Peter Stief im Portrait

Vom Amtsschimmel und vom Innehalten

Peter Stief ließ in seiner Amtszeit als Bürgermeister von Kirchensittenbach immer die Kirche im Dorf. Foto: U. Scharrer2014/03/5_2_1_2_20140401_STIEF.jpg

KIRCHENSITTENBACH (us) – „Ich hab´ mich oft gewundert, wie dumm g´schaide Leut sein können!“ Die Lust am deutlichen Wort ist dem scheidenden Bürgermeister von Kirchensittenbach, Peter Stief, auch kurz vor seinem Abschied noch nicht vergangen. 16 Jahre lang lenkte er die Geschicke seiner Landgemeinde mit den 21 Ortsteilen und erlebte dabei Höhen und Tiefen, lernte liebenswerte Menschen ebenso wie kritische Mitbürger kennen- und eben auch den Amtsschimmel, auf den er sich eingangs bezieht.

In die Lokalpolitik ist der 71-Jährige von Kindesbeinen an hineingewachsen. Schon als Konfirmand half Peter Stief seinem Vater, dem Bürgermeister von Oberkrumbach, bei den Schreibarbeiten. Die wurden am Sonntagmorgen in der „Amtsstunde“ erledigt. Dieses Tun mündete unweigerlich ins Engagement in der Gemeinde. Sich 1995, nach 18 Jahren ehrenamtlicher Gemeinderatsarbeit, als hauptamtlicher Bürgermeister von Kirchensittenbach zur Wahl zu stellen, war aber eine sehr bewusste und im Ursprung einsame Entscheidung. Zu der Zeit war er bereits langjähriger Mitarbeiter in der Druckerei Pfeiffer, von Lehrlingstagen an bis zum Meister. Der Familie teilte er seinen Entschluss am Mittagstisch mit. Seine drei Kinder reagierten prompt. Sie legten den Löffel weg und konterten: „Eins sagen wir dir gleich: Bürgermeisterskinder werden wir nicht!“. Das mussten sie auch nicht. Peter Stief legte Wert darauf, dass sie eine normale Kindheit und Jugend verleben konnten. Die Anliegen des Berufs an der Schwelle des eigenen Heims zurückzulassen, ist ihm trotzdem nicht immer gelungen, äußerlich und innerlich. Mal klingelte das Telefon zur Unzeit, mal konnte er Dinge, die ihn in der Gemeinde bewegt hatten, nicht mit dem Feierabendläuten abstreifen. „In der ersten Amtsperiode hatte ich Männer im Gemeinderat, die im Krieg noch um ihr Leben gerannt sind!“ Die Wichtigkeit trivialer Entscheidungen wie „fahren wir jetzt eine Fuhre Schotter da hin oder dort hin?“ wurde da schnell relativiert.

Eine ähnliche Wirkung hatten die langjährigen Beziehungen zur Partnergemeinde „Imigrante“ in Brasilien. Sie nahmen ihren Anfang in einem Brief, den der Missionar und Oberkrumbacher Konrad Rösel um 1890 in die alte Heimat versandte: an Stiefs Großvater, der mit Rösel die Schulbank gedrückt hatte. Das in Sütterlinschrift verfasste Schreiben in die Heimat, das Stief noch immer hütet, begründete Freundschaften, die bis heute bestehen. Das krasse Gefälle zwischen sehr arm und sehr reich, das Peter Stief bei seinen zwei Brasilienreisen sehen konnte, hat ihn nachhaltig beeindruckt. Ein weiterer Höhepunkt in seiner Amtszeit war die 1000-Jahr-Feier seines Heimatortes Oberkrumbach.

Doch die Anforderungen an einen guten Verwalter einer Gemeinde bestehen aus weit mehr als Repräsentieren, Feiern und Reisen. „Die Finanzen in Ordnung zu halten ist vielleicht die wichtigste und schwierigste Aufgabe“, überlegt Stief. Allerdings fallen ihm auf Anhieb noch unzählige andere Anliegen ein, mit denen er sich in seiner ungewöhnlich langen Amtszeit herumzuschlagen hatte. „Den Mut zum Nein Sagen“, wünscht er denen, die nach ihm kommen. „Denn was nützt es, sich das Sahnehäubchen auf den Kaffee zu kaufen, wenn man die Tasse Kaffee nicht bezahlen kann?“, bebildert er das manchmal leichtsinnige Jong lieren mit staatlichen Zuschüssen. Da kann sich der zukünftige Altbürgermeister in Rage reden. Oder über die, die den Tourismus voranbringen wollen und gleichzeitig dem Gastwirt, der „in der Woche ein Suggerl für den Braten absticht", so viele Auflagen aufbürden, dass das Wirtshaussterben auf den Dörfern nicht wundert.

Aber es gibt auch eine andere Seite: „Hören Sie die Kirchenglocken?“, fragt Peter Stief und öffnet ein Fenster. Freitag, 9 Uhr, das Gedenkläuten zur Todesstunde Jesu. Das war schon zu Schulbubentagen ein Anlass zum Innehalten, als Bürgermeister hat Stief es vermieden, sich auf diesen Zeitpunkt einen Termin zu legen. „Wenn man sich kurz besinnt, dass es etwas gibt, das über unsere Welt hinausgeht, ist man wieder tauglicher für die Anforderungen des Alltags“, meint er.

Und was, wenn dieser Alltag ab dem ersten Mai deutlich ruhiger wird? Peter Stief winkt ab, genaue Pläne hat er noch nicht. Irgendetwas, um den Geist beweglich zu halten. Mit dem Abschied an sich ist er versöhnt: „Mit 71 Jahren ist man doch kein Spiegel der Gesellschaft mehr!“. Sein zusammengewachsenes Team im Rathaus, seit 8 Jahren unverändert, wird er aber schon vermissen. Und seinem Nachfolger gibt er folgendes Bonmot mit auf den Weg: „ Der Vorgänger soll seinem Nachfolger nichts vorsagen, der Nachfolger soll seinem Vorgänger nichts nachsagen.“

N-Land Hersbrucker Zeitung
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