Die Pandemie und die Folgen

Was uns die Geschichte über Corona sagt

Aktuell sehen Begegnungen so aus: Karl-Heinz Leven ist sich sicher, dass diese Verhaltensweisen im durch Corona entstandenen „Hygienezeitalter“ erhalten bleiben werden. | Foto: ©Kzenon - stock.adobe.com2021/06/AdobeStock-383146098.jpeg

HERSBRUCKER SCHWEIZ – „Wie Seuchen die Welt formten“ betitelte das Magazin „Spektrum der Wissenschaft“ einen Artikel über Pandemien in der Geschichte der Menschheit. Nach über einem Jahr Corona fragen sich viele, wie dieses Virus das Leben verändern wird. „Unsere Welt wird nicht schlechter, aber anders.“

Da ist sich Karl-Heinz Leven sicher. Der Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Uni Erlangen-Nürnberg leitet das aus der Historie ab: „Das Ausmaß der Pandemiekrise wird von Experten verschiedener Fachrichtungen und von Stimmen aus der Politik als Zeitenwende gesehen. Sucht man nach einem in der Größenordnung vergleichbaren Geschehen, könnte man vielleicht die Folgen des Ersten Weltkriegs nennen.“ Auch durch dieses Ereignis habe sich viel geändert. „Es gab eine Welt vor und eine nach dem Krieg.“

Und dieses Phänomen hat sich schon einige Male in der Weltgeschichte wiederholt, wie der Spektrum-Artikel an einigen Beispielen darstellt. So verlor das Reich von Kaiser Justinian vermutlich durch einen tödlichen Stamm des Pestbakteriums „Yersinia pestis“ um 541 n. Chr. seine Bedeutung. Vor rund 5000 Jahren hatten Angehörige der Jamnaja-Kultur der späten Kupfer- und frühen Bronzezeit die eurasische Steppe verlassen, waren in Europa eingewandert und haben gar die dortige Bevölkerung ersetzt. Der Grund laut der in Spektrum zitierten Wissenschaftler: Die Einwanderer seien der Pest schon früher ausgesetzt und immun dagegen gewesen – im Gegensatz zu den anfälligeren europäischen Bauern.

Gedrängt und global

Denn „Erreger durchseuchen Gruppen, die ihnen bisher kaum oder gar nicht ausgesetzt waren und daher nur geringe natürliche Immunität besitzen“, schreibt das Magazin. Leichter falle den Mikroben das in dicht gedrängten Populationen und bei Armen, Unterernährten sowie Ausgegrenzten. Verstärkt würde die (globale) Ausbreitung zudem durch Fernhandel, hohe Mobilität, die vermehrte Vernetzung ehemals getrennter Gemeinschaften, starken Bevölkerungszuwachs, ökologischen Wandel und die immer enger werdende Beziehung zwischen Mensch und Tier. Stichwort: Ratten und die Pest.

Dieser Zusammenhang wurde – wie viele andere auch – erst durch die naturwissenschaftliche Medizin seit Ende des 19. Jahrhunderts erkannt: „Bei der Bekämpfung der Pest im 16. Jahrhundert hat das natürlich keine Rolle gespielt.“ Aber andere Abwehrmaßnahmen aus dieser Zeit hätten sich bis heute erhalten.

Recht bald hätten die Menschen damals verstanden, Erkrankte zu isolieren und Reisende in Quarantäne zu halten. „Es bildete sich eine Art öffentliche Gesundheitsverwaltung.“ Wichtig neben einigen medizinischen Grundanschauungen war hierbei ein entschlossenes administratives Handeln: „Pestbekämpfung verlangt nach Politik und Polizei zur Durchsetzung der Maßnahmen.“ Der Staat beweise seine Handlungsvollmacht, fasst es Leven zusammen. Die erste Lehre laute daher: „Die Pest stärkt die Exekutive.“ Ein durchgehender Zug in der Geschichte der Pandemien – bis heute: „Ein Bedeutungsverlust des Parlaments ist auch in der gegenwärtigen Pandemiekrise zu beobachten.“ Für Leven ist das ein rationales Reaktionsmuster, das Erfolge vorweisen könne – historisch ebenso wie aktuell.

Die Angst und die Seuche

Der „Schwarze Tod“ des 14. Jahrhunderts – „ein epochales Ereignis in Europa“ mit einer „gewaltigen Sterblichkeit“ – zog jedenfalls eine frühe Art der „Hygienisierung“ des Lebens nach sich, wie es Leven beschreibt: Gerbereien wurden an den Rand der Städte verfrachtet, die Kloake wurde nicht mehr einfach auf die Straße entleert. Als Forschungen im 19. Jahrhundert die Erregerketten von Infektionskrankheiten offenlegten, wurden Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung entsprechend eingerichtet.

„Die Hygienemaßnahmen, die wir in der aktuellen Pandemie anwenden, werden uns zumindest teilweise erhalten bleiben“, ist Leven überzeugt. Die zugrundeliegenden Motive sind vielschichtig: Dass die Vermeidung von Kontakten und das Abstandhalten die Ansteckung und damit die Ausbreitung von Infektionskrankheiten eindämmt, ist bewiesen, so der Historiker. In der Gegenwart habe sich zudem die Bewertung von Lebensrisiken tiefgreifend gewandelt. Sich anzustecken oder gar an der gegenwärtigen Seuche zu sterben, sei skandalisiert. Hier handele es sich um „emotionale Epidemiologie“, bei der das tatsächliche Seuchengeschehen stark mit Gefühlen wie Angst aufgeladen sei.

Pass als Symbol

Es zeichne sich eine Art „Gesundheitsstaat“ ab, in dem alle Lebensbereiche von dem Bestreben, eine ansteckende Krankheit zu vermeiden, geprägt seien. Hierbei spielen, so die Einschätzung des Historikers, zwei Faktoren die entscheidende Rolle: Zum einen gebe es seit einigen Monaten eine wirksame Impfung, die es innerhalb von einigen Monaten wahrscheinlich mache, die Ausbreitung des Coronavirus nachhaltig einzudämmen. Der vielzitierte „Impfpass“, der mit seinem Namensvetter der Vor-Corona-Zeit nur noch wenig gemein habe, sei das Symbol dieses neuen Risikoverhaltens.

Zum anderen gebe es gegen schwere Verläufe von Covid-19 bislang keine durchschlagende Therapie. Auch deshalb sei ein fortwährendes „Seuchenregime“ unvermeidlich. Dieser Zustand werde sich erst entspannen, wenn es eine wirksame Behandlung der Covid-Erkrankung gebe.

Die Veränderung durch die Pandemiekrise geht jedoch, so der Medizinhistoriker, über medizinische und epidemiologische Tatsachen weit hinaus. „Corona ist auch zu einer Glaubensfrage geworden.“ Es sei ein Rückfall in vormodernes, frühneuzeitliches Denken des 16. Jahrhunderts zu beobachten: „Man akzeptiert keine anderen Meinungen mehr, stuft sie als gefährlich ein und diskutiert diese nicht mehr.“ Das Moralisieren trete an die Stelle des Argumentierens.

Einfach nur überleben

Das liege schlicht am Überlebenstrieb des Menschen: „Er will gesund bleiben, alles andere ist sekundär.“ Daraus resultiere eine „Umwertung aller Werte“: „Das Überleben des Einzelnen wird zur Staatsdoktrin.“

Es entstünden neue Gruppen, es finde eine stärkere Absonderung sozialer Schichten statt, insgesamt ein Auflösungsprozess, der insbesondere in den europäischen Staaten und in ihren Beziehungen untereinander deutlich werde. Leven zieht eine weitere Lehre aus der Geschichte: „Nach Krisen steigen Länder auf und ab.“

Die Corona-Pandemie, so der Medizinhistoriker, habe das gesamte politische und gesellschaftliche Leben schlagartig und auf unabsehbare Zeit verändert: „Wir stecken in einem fortwährenden Krisenmodus.“ Zu bedenken sei, dass alle zuvor bestehenden Problemlagen fortbestünden. Was aus dieser Gemengelage in Zukunft folge, sei nicht vorhersehbar.

Kein Vergleich

Aber eines macht Leven auch klar: „Corona ist medizinisch und epidemiologisch mit anderen historischen Seuchen kaum vergleichbar.“ Europa habe seine Lektion aus der Geschichte gelernt. Die rasche Entwicklung und Produktion von Impfstoffen sei ein unglaublicher Erfolg, meint Leven.

Die Cholera im 19. Jahrhundert habe zu sauberem Trinkwasser, Abwassersystemen geführt und Städte auf längere Sicht zu gesunden Orten gemacht. Man müsse daher immer die positive Seite berücksichtigen: „Nach Corona werden wir in einer neuen Zeit leben, es wird negative Langzeitfolgen geben, aber auch positive.“

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