„Sprache ist die Basis der Integration“

Der, die, das Deutsche – „Es ist doch normal, verschieden zu sein“

Lutz Otto war als Experte für Deutsch als Zweitsprache im In- und Ausland tätig. Auf den Zetteln an der Wand stehen die Grundprinzipien seines Unterrichtens. Foto: Hornung2015/09/laufrotarydeutschfuermigranten_New_1443081902.jpg

LAUF – Am Wochenende fand in der evangelischen Christuskirche in Lauf der Auftakt einer dreiteiligen Fortbildungsreihe zum Thema „Deutsch für Migrant/Innen“ statt – mit hehren Vorsätzen.

Zielsetzung der Veranstaltung: Ehrenamtlichen, teils pensionierten Lehrern, die Grundlagen über interkulturelle Unterschiede und didaktische Kenntnisse bei der Vermittlung von Deutsch als Zweitsprache mitgeben. Das übergeordnete Ziel der Verbände: Asylbewerbern so früh wie möglich Deutsch vermitteln, denn, so Morchner vom Rotary Club, „Sprachkenntnisse sind der Schlüssel für eine zügige und erfolgreiche Integration“.

Eingeladen hatte der Rotary Club Nürnberger Land zusammen mit der Akademie des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) und je zwei Vertreter der ehrenamtlichen Unterstützerkreise für Asylbewerber im Nürnberger Land. Neben den beiden Organisatoren Kurt Morchner vom Rotary Club und Klaus Wenzel, Ehrenpräsident des BLLV, und den Rednern Manfred Schreiner und Lutz Otto fanden sich zwölf Teilnehmende in Lauf ein.

Interkulturelle Unterschiede

Zunächst referierte Manfred Schreiner, ehemaliger Integrationsbeauftragter des BLLV und Lehrbeauftragter für Interkulturelle Pädagogik. Er sprach über das Thema „Interkulturelle Konflikte kompetent erfassen und lösen“.

Die meisten Konflikte basieren auf Missverständnissen. Warum missverstehen wir einander so leicht? Am anschaulichsten lassen sich kulturelle Differenzen anhand der Körpersprache verdeutlichen, wie der Pädagoge gleich zu Beginn seines Vortrags mit entsprechenden Gesten vorführte: Zwei in die Höhe gestreckte Daumen, in Deutschland eindeutig ein Zeichen des Lobes, sind in anderen Ländern eine Beleidigung. Ein Kopfnicken, in Deutschland ein Zeichen der Zustimmung, bedeutet bereits im Mittelmeerraum das genaue Gegenteil.

Kulturen unterscheiden sich – nicht nur in ihrer Körpersprache, auch in ihrer Einstellung zu Bürokratie und Zeit, Gemeinschaft und Erziehung. Ein Beispiel Manfred Schreiners: Der Tag unserer Geburt hat in Deutschland einen enorm hohen Stellenwert. Alljährlich feiern wir ihn, oft groß, auf jedem Formular und Dokument ist er vermerkt. Anders in der Türkei. Dort gibt es ein Gesetz, das es für zulässig erklärt, das Geburtsdatum einmal im Leben zu ändern. Und so werden viele Jungs jünger, damit sie später in den Wehrdienst müssen, die Mädchen älter, damit sie früher heiraten können.

„Wir müssen wissen“, so Schreiner, „dass unsere Mentalität und Sozialisation nicht das A und O ist“. Er rät, nicht jedes Verhalten, das dagegen verstößt, persönlich zu nehmen. „Man muss die Klienten dort abholen, wo sie stehen.“ Zugleich warnt der Pädagoge die Ehrenamtlichen vor der „Anbiederungsfalle“: „Die Toleranz hat dort ihre Grenzen, wo ein Lehrer die Führung aufgibt.“ In jedem Fall gilt: „Die Beziehung ist wichtiger als die Sache. Wenn die Schüler den Lehrer mögen, gehen sie mit. Wenn nicht, kann er sich auf den Kopf stellen und wird ihnen doch nichts beibringen.“

Anschließend referierte Lutz Otto, der als Experte für Deutsch als Zweitsprache in multinationalen Übergangsklassen in Nürnberg und als Lehrbeauftragter an der FAU Erlangen-Nürnberg tätig ist. Sein Thema: Grundprinzipien und Methodenvielfalt im Unterricht mit Sprachanfängern.

Bevor Lutz Otto selbst viele Worte verlor, brachte er die Gruppe ins Gespräch und demonstrierte, wie sich anhand eines Rasters mit Fragen, die alle betreffen, die Redeanteile der Schüler erhöhen lassen. Auf Zetteln, die der Dozent austeilte, standen Fragen wie: „Haben Sie schon einmal eine Fremdsprache unterrichtet?“, „Können Sie die Teilnehmer in fünf verschiedenen Sprachen begrüßen?“ oder „Kennen Sie ein (Kennen-)Lernspiel, das nonverbal erklärt und verstanden werden kann?“. Eifrig begaben sich die Teilnehmer in die Raummitte und befragten einander.

Wichtige Gesten

Nachdem sie auf ihre Plätze zurückgekehrt waren, blieb die Gruppe unruhig. Otto ließ den Blick kreisen, solange bis allmählich das allgemeine Gemurmel verebbte und zeigte: Unsere Körpersprache sorgt nicht nur für Missverständnisse, sie kann uns auch positiv unterstützen. Siebzig Prozent der Informationen an unsere Umwelt werden nonverbal übertragen. „Ein Lehrer“, so Otto, „kann sich selbst entlasten, indem er Gesten einführt und ritualisiert. Etwa indem er einen Fingerzeig hinter sich macht, wenn er „morgen“ sagen will oder zwei parallele Handflächen zeigt, für die Aufforderung, mit ganzem Satz zu sprechen.

„Wir empfinden es generell als unangenehm, in einer Fremdsprache in einer Gruppe zu sprechen.“ Lutz Otto rät deswegen, Anknüpfungspunkte bei den Schülern zu suchen. „Die Einbindung der Erfahrungswelt der Schüler ist ein großer Vorteil für die Motivation. Wir sprechen über sie.“ Er rät, sich die Frage zu stellen: „Was können Sie? Auch in ihrer Sprache. Dass sie nicht dazu in der Lage sind, sich in der deutschen Sprache auszudrücken, heißt nicht, dass die Schüler nichts können.“ Ein sehr wichtiges Prinzip: „Wertschätzung ist der beste Katalysator für den Spracherwerb.“

Am Samstag, 26. September, treffen sich die Teilnehmer für den zweiten und dritten Teil der Fortbildungsreihe in Lauf wieder. Diesmal in der katholischen St. Otto Kirche.

Julia Hornung

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