Reittherapie in Fischbach

Das Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde

Sich an Dana zu schmiegen, tut Tobis Rücken gut.2014/04/reittherapie_1.jpg

FISCHBACH – Therapeuten auf vier Beinen: In Fischbach sorgen vier Haflinger dafür, dass es den Kindern aus den Einrichtungen des Vereins für Menschen mit Körperbehinderung ein bisschen bessergeht. Doch auch die nichtbehinderten Kinder profitieren von den Motorikübungen und dem Kontakt mit den Tieren.

Tobias leckt sich über den Mund, klappt seine Zunge nach oben und lacht. Er imitiert Danas Verhalten. Das ist gut für seine Mundmotorik. Die Stute hat gerade gefressen und schleckt sich übers Maul. Die sechs Kinder aus dem „Schmetterlingsgarten“ stehen in einem Halbkreis vor ihr und sehen ihr dabei zu. Eine Erzieherin trägt den sechsjährigen Tobi zum Therapiepferd Dana, er streckt seine Hände nach ihr aus, als könne er es nicht erwarten, sie zu berühren. Vorsichtig fasst er sie an und lässt seine Hände auf ihrer Schulter ruhen.

Tobi lebt mit spastischer Tetraparese. Die Behinderung zeigt sich vor allem in der Lähmung von Armen und Beinen. Er ist dadurch motorisch eingeschränkt. Seit vergangenem Jahr kommt er immer wieder nach Fischbach, gemeinsam mit anderen Kindern aus dem integrativen Kindergarten „Schmetterlingsgarten“. 15 Kinder gehören zur Gruppe, davon fünf Behinderte. Im wöchentlichen Wechsel dürfen kleine Gruppen aus behinderten und nichtbehinderten Knirpsen zur Reittherapie.

Der Ablauf ist immer der Gleiche. Denn Reihenfolgen sind für alle Kinder wichtig, um Sprechen zu lernen. „Der Satzbau folgt ja auch einer bestimmten Ordnung“, sagt Verena Pommer, die Leiterin des heilpädagogischen Reitens. Die vier Therapiepferde Nico, Armstrong, Bea und Dana werden immer mit einbezogen.

Bevor es losgeht, bereiten die Kinder Danas Futterschüssel vor. Mit einem Apfelschneider zerteilen sie das Obst. Sie strengen sich an, pressen ihre Münder aufeinander. „Das schult die Mundmotorik“, sagt Pommer. Caly und Zenab holen die Haflingerstute Dana ab und führen sie in die Reithalle.

Tobi hilft mit

Die Kinder bürsten die Stute, kratzen die Hufe aus und streicheln sie. Der Sechsjährige schaut erst vom Kinderwagen aus zu. Als sein Kopf zur Seite fällt, schiebt Caly ihn wieder gerade. Dann will auch Tobi mithelfen. Weil seine Hand nicht richtig greift, lässt Pommer ihn eine kleine Bürste nehmen. Sie hält ihn, während er über Danas Schulter streicht. Die großen Bewegungen, welche die Körpermitte überqueren, entspannen Tobis steifen Körper. Dann legt die Reittherapeutin Tobi an Danas Rippenpartie. Sein Körper schmiegt sich an das warme Tier. „Hier spielt auch Physiotherapie mit rein“, so Pommer. Die Sozialpädagogin hat eine berufsbegleitende Ausbildung zur Reitpädagogin gemacht. „Die Kinder sollen am Ende sagen, dass sie nur gespielt haben. Die Sachen sind einfach, aber es ist immer was dahinter“, sagt die Reittherapeutin. Sie fokussiert in Spielen und Bewegungen die Stärken der Kinder, um ihre Schwächen darin zu integrieren. Auch Erwachsene kommen zur Reittherapie nach Fischbach. „Ich bin aber mehr auf Kinder spezialisiert, weil man da am wirksamsten fördern kann“, so die 51-Jährige. Auch blinde Kinder, Heranwachsende mit Down-Syndrom oder offenem Rücken tut der Kontakt mit den Pferden gut. „Schubladen gibt es aber nicht, ich muss gucken, wo jeder Einzelne steht“, meint die Reittherapeutin.

Dana ist das nervenstärkste der vier Therapiepferde. Haflinger eignen sich besonders gut, denn sie haben ein ruhiges Wesen. „Sie sind nicht so groß. Man kann deshalb gut sichern und besser am Menschen arbeiten“, so die Expertin. Außerdem sind Haflinger Gewichtsträger. Gerade in der Hippotherapie, einer Form von Krankengymnastik auf dem Pferderücken, ist das ausschlaggebend. Damit die Pferde nicht überfordert werden, kommen sie maximal drei Mal pro Tag zum Einsatz. „Es ist ganz wichtig, dass die Pferde innerlich und äußerlich gesund bleiben“, sagt Pommer. Und dass sie „einfach mal Pferd sein können“, also auf der Weide und dem Paddock herumtollen können und ausgeritten werden.

Anfangs hatte Tobi große Angst vor den Therapiepferden. Da hat er auch noch viel geweint. Jetzt sitzt er selbstbewusst seitlich auf Danas Rücken. Assistent Sebastian Waniek hält seinen Körper fest, eine Praktikantin seinen Kopf, weil er „noch keine gute Kopf-Rumpf-Kontrolle hat“. „Wenn er normal auf dem Pferd sitzen würde, würde sein Körper zu sehr gedehnt und er bekäme starke Schmerzen“, sagt Verena Pommer. Tobias hat sich gut entwickelt, seitdem er zur Reittherapie kommt. „Bei ihm ist sprachlich sehr viel passiert, geistig ist er ja fit“, meint Anna Souksengphet-Dachlauer, die beim Verein für Menschen mit Körperbehinderung für die Presse und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist und Tobi seit drei Jahren kennt. „Er ist selbstbewusster und selbstständiger geworden. Er lässt sich auf viele Bewegungen ein und kann mittlerweile ganz schön greifen“, meint Pommer. Früher musste sie seine Hände lange massieren, bis sie aufgegangen sind.

Während Tobi reitet, spielen die anderen Kinder auf einem von mehreren Waldspielplätzen. Dort haben sie eine Hütte mit einigen Gängen gebaut, durch die sie nun krabbeln. Ein Kopf nach dem anderen taucht aus dem Gewirr von Zweigen und Nadeln auf. Doch natürlich dürfen auch sie aufs Pferd.

Der Verein für Menschen mit Körperbehinderung finanziert das heilpädagogische Reiten für die Kleinen in den vier Kindergärten und einer Kindergruppe über Spenden. Fahrtkosten und Reitstunden summieren sich zusammen pro Jahr auf 35.000 Euro. „Der Verein zahlt immer drauf. Deshalb haben wir solche Probleme, wenn wir etwas Neues anschaffen müssen“, so Souksengphet-Dachlauer. Momentan wird ein maßgefertigter Sattel für Dana gebraucht. Denn die Stute hat einen schiefen Rücken. Kosten: 1000 Euro.

Am Ende halten die „Schmetterlinge“ Danas Futterschüssel. Gierig schlingt das Pferd die Belohnung hinunter. „Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp“, singen die Knirpse zum Abschied, bevor sie Dana ein letztes Mal streicheln.

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