Interreligiöse Vortragsreihe

Totenrituale im Tibetischen Buddhismus

Bernhard Vetter und Brigitte Meixner (von links) erklärten, wie der Tod im Buddhismus verstanden wird. | Foto: G. Münzenberg2020/03/P3050017.jpg

HERSBRUCK – Im Rahmen der interreligiösen Vortragsreihe der Evangelischen Bildungsarbeit im Dekanat Hersbruck, in Kooperation mit dem „Raum der Stille“, fand im Stadthaus ein Vortrag über buddhistische Jenseitsvorstellungen und Totenrituale statt.

Die beiden Redner des Abends, Brigitte Meixner und Bernhard Vetter von der Buddhistischen Gemeinde Bodhi Baum in Nürnberg, legten den Schwerpunkt ihrer Ausführungen auf den Tibetischen Buddhismus. Grundkonsens des Buddhismus ist die Vorstellung eines immerwährenden Kreislaufs von Leben, Sterben und Wiedergeburt.

Keine Sünde an sich

Anhand eines Bildes vom Lebensrad, in dem die einzelnen Phasen einer Verkörperung dargestellt sind, erläuterte Brigitte Meixner die buddhistische Überzeugung, dass alles mit allem verbunden sei. Man nennt das „Abhängiges Entstehen“: Weil es dieses gibt, entsteht jenes, weil dieses entstanden ist, ist jenes entstanden und so immerfort. Es gibt also keine Sünde an sich.

Unser Verhalten in der jetzigen Verkörperung werde Einfluss haben auf die nächste. Dies nennt man Karma. Jeder müsse lernen, die Geistesplagen, die aus Hass, Gier und Unwissenheit bestehen, zu überwinden um in der nächsten Reinkarnation je nach seinem Erleuchtungsgrad als Halbgott, Mensch, Tier, hungriger Geist oder Höllenwesen wiederzuerscheinen. Wer sich durch viele Inkarnationen hindurch endgültig befreit hat von den Leiden der Abhängigkeiten in der diesseitigen Welt, werde schließlich erlöst von der ewigen Wiederkehr und sich auflösen im Nirwana, der Nichtexistenz schlechthin.

Der Tod wird im Buddhismus nur als ein Übergang von einer Existenz in eine andere verstanden und von denen, die keine Schuld auf sich geladen haben, die andere Wesen geachtet, geliebt, ihnen Gutes getan haben, nicht gefürchtet, sondern oftmals sogar freudig erwartet. Hier warte kein Strafgericht, nur die Konsequenz des eigenen Handelns bestimme den weiteren Fortgang der Existenz.

Den Geiern zum Fraß

Im zweiten Teil des Abends ging Bernhard Vetter auf die Zeremonien ein, die in Tibet nach dem Tod oder auch schon während des Sterbens vollzogen werden. Der Tote wird aufgebahrt und darf drei Tage lang nicht berührt werden, obwohl sein Totenlager einem Bienenkorb gleicht: Er wird von allen Angehörigen und Freunden besucht und von einem Lama begleitet, der an drei bis fünf Tagen aus dem Tibetischen Totenbuch die dafür vorgesehenen Texte liest, die Seele zum Verlassen des Körpers zu bewegen.

Wenn dies gelungen ist, wird sie zunächst im sogenannten Bardo festgehalten. Das ist als eine Art Nachtod-Erfahrung der Bewusstseinszustände an der Grenze zwischen Diesseits und Jenseits zu verstehen, in dem der Tote die illusionäre Natur aller diesseitigen Phänomene erkennt und dadurch zur Befreiung findet.

Die häufigste Bestattungsart in Tibet ist heute neben der Feuer- die Luftbestattung. An einem dafür ausgewählten günstigsten Tag wird der Leichnam in ein weißes Tuch gehüllt und noch vor Sonnenaufgang zu einem Bestattungsplatz unter freiem Himmel, zumeist auf einem Felsplateau, gebracht. Dort wird der von den Mönchen zerteilte Körper den zuvor angelockten Geiern zum Fressen überlassen und somit wieder der Natur übergeben. Denn nicht der Körper, nur die Seele, die Trägerin aller guten oder schlechten Gedanken oder Taten, die zuvor den Körper verlassen hat, ist unsterblich und tritt nach einer angemessenen Zeit wieder in den Kreislauf des Lebens ein.

Gerda Münzenberg

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