AG Mobilität testet Innenstadt

Wie barrierefrei ist Hersbruck?

„Wirklich gut gemacht“ finden Doris Wetzel, Dr. Horst Bauer und Tobias Langer (v. links) Querungshilfe und abgeflachte Bordsteine an der Ecke Martin-Luther-Straße/Kugelgasse. Rollstuhlfahrer, Senioren mit Rollatoren und Mütter mit Kinderwagen kommen hier problemlos auf die andere Straßenseite. | Foto: Porta2019/12/DSC-2093-scaled.jpg

HERSBRUCK – Wie barrierefrei ist die Innenstadt von Hersbruck? Um das herauszufinden, hat sich die AG Mobilität der Initiative „Hersbruck inklusiv“ vor Ort ein Bild gemacht – begleitet von zwei Rollstuhlfahrern. Ergebnis: Es gibt einige sehr gute Lösungsbeispiele, aber es bleibt auch noch vieles zu tun.

Zuvor hatte sich die Arbeitsgruppe Mobilität schon um den „Ist-Zustand“ in Sachen behindertengerechte Toiletten gekümmert. Nun entstand in der Gruppe die Idee, auch die Straßen und Wege im Stadtkern auf ihre Befahrbarkeit für Rollstuhlfahrer, Senioren mit Rollatoren und Gehhilfen oder Mütter mit Kinderwagen zu bewerten, insbesondere im Hinblick auf die Art des Kopfsteinpflasters.

Herausgekommen ist dabei eine Liste mit 32 Stellen in der Altstadt, die die Mitglieder der AG zum großen Teil nach ihrer Priorität einordneten – von „sehr wichtig“ über „wünschenswert“ bis „nicht unbedingt nötig“. Diese übergaben sie Bürgermeister Robert Ilg mit dem Wunsch, sie „im Sinne eines inklusiven Hersbruck“ umzusetzen.

Begrenztes Budget

Ilg, der den Test mit angeregt hatte, bedankte sich bei den AG-Mitgliedern – Caritas-Bereichsleiter Michael Schubert, Dr. Horst Bauer, Monika Seyfert, Doris Wetzel, Tobias Langer, Georg Götz und Frank Durta – für ihren Einsatz und deren Anregungen. Er gab aber zu bedenken, dass einige Punkte der Liste nicht so einfach anzupacken seien, weil das Innenstadtbild nicht verändert werden dürfe (Stichwort: Ensembleschutz). Zudem verfüge Hersbruck jedes Jahr nur über ein begrenztes Budget für den Straßenbau und -erhalt.

Immerhin vier der 32 „Prüfstellen“ bekamen von der Gruppe ein grünes „Daumen hoch“-Symbol, weil Rollstuhlfahrer, Senioren mit Rollatoren und Mütter mit ihren Kinderwagen dort perfekte Bedingungen vorfinden.
„Wirklich gut gemacht ist die Martin-Luther-Straße gegenüber vom Café Bauer“, heißt es in der Liste. Dort ist sowohl die Kugelgasse gut überquerbar wie auch die Martin-Luther-Straße selbst, vor allem wegen des glatten Pflasters und der abgesenkten Bordsteinkanten.

Auch an der Frankengasse findet sich solch ein guter Übergang. Und am Eisenhüttlein (zwischen Bauwelt Franken und dem ehemaligen Schuster Seitz sowie am oberen Ende zum Oberen Markt), am Oberen Markt bei den Parkplätzen und beim Wassertor.

Poststraße mit Bestnote

Sehr gut gelöst ist auch der Übergang von der Sparkasse zum Beginn der Prager Straße, von dem glattes Pflaster sowohl links wie auch rechts den oberen Markt hinauf abzweigt. „Allerdings ist es dort teilweise verstellt“, sagt Horst Bauer, seit Jahren wegen einer MS-Erkrankung auf den Rollstuhl angewiesen. Das gut befahrbare Pflaster geht auch zum Unteren Markt und überquert die Poststraße, die ebenfalls die Bestnote erhält, nicht zuletzt dank der Absenkungen für die Straßenüberquerung.

An vielen anderen Stellen der Cittaslow fällt das Urteil der Gruppe weniger gut aus. Gleich 14 Mal vergab sie „Priorität 1 – sehr wichtig“, unter anderem für den Hintereingang des Rathauses. Schon die Passage vom gut befahrbaren Pflaster entlang des ehemaligen Hotels „Roter Hahn“ über deutlich groberen Belag hinweg ist alles andere als optimal. Zudem schlägt die AG vor, die Rampe am Rathaus selbst nach allen Seiten hin abzuflachen und innen und außen einen elektrischen Türöffner an „für behinderte Menschen geeigneten Positionen“ anzubringen.

Weitere Beispiele sind der Untere Markt („gut umfahrbar, aber keine Quertrassen“), die „ziemlich schräge und enge“ Pflasterung vor der Treppe zum Bürgerbüro oder der Schlossplatz, der „extrem grob gepflastert“ ist und nur einen Übergang für Rollstühle oder Rollatoren aufweist.

Barriere für Gottesdienstgänger

Ein ganz eigenes Kapitel ist das Areal rund um die Stadtkirche, auf dem die Gruppe gleich mehrere „Minuspunkte“ entdeckt hat – wie übrigens auch auf der Zufahrt über die Kirchgasse oder vom Schlossplatz aus. „Das ist auch deshalb schade“, sagt Horst Bauer, „weil vor allem auch ältere Menschen gerne in den Gottesdienst gehen.“

„Wünschenswert (Priorität 3) wären Querungshilfen am Oberen Markt vor dem Nürnberger Tor und bei der Eis-Oase. Der Mauerweg ist von der Braugasse aus zunächst gut befahrbar, allerdings werden hier – wie an vielen anderen Stellen – sorglos abgestellte Autos für gehandicapte Menschen zu einer unüberwindbaren Klippe.“ Statt auf dem gut befahrbaren Bordsteinstück weiterfahren zu können, müssen sie auf deutlich schlechteren Untergrund ausweichen.

Unter „nicht unbedingt nötig“ (Priorität 5) finden sich fehlende Übergänge zwischen dem „Roten Hahn“ und dem früheren „City-Paper“ und ein Stück weiter in der Martin-Luther-Straße beim ehemaligen Café Trunk. Auch der extrem schmale und für Rollstuhlfahrer nicht bis zum Ende befahrbare Gehweg gegenüber von Tabak Biegel fällt in diese Kategorie.

Schilder in Sichthöhe

Gut wäre es laut AG Mobilität auch, wenn es im Innenstadtbereich Schilder mit wichtigen Hinweisen auf Sichthöhe von Rollstuhlfahrern gäbe: etwa ein Stadtplan mit Hinweisen auf Behinderten-Toiletten, Fahrwege, Aufzüge und ähnliches. Dieser sollte an geeigneten Stellen aufgehängt werden und online auf der Homepage der Stadt Hersbruck zu finden sein.

Auf einen Hinweis legt die AG Mobilität besonderen Wert: Die von ihr angeführten Verbesserungsvorschläge haben einen ernsten Hintergrund. Für viele Rollstuhlfahrer sind die Erschütterungen, denen sie auf grobem Pflaster ständig ausgesetzt sind, sehr schmerzhaft und können unter Umständen sogar Spasmen auslösen oder zu Verletzungen führen. „Im Extremfall geht das so weit, dass ich sogar aus dem Rollstuhl rutsche“, sagt Horst Bauer. Fehlen Bordsteinabflachungen, kann er die Straße an dieser Stelle in aller Regel nicht alleine überqueren und ist auf Hilfe von anderen angewiesen.

Die AG Mobilität freut sich über Unterstützung, insbesondere von Müttern mit kleinen Kindern. Wer mitmachen will, kann sich bei Michael Schubert melden (Telefon 09151/83090).

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