Interview mit Erwin Janko

,Inklusion braucht mehr als bisschen Motivation‘

Erwin Janko, Rektor der Dr.-Bernhard-Leniger-Schule in Schönberg, vor einem Plakat, das Schüler ihm zu seinem Abschied gemalt haben. | Foto: Buchner-Freiberger2018/07/janko-lebenshilfe-abschied1.jpg

SCHÖNBERG — An der Dr.-Bernhard-Leniger-Schule endet mit dem Schuljahr eine Ära: Rektor Erwin Jan­ko geht nach 24 Jahren als Rektor in den Ruhestand. Wir haben mit dem 64-Jährigen unter anderem über die Entwicklung und die Bedeutung der Lebenshilfe-Schule in Zeiten der Inklusion gesprochen.

Herr Janko, fast 40 Jahre an derselben Schule, davon 24 Jahre Rektor – Ihnen scheint es gut gefallen zu haben in Schönberg. Was macht die Dr.-Bernhard-Leniger-Schule zu einem so tollen Arbeitsplatz?
Janko: Natürlich habe ich hin und wieder überlegt, ob ich für mich selbst und auch für die Leute um mich herum mal wechseln sollte (schmunzelt), aber letztlich gab es dafür keinen Grund. Neben der Sacharbeit waren es in erster Linie die Menschen hier, die meinen Beruf so angenehm gemacht haben. Besonders die direkten Kollegen, aber auch die Mitarbeiter in den Stabsstellen der Lebenshilfe-Hauptverwaltung und die Referenten im Sachgebiet Förderschulen an der Regierung von Mittelfranken mit ihrem fachlichen Engagement und ihrer menschlichen Kompetenz. Es war nicht nur Teamarbeit, sondern Teamgefühl.

Wie viele Mitarbeiter gibt es an der Dr.-Bernhard-Leniger-Schule?
Janko: Wir haben an der Schule 20 Lehrkräfte, darunter Sonderpädagogen, Heilpädagogische Förderlehrer, Fachlehrer und zusätzlich Kinderpflegerinnen und Schulbegleiter. In der Heilpädagogischen Tagesstätte, die rund 75 Prozent unserer Schüler besuchen, sind Erzieherinnen, Pflegekräfte, Sozialpädagoginnen, Psychologen und medizinische Therapeuten beschäftigt. In der Gesamt­einrichtung kommen wir auf fast 90 Mitarbeiter. Interdisziplinäre Arbeit ist daher das A&O.

Die Sacharbeit haben Sie schon kurz angesprochen. Was meinen Sie damit konkret?
Janko: Mein Aufgabenbereich war unglaublich vielfältig, vor allem wegen der Individualität der Kinder hier. Ich möchte den Wert keiner Schule schmälern, aber an einem Förderzentrum mit dem Schwerpunkt „Geistige Entwicklung“ sind die Kinder vermutlich am heterogensten. Vom schwerstbehinderten Kind, das ganz basale Dinge benötigt, über körperbehinderte Kinder, Autisten, Schüler mit kognitiven und sozialen Beeinträchtigungen bis hin zu Schülern im Grenzbereich, die sinnerfassend Texte lesen lernen. Außerdem muss ein Rektor heute nicht nur Pädagoge, sondern Klempner, Buchhalter und Bausachverständiger sein (lacht), also große Fachkompetenz außerhalb der Pädagogik haben. Positiv könnte man sagen: Ich hatte keine Stunde Langeweile.

Sie selbst sprechen von „geistig behinderten“ Kindern, eine Bezeichnung, die heute eigentlich gern vermieden wird, oder?
Janko: Die Bandbreite ist groß. Häufig wird der Begriff „Handicap“ gebraucht, im Englischen wird „special needs“ verwendet. Doch gleichzeitig gibt es zum Beispiel ganz selbstverständlich das Wort „behindertengerecht“. Ich finde „behindert“ dann gerechtfertigt, wenn damit der gesetzliche Förderbedarf klassifiziert wird, aber nicht, um das Defizit eines Menschen zu beschreiben.

Die Lebenshilfe Nürnberger Land ist in den letzten Jahren enorm gewachsen. Die inklusiven Wohnwelten in Altdorf sind hinzugekommen, die Wohnstätte am Haberloh, um nur einige zu nennen. Welche Rolle spielt die Dr.-Bernhard-Leniger-Schule innerhalb der Lebenshilfe?
Janko: Unser Träger schätzt und präsentiert jede seiner Einrichtungen gleichermaßen. Die Schule war 1978 die Gründungseinrichtung der Lebenshilfe im Landkreis. Entstanden ist sie aus einer Elterninitiative heraus, die Eltern wollten eine spezielle Schule für ihre geistig behinderten Kinder. Als solche ist sie heute noch sehr wichtig, schließlich gibt es eine Schulpflicht für alle Kinder, auch für solche mit Behinderung.

Seit Deutschland 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert hat, haben Kinder mit Behinderung das Recht, eine Regelschule zu besuchen. Wie haben sich seitdem die Schülerzahlen in Schönberg entwickelt?
Janko: Wir haben derzeit knapp über 100 Schüler, der Höchststand waren 125, in den 2000er-Jahren hatten wir einen leichten Rückgang zu verzeichnen. Für das kommende Schuljahr sehen wir allerdings einen deutlichen Anstieg.

Woran liegt das?
Janko: In diesem Fall kommen viele „Seiteneinsteiger“ zu uns. Also ältere Schüler, die hier ihre Berufsschulpflicht erfüllen, da wir eine Berufsschulstufe anbieten. Wir registrieren, dass Inklusion in den Regelschulen mit zunehmendem Alter und Leistungsanspruch schwieriger wird. Was im Kindergarten und in der Grundschule noch gut funktioniert, wird in der Mittelschule, wenn die Kinder in die Pubertät kommen, problematischer. An der Dr.-Bernhard-Leniger-Schule bemühen wir uns intensiv um berufliche Integration, indem wir Praktika vermitteln und mit dem Integrationsfachdienst ACCESS in Erlangen zusammenarbeiten.

Wie viele Ihrer Entlassschüler schaffen den Sprung in den normalen Arbeitsmarkt?
Janko: In einem Jahrgang mit neun Entlassschülern sind es zwischen einem und drei Jugendlichen.

Glauben Sie, dass es angesichts der Inklusionsbemühungen die Lebenshilfe-Schule in 40 Jahren noch geben wird?
Janko: Das hängt zum einen davon ab, wohin die Bayerische Bildungspolitik geht. Derzeit haben die Eltern zwar die gesetzlichen Möglichkeiten, ihr Kind in eine Regelschule zu schicken, aber es gab keine echte Schulreform. Dazu bräuchte es eine systemische Veränderung. Und dann kommt es darauf an, wie Eltern die verschiedenen Angebote wahrnehmen. Die Umsetzung ist vor Ort sehr unterschiedlich. Im Nürnberger Land ist die Tendenz zur Inklusion tatsächlich stark ausgeprägt. Unser mobiler Dienst betreut 20 Kinder an Regelschulen, die dem Förderbedarf eines Förderzentrums entsprechen. Wichtig ist mir zu sagen, dass für eine inklusive Beschulung „ein bisschen Motivation und guter Wille“ bei allen Beteiligten eben nicht reichen. Man muss in jedem Fall sehr genau hinsehen.

Das bedeutet aber auch, dass der Beratungsaufwand für Sie enorm zugenommen hat, oder? Wie oft sitzen Eltern vor Ihnen, die sich nicht sicher sind, welche Schule die richtige für ihr Kind ist?
Janko: Die Beratungsarbeit war immer schon intensiv, aber natürlich haben die Eltern jetzt mehr Möglichkeiten. Wir bieten Informationsbesuche an oder Hospitationen. Wir sagen, was wir als Schule leisten können, aber auch, wo unsere Grenzen sind. Nicht wir entscheiden letztlich, sondern die Eltern. Die Wahlmöglichkeit der Eltern endet allerdings dort, wo der finanzielle Aufwand, den eine Regelschule für die Inklusion eines behinderten Kindes hätte, unverhältnismäßig wäre oder wo gar das Kindeswohl gefährdet ist.

Wie stellen Sie sich persönlich das ideale Modell für die Zukunft vor?
Janko: Man muss sich auf den Weg machen, ohne gleich alles auf einmal umsetzen zu wollen. Ich würde mir ein Förderzentrum als eine Art „Poliklinik“ wünschen, als eine Schule, die eng und über kurze Wege mit anderen Einrichtungen verzahnt ist. So könnten Kinder mit Behinderungen, ihre Stärken entsprechend, auch andere Einrichtungen besuchen. Da würde der Förderbedarf gar nicht mehr so auffallen. Dazu wäre aber noch mehr Flexibilität nötig als jetzt schon.

Anderes Thema: Wie sehen Ihre Pläne für den Ruhestand aus?
Janko: Da meine Frau noch berufstätig ist, wird sich unser Alltag gar nicht so großartig verändern. Ich werde mehr Zeit haben für Hobbys wie Sport, Technik und Fotografie. Und vielleicht reaktiviere ich meine Holzwerkstatt.

Steht Ihr Nachfolger in der Schulleitung schon fest?
Janko: Ja, es wird Stefan Pesth werden, der seit vielen Jahren an der Schule ist und der sich durch seine Tätigkeit an der Inklusiven Grundschule Heuchling sehr gut mit dem Thema Inklusion auskennt. Ich bin mir sicher, dass diese Personalie eine sehr gute Wahl für die Dr.-Bernhard-Leniger-Schule ist.

N-Land Stefanie Buchner-Freiberger
Stefanie Buchner-Freiberger