Partner aus Brasilien?

Hugo Kirchheim (rechts) überbrachte Bürgermeister Peter Stief ein Schreiben von Bürgermeister Paulo Altmann aus Imigrante, in dem dieser darum bat die Partnerschaft zwischen Kirchensittenbach und der Gemeinde im Süden Brasiliens zu vertiefen. Foto: E. Bodendörfer2010/10/5_2_1_2_20101027_BRAS.jpg

KIRCHENSITTENBACH – Brasilien, das riesige Land am Amazonas, elf Flugstunden von Deutschland entfernt. Ist es nicht eine Nummer zu groß, eine Partnerschaft mit einer Gemeinde in der aufstrebenden Nation einzugehen? Die Gemeinde Kirchensittenbach ist auf dem besten Weg dazu, sich dieser Herausforderung zu stellen.

Vor Kurzem kam kein Geringerer als der ehemalige Präsident der evangelischen Kirche lutherischen Bekenntnisses in Brasilien, Huberto Kirchheim, nach Kirchensittenbach, um in einer Sitzung des Gemeinderats ein Schreiben von Bürgermeister Paulo Altmann aus Imigrante mitzubringen, in dem dieser darum bittet, die bisherigen freundschaftlichen Verbindungen zu beleben und daraus „mehr“werden zu lassen.

Kirchheim weilt derzeit in Neuendettelsau anlässlich der 150-Jahrfeier des Martin-Luther-Vereins, der seinerzeit in Hersbruck gegründet wurde. Der brasilianische Pfarrer freute sich über den mehrtägigen Abstecher nach Kirchensittenbach, schließlich kennt er Bürgermeister Peter Stief und einige andere Sittenbachtaler schon länger. Vor zwei Jahren reiste eine kleine Delegation in die 3000-Seelen-Gemeinde Imigrante und kam hellauf begeistert von der eindrucksvollen Exkursion zurück.

Damals wurden viele freundschaftliche Kontakte geknüpft. Was auch nicht schwer war, schließlich heißt es in Imigrante „Man spricht Deutsch“. Neben einer Reihe von Italienern siedelten sich ab 1824 viele deutsche Auswanderer hauptsächlich aus dem Hunsrück und aus Westfalen im hügeligen Süden Brasiliens im Bundesland Rio Grande do Sul an und pflegen dort ihre Traditionen noch heute mit Sprache, Tanz, Gesang und alten Bräuchen.

Der erste Sittenbachtaler, der nach Brasilien ging, war Johann Konrad Rösel aus Oberkrumbach. Er wurde 1898 vom Martin-Luther-Verein als zweiter von 140 Pfarrern dorthin entsandt, um Schulen und Kirchen für die Auswanderer einzurichten. Denn: „In Brasilien waren sie zunächst Ausgeschlossene, weil sie offiziell nicht anerkannt wurden, auch vom Glauben her“, erzählte Kirchheim den Gemeinderäten. Die deutschstämmigen Bewohner von Imigrante besinnen sich noch stark auf ihre Vergangenheit und auf ihre Wurzeln und sind deshalb sehr an einer Partnerschaft mit Kirchensittenbach interessiert, wie das Schreiben von Bürgermeister Altmann verdeutlichte.

Die Kirchensittenbacher, die bisher mit den Brasilianern in Kontakt waren, sind Feuer und Flamme für eine derartige Verbindung. Problem ist, dass noch viel zu wenige Sittenbachtaler über diese Kontakte überhaupt Bescheid wissen. Außerdem muss der Gemeinderat in einer der nächsten Sitzungen beraten und abstimmen, ob die Partnerschaft zwischen den Kommunen offiziell besiegelt werden soll. Erst wenn diese Verbindung amtlichen Charakter hat, könne die Gemeinde auf Unterstützung von außen, zum Beispiel von der Landeskirche, hoffen.

Einige Ideen wurden bereits gesammelt, wie die zarten Bande gefestigt werden könnten. Brief- oder E-Mail-Freundschaften zwischen den Schulen, Praktikantenstellen im sozialen, gewerblichen oder landwirtschaftlichen Bereich, Jugendaustausch oder der Austausch auf kirchlicher Basis waren einige der Vorschläge, die aus dem Gremium kamen. Außerdem könnten in den Mitteilungsblättern der Gemeinden regelmäßig die Neuigkeiten aus dem Sittenbachtal und dem Taquari-Tal veröffentlicht werden. Auch die Bevölkerung und die Vereine sind aufgerufen, sich mit Vorschlägen zu einer künftigen Partnerschaft einzubringen.

Bürgermeister Peter Stief gab Huberto Kirchheim die Botschaft mit auf den Weg, dass die Gemeinde Kirchensittenbach intensiv am Projekt Partnerschaft „dran bleiben“ werde. Die beiden Bürgermeister wollen sich über die Formalitäten und einen Partnerschaftsvertrag weiter austauschen.

Kirchheim brachte sich jedenfalls gleich aktiv als Partnerschaftsvermittler ein, denn er sprach nicht nur vor den Gemeinderäten, sondern auch im Gottesdienst vor der Kirchengemeinde und zeigte einen beeindruckenden Film aus seiner in jeder Hinsicht fortschrittlichen Heimat, der viele Klischees über Brasilien aus dem Weg räumte. Wie Bürgermeister Stief nach seinem Besuch in Imigrante vor zwei Jahren schon sagte: „Wir waren in einem Deutschland auf der anderen Seite des Äquators.“Elke Bodendörfer

N-Land Hersbrucker Zeitung
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