Neue EU-Alkoholstrategie

„Nicht Bier macht dick, sondern das, was du dazu isst“

In Festzelten kann keiner an der Maß nachlesen, was eigentlich eh jeder wissen sollte - dass Bier auch Kalorien enthält. Die kleinen Brauereien sehen sich nun einem teuren Umstellungsprozess bei den Etiketten ausgesetzt. Foto: Fischer2015/04/5_2_1_2_20150430_BIER.jpg

HERSBRUCK — Viele regionale Brauer dürften sich gestern gefragt haben, ob das Europäische Parlament Hopfen und Malz verloren hat: Sie sind verärgert über die neue Entscheidung, dass künftig im Zuge einer neuen EU-Alkoholstrategie die Etiketten ihrer Biere Nährwert-Angaben tragen müssen. Dass Bier und Bauch eventuell zusammenhängen, sagt ja nicht nur der Volksmund. Nun soll das Volk auch nachlesen können, wie viel Kalorien 100 ml Bier haben. Die HZ hat sich bei örtlichen Brauern umgehört und stieß auf Unverständnis.

Oliver Poeschel, Mitglied der Geschäftsleitung der Hersbrucker Bürgerbräu: „Laut unseren Informationen gibt es noch keine Gesetzesvorlage. Aber es ist ja nun mal so, dass aus Brüssel in letzter Zeit viele illustre Beschlüsse gekommen sind, Stichwort Deklarationspflichten in der Gastronomie laut Lebensmittelinformationsverordnung (LMIV), über deren (Un-)Sinn sich jeder seine Gedanken machen muss. Wahrscheinlich ist, dass diese geplante Nährwerttabelle gerade von Großbrauereien im internationalen Wettbewerb unterstützt wird. Diese sehen sich gegen internationale Wein- und Spirituosenhersteller im Wettbewerb. Es wird spannend, ob die Länder, aus denen diese Hersteller stammen, wie zum Beispiel Italien, dem in Brüssel wirklich zustimmen. Es ist in der Tat mit erheblichen Kosten verbunden, angefangen bei der aufwendigen Analyse und endend beim Etikettendruck.“ Unterm Strich meint Poeschel: „Wenn schon Deklaration, dann wirklich auch für alle und absolut ohne Ausnahme. Persönlich als Konsument fühle ich mich dann auch nicht besser aufgeklärt. Ich halte mich an die bayerische Weise: Nicht das Bier macht dich dick, sondern das, was du dazu isst.“

Kurt Küchler, Geschäftsführer der Kanone-Brauerei in Schnaittach: „Da schießt man doch mit Kanonen auf Spatzen! Was will man damit erreichen? 95 Prozent der Menschen gehen vernünftig mit Alkohol um. Die anderen werden auch von einer solchen Verordnung nicht erreicht werden. Für uns heißt das, dass wir die Etiketten umgestalten müssen – und das sind enorme Kosten. Ich hoffe, dass uns wenigstens ein langer Vorlauf bleibt, damit wir uns darauf einstellen können.“

Sabine Wiethaler-Dorn von der Brauerei Wiethaler in Neunhof: „Warum müssen wir alles deklarieren? Unser Bier war schon immer rein. Kürzlich war ich in Belgien. Dort gibt es Brauereien, die müssten längst schließen, wenn sie sich mit unseren Auflagen konfrontiert sähen. Wenn ich mir überlege, dass wir 14 Sorten Bier haben und jeweils drei Etiketten pro Flasche – das wird richtig teuer. Ich rechne mit einem fünfstelligen Betrag. Das müssen wir kleinen Brauereien wieder stemmen, wir können das nicht so einfach wie die Großen auf die Kunden umlegen. Die Kunden wissen oft nicht, wie sehr so ein Kleinbetrieb arbeiten und kämpfen muss.

N-Land Susanne Will
Susanne Will