Weckruf in Hersbruck

Ostersingen am Michelsberg

Dicht an dicht drängen sich die Ostersänger auf der Terrasse der Michelsberggaststätte. | Foto: U. Scharrer2017/04/Ostersingen-2.jpg

HERSBRUCK – Lebendige Tradition: Seit 177 Jahren gehört das Ostersingen auf dem Michelsberg zur Hersbrucker Lebensart. Alljährlich pilgern Dutzende am Tag der Auferstehung Jesu Christi frühmorgens auf den Hausberg, um den Ostersonntag auf ihre ganz eigen Art zu begrüßen – darunter auch HZ-Autorin Ute Scharrer.

Am Ostersonntagmorgen bin ich unterwegs zu einer der urigsten Hersbrucker Traditionen: dem Ostersingen. Als ich um halb sechs in Kühnhofen aufbreche, kann ich den Weg schon deutlich erkennen, die Vögel begleiten meinen Marsch mit in der morgendlichen Stille ordentlich schmetterndem Gesang.

Bei Erreichen der Hohensteinstraße sehe ich die ersten Lichter von Autos, die sich den Hersbrucker Hausberg hinaufschlängeln. Schließlich wird um 6 Uhr die Terrasse der Michelsberg-Gaststätte dicht gedrängt sein mit Menschen, die sich erfreut frohe Ostern wünschen und auch mal zwei Eier zur Begrüßung aneinanderklicken.

Und dann läuft alles ab wie ein Uhrwerk na ja, nicht ganz: Anstelle des Obmanns der Ostersinger, Karlheinz Hartmann, übernimmt dieses Mal Stadthirte Hermann Schmitt die Moderation und drückt der kleinen Versammlung seinen ganz eigenen Stempel auf. Eingangslied, Begrüßung, anerkennende Erwähnung der „Bosd ausm Rodhaus“ samt 150 Euro finanzieller Unterstützung des Stadtoberhaupts, das alles geht seinen gewohnten Gang ebenso wie das Gedenken an im vergangenen Jahr verstorbene Ostersänger sowie Ehrung langjähriger Mitglieder. 2017 stellt Otto Müller mit 60 Jahren Anwesenheit den Rekord auf.

Tribut an Luther

Anstelle einer launigen Ostergeschichte oder der Erinnerung an Hersbrucker Größen wie in den vergangenen Jahren zollt Hermann Schmitt dem Jubilar des Jahres Tribut und verliest die Lebensgeschichte Martin Luthers. So eine Reformation erledigt sich aber nicht im Handumdrehen, die Vita will nicht enden, die Zuhörer klappen in der morgendlichen Kühle die Kapuzen hoch, die kleinsten Kinder werden zappelig und der Redner selbst wird auch ungeduldig: „Na, wie lang dauert des denn noch?!“ fragt er sich und würzt seine Lesung mit Seufzern und der kritischen Frage über den Brillenrand: „Na, könnt ihr denn des auch alles behalten?“.

Die Stimmung im Publikum steigt, freundliche Zwischenrufe lockern die Geschichtsstunde auf. Und endlich nimmt auch Martin Luthers Leben mit seinem Begräbnis ein Ende und Schmitt schließt mit einem erleichterten: „Etz hammers! Etz bin i aber gschaffd!.“

Nicht so schlimm, denn ab jetzt beginnt der gesellige Teil des Morgens, die Gaststätte wird gestürmt und während der hohe Rat der Ostersänger noch die Anwesenheit per Zuruf überprüft, werden die ersten Stullen aus der Alufolie gewickelt, bunte Eier geschält und – morgens um halb sieben – die ersten Seidla Bier gezapft.

Mit dieser herzhaften Vesper klingt die Traditionsveranstaltung aus, die sich dieses Jahr zum 177. Mal jährt. Aufstehen und hingehen lohnt sich!

N-Land Ute Scharrer
Ute Scharrer