Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen feiert Fünfjähriges

Stapelspiel zu Kiss-Jubiläum

Brigitte Bakalov, Charlotte Maier und Doris Rothgang (v. links) freuen sich über ihr Kisschen-Spiel. Foto: A. Pitsch2015/11/KissSpiel.jpg

HERSBRUCK – Fünf Jahre musste sie warten, doch besser hätte der Zeitpunkt jetzt nicht sein können: Pünktlich zum Jubiläum der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen im Nürnberger Land (Kiss) ist es endlich entstanden, das langersehnte Spiel, um zu zeigen, wie Selbsthilfe und eine Gruppe funktionieren.

„Ich wollte schon immer etwas haben, womit sich Selbsthilfe leichter vermitteln und an Infoständen präsentieren lässt“, blickt Kiss-Leiterin Brigitte Bakalov auf die letzten fünf Jahre zurück. Aber die Ideen wollten nicht fließen, auch nicht bei den Praktikanten, die Kiss öfters beschäftigt. Anders bei der „kreativen Charlotte“ Maier, wie Bakalov die Studentin der sozialen Arbeit an der ev. FH Nürnberg liebevoll nennt. Auch die junge aufgeweckte Frau sollte ein eigenes Projekt in ihren fünf Monaten in Hersbruck auf die Beine stellen und zu ihr passte der Wunsch nach einem Spiel perfekt.

„Ich habe schon lange nach dem Passenden gesucht. Es sollte was zum Stapeln oder Hinstellen sein“, erzählt sie von der Findungsphase. Als Grundidee forderte Bakalov, dass mehrere Personen, Jung und Alt drinnen wie draußen die Hintergedanken der Selbsthilfe verbildlicht bekommen. „Mein Hauptproblem war die Zielgruppe – Erwachsene und für die darf es nicht zu kindlich sein“, schildert Maier.

Im Internet stieß sie schließlich auf die Stapelgeister, ein Spiel der Firma Erzi, in dem man lustige, bunte Figuren mit verschiedenen Rundungen aufeinandersetzen muss. Das war perfekt. Daher fragte Bakalov beim Hersteller an, ob Kiss die Geister vergrößert für das eigene Spiel verwenden dürfte – kein Problem bei einem sozialen Zweck war die Antwort.

Also machte sich Maier ans Werk, ließ 16 „Kisschen“, wie die Geister nun bei ihr heißen, in einer Schreinerei der Waldorfschule herstellen und lackierte sie anschließend in kunterbunten Farben. Da das Spiel auch von Kollegen von Kiss Mittelfranken genutzt wird, schrieb die Studentin noch eine Anleitung dazu, die den Zusammenhang zwischen den Holzstücken und der Selbsthilfe erklärt. Wer das Ganze nur als Spiel sieht, der muss 15 Kisschen geschickt aufeinanderstapeln. „Aber nur vier Steine dürfen die unterste Reihe bilden“, sagt Maier. Schafft man das nicht, geben die Damen von Kiss auch noch das 16. Element, das „Unterstützer-Teil“, für eine Fünferreihe aus – wenn man danach fragt.

Und schon stecken die Spieler, die mit einer Highscore-Liste zusätzlich angespornt werden sollen, mitten drin im Thema: „Mit den Kisschen baut man quasi eine Selbsthilfegruppe auf. Das kann mehrere Anläufe brauchen, weil die Treffen nicht optimal verlaufen, und manchmal braucht man Hilfe – zum Beispiel durch Kiss“, verrät Maier die Überlegungen hinter den bunten Formen. Diese sind alle unterschiedlich wie die Menschen einer Gruppe.

Aber die Kisschen geben sich gegenseitig Halt, helfen und unterstützen sich und bilden so ein stabiles Gerüst – obwohl sie nicht genau aufeinander passen. Nicht alle Teile berühren sich, dicke Freundschaften müssen also nicht sein. Und jedes Kisschen hat mit einer anderen Stelle Kontakt zum nächsten: „Jeder Mensch bringt sich mit seinen Fähigkeiten in die Gruppe ein“, überlegte sich Maier.

Geduld als Aufgabe

Wie kommt der farbige Hingucker bei einem Stand eigentlich an? „Wir konnten es noch nicht testen, aber Kolleginnen hatten es dabei und fanden es toll“, berichtet Bakalov. Die Botschaft käme an, wenn man darüber spricht, und dann ist man schnell beim Thema, was es heißt, „im Wir zu sein“. Bei diesem „Wir“ stehen die Damen von Kiss aber außerhalb. „Wir unterstützen die Leute nur so weit, wie sie es brauchen“, betont Bakalov.

Sich zurücknehmen, nicht werten – das waren auch die Herausforderungen für Praktikantin Maier: In der Sozialen Arbeit lernt sie, den Menschen vorzugeben, wie sie es machen sollen, bei Kiss ist es umgekehrt. „Ich musste Geduld lernen, denn die Menschen brauchen oft Zeit, bis sie kommen.“

In den letzten fünf Jahren Kiss kamen viele zu Bakalov und ihrer Kollegin Doris Rothgang. Es gab die unterschiedlichsten Gründungen, manche liefen rasch ab, bei anderen waren viele Kontakte nötig und dennoch scheiterte das Vorhaben. „Was ich im Nürnberger Land stark spüre, ist die Bereitschaft zur Kooperation zwischen den sozialen Playern“, meint Bakalov. Und das Engagement Ehrenamtlicher.

Erst vor kurzem hat Kiss zwölf „In-Gang-Setzer“ für ganz Mittelfranken ausgebildet, die die Leute bei Gründungen begleiten sollen. Dreimal moderieren sie die ersten Treffen. „Voraussetzung für die Auswahl der SHG ist, dass der Ehrenamtliche nicht vom Thema der Gruppe betroffen ist“, erklärt sie. Auch Maier sieht diese Personen als hilfreich an: „Sie nehmen dem Anstoßer die Angst vor der Gründung.“

Viele Selbsthilfegruppierungen haben sich Soziales wie Mobbing oder zweiter Arbeitsmarkt auf die Fahnen geschrieben, aber auch Krankheit, Ernährung und weitere Lebensbereiche werden abgedeckt. „Ich finde erstaunlich was passiert, wenn ein Mensch hinter seiner Idee steht“, sagt Bakalov und denkt an die Entwicklung einer SHG zu einem Projekt. Bürgerschaftlichen Einsatz macht sie ebenfalls aus, zum Beispiel in einer Gruppe für Eltern verstorbener Kinder, die einige Teilnehmer noch lange nach der Verarbeitung der Trauer besuchen – sie wollen etwas weitergeben. In diesen fünf Jahren Kiss haben Bakalov und Rothgang viele Leute kennengelernt, verschiedene Erfahrungen gesammelt, gelacht und gegrübelt: „Aber so bleibt es auch weiterhin spannend und lebendig.“

N-Land Andrea Pitsch
Andrea Pitsch