Stille am Hersbrucker Michelsberg

Diesen Blick genoss Ute Scharrer vom Michelsberg aus. | Foto: U. Scharrer2020/04/93376025_3840036322703849_1475673170026430464_o.jpg

HERSBRUCK – Normalerweise würde an dieser Stelle der Nachbericht zum Ostersingen auf dem Michelsberg stehen. Aber was ist in diesen Tagen schon normal. HZ-Mitarbeiterin Ute Scharrer zog es am frühen Sonntagmorgen trotzdem hinauf auf den Hersbrucker Hausberg. Hier hält sie ihre Eindrücke fest.

Dass dieses Jahr an Ostern vieles anders ist, spüre ich schon auf den ersten Metern des Wegs zum Michelsberg. Keine Kühnhofener, die sonst zu Fuß zum traditionellen Ostersingen pilgern, nur die große Osterkerze vor dem letzten Kühnhofener Haus weist mir dieses Mal den Weg. Und die Vögel scheinen lauter als sonst den dämmernden Morgen zu begrüßen, im Schein einer Laterne balzt ein Amselmännchen seine Auserwählte völlig gefahrlos mitten auf der Straße an.

Nicht ganz ruhig

Oben auf der Terrasse der Michelsberg-Gaststätte, wo sich seit Jahrzehnten in ungebrochener Folge am Ostermorgen die sangesfreudigen Hersbrucker tummeln, gähnende Leere. Ganz still ist es allerdings nicht, nein, die eigentlich noch schlummernde Stadt zeigt sich vor Sonnenaufgang akustisch schon recht geschäftig: ein Zug fährt im Bahnhof ein, ein Moped jault auf und mitten aus den Giebeln der Altstadt hört man einen Hahn krähen, nicht nur dreimal, wie in der biblischen Ostergeschichte, sondern wieder und wieder.

Und schließlich steigt doch ein einsamer Wanderer die Treppen hoch: „Ein Mords-Andrang da heroben“, stellt er fest, zückt seine Smartphone-Kamera, fotografiert das zu unseren Füßen liegende Hersbruck und versendet umgehend Ostergrüße, vermutlich an alle Ostersänger, die sich an die Regeln gehalten haben und zu Hause geblieben sind, anstatt sich wie sonst um diese Zeit schon nach vollendetem Zeremoniell in der Gaststätte zu drängen, das erste Bier zu heben und das erste Ei zu köpfen. Und mit dem Eintrag der Anwesenden in die penibel geführten Annalen der Ostersänger zu beginnen.

Einen Sonderplatz in den lückenlos geführten Aufzeichnungen – denn das Hersbrucker Ostersingen fand egal ob Regen, Schnee oder Sonnenschein unbeirrbar statt – hat der einsame Ostersänger, der zu Fuß von der Ostbahn, ganz ohne Aussicht auf die üblichen Stärkungen, auf Hersbrucks Hausberg marschiert ist, zweifellos verdient, in diesem Jahr, in dem alles anders ist.

Leise Posaunen

Auch das angestrengteste Lauschen in die Stadt hinunter bringt keinen Erfolg: Sollten die Ostersänger ihre drei traditionellen und immergleichen Lieder tatsächlich wie vorgeschlagen vom Balkon erklingen lassen, dringt dieser Gesang jedenfalls nicht bis nach oben. Dafür wehen aus Altensittenbach auf einmal österliche Posaunenklänge herüber. Wie ich später erfahre, haben Gertrud und Wolfgang Werthner von der „Trie“ in Richtung Michelsberg und aufgehender Sonne musiziert, wie auch verschiedene andere Altensittenbacher aus ihren Gärten und von ihren Balkonen.

Als die Sonne um 6.45 Uhr zunächst das Wassertor, die Türme des Schlosses, einzelne Giebel und schließlich auch die Terrasse auf dem Michelsberg in goldenes Licht taucht, genießen das nur eine weiße Katze und ich.

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