationen um das Buch und das Leben des Karol Sidon arbeitet Daniel Nevaril vom Amt für Internationale Beziehungen der Stadt Nürnberg im anschließenden Interview heraus.

Auch die zahlreichen Fragen aus dem Publikum erhellen das wechselvolle Leben eines Menschen, der erst mit 36 Jahren zum Judentum konvertierte und heute Oberrabbiner der Stadt Prag und Landesoberrabbiner Tschechiens und der Slowakei ist.

Karol Sidon spricht Deutsch mit unverwechselbarem weichen tschechischen Akzent, und er ist, wie er eingangs bekennt, ziemlich aufgeregt – hat er sich doch seit Anfang der 1990 er Jahre nicht mehr dieser Sprache bedient.
Gelernt hat er sie in der Schule und während seines Studiums in Heidelberg in den 1980 er Jahren. Es bedarf aber nur weniger Sätze, bis seine Artikulation flüssig wird.
Die Episode, die er liest, spielt etwa im Alter von neun Jahren. Da ist seine Mutter bereits zum zweiten Mal verheiratet und gerade zum dritten Mal schwanger. Es ist die Geschichte einer Scharade, in Szene gesetzt, um ihn von der Angewohnheit zu heilen, auf Papier herumzukauen.
Da spielt sogar die damalige Nachbarin der Familie mit, obwohl Sidons Mutter ihn gebeten hatte: „Du kannst über mich schreiben, aber schreibe nicht über die Leute aus dem Haus!“. Die angedrohte Einweisung in eine Besserungsanstalt scheint gewirkt zu haben; in Ottensoos kaut Sidon jedenfalls nicht auf seinem Buch herum.
Was die Episode aber zeigt: Das Buch arbeitet keine Holocaust-Erfahrungen auf – die streift es nur am Rande. Aber es beschreibt mit dem trockenen, feinen und ein bisschen hinterlistigen tschechischen Humor voll kindlicher Dramatik das Heranwachsen eines Kindes in der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Unschätzbar, wie Sidon später bei der Befragung erklären wird, dass er dieses Buch mit 26 Jahren geschrieben hat, wo man noch nicht so weit von seiner Kindheit und Jugend weg ist und viele Erinnerungen noch präsent sind.
Hätte er das Buch erst jetzt geschrieben, gibt er freimütig zu, wäre so manche Szene verfälscht worden oder unterblieben, weil er sie in der Zwischenzeit vergessen hätte.

So aber wirkt die Rückschau frisch und nahe, ungeschliffen, unverdorben vom Filter des Alters und der Konventionen. Und, wie die weiteren Lesepassagen verraten, mit einer gehörigen Portion Trauerarbeit und Wehmut um den praktisch nicht gekannten Vater, der ihm im Alter von 17 im Traum erschien, und viel später, als er selbst schon Vater geworden war, noch einmal. Die Sehnsucht ist immer noch spürbar und ungestillt.

Im Interview-Teil beantwortet Karol Sidon die Fragen von Daniel Nevaril zu seinem Werk und seinem Leben, wie er sein Buch präsentiert hat: ehrlich, authentisch, ernsthaft und mit einer feinen Prise Humor, und in der anschließenden lebhaften Fragerunde verhält er sich nicht anders.

Die folgende Signierrunde in der ehemaligen Synagoge wird reichlich genutzt.

 

N-Land Reinhard Dorn
Reinhard Dorn