Alltagsbegleiter werden gesucht

Mut, alt zu werden

Claudia Brunner koordiniert die Alltagsbegleiter wie Christine Bachert, Ulrike Melzer und Peter Stengl (v. links). Sie
alle haben Spaß an ihrer Aufgabe, mit Senioren zu spielen, zu reden oder einfach da zu sein. | Foto: A. Pitsch2017/01/7798483.jpeg

HERSBRUCKER SCHWEIZ – Sie spielen mit ihnen, hören ihnen zu oder gehen mit ihnen spazieren: die Alltagsbegleiter für Senioren mit Betreuungsbedarf. Peter Stengl und Christine Bachert aus Reichenschwand sowie Ulrike Melzer aus Happurg sind solche Lichtblicke für diese älteren Menschen. Doch wie Claudia Brunner von der Diakonie weiß, werden weitere Alltagsbegleiter gesucht. Ein neuer Kurs startet am 6. Februar.

Was muss man sich unter einem Alltagsbegleiter vorstellen?
Claudia Brunner: Er ist eine Art Assistent, der unterstützt und in gewisser Weise Hilfe zur Selbsthilfe leistet. Er lernt im Kurs – eine Grundvoraussetzung für dieses Ehrenamt – einzuschätzen, mit wem er es zu tun hat und welche Bedürfnisse die Person hat. Eingesetzt wird er dann stundenweise entweder in einem Haushalt oder in einer Betreuungsgruppe.

Welche Voraussetzungen sollte man mitbringen?
Brunner: Zunächst sollte man mindestens ein bis zwei Stunden in der Woche an einem festen Termin für mindestens ein halbes Jahr Zeit haben. Diese Verlässlichkeit und Regelmäßigkeit schafft letztlich eine Beziehung und eine Vertrauensbasis – auch zu den Angehörigen, die oft lernen müssen, dass sie loslassen dürfen für diese Zeit. Zudem sollte man Freude am Umgang mit Menschen haben, am Austausch mit anderen Kollegen und am Weiterbilden.

Und die Betreuten sind dann allesamt Senioren.
Brunner: Alle Menschen mit Pflegebedarf haben Anspruch auf einen Alltagsbegleiter. Anfragen kommen häufig von Angehörigen, die stundenweise Entlastung möchten. Manchmal tun es die Senioren auch für sich: So hat letztens eine Dame angerufen und meinte: Ich gönn‘ mir jetzt jemanden! Das Schöne am Begleiter ist, dass die Leute jemanden in dieser Zeit nur für sich haben, der sich 1:1 auf sie einlässt, egal ob in Form von Spielen oder Erzählen.

Warum sind Sie Alltagsbegleiter geworden?
Peter Stengl: Meine Mutter ist pflegebedürftig und daher kam bei mir der Wunsch auf, anderen helfen zu wollen.
Ulrike Melzer: Als Krankenschwester habe ich eh gerne mit Menschen gearbeitet. Als die Rente kam, merkte ich, dass ich noch was zu tun brauche. Und ich dachte, ich mach das einfach mal, als ich von dem Kurs in der Zeitung gelesen habe.
Christine Bachert: Durch meine frühere Tätigkeit als Vollzeit-Mesnerin und da ich seit 30 Jahren im Besuchsdienst bin, sind mir Menschen einfach ans Herz gewachsen.

Der Ausbildungskurs umfasst 40 Unterrichtseinheiten und findet ab 6. Februar um 14 Uhr an sieben Montagen und einem Samstag jeweils von 14 bis 18.15 Uhr in Hersbruck statt. Was lernen die Teilnehmer?
Stengl: Wir haben gelernt, wie man auf die Menschen zugeht, wie man Gespräche richtig führt, also Nein vermeiden zum Beispiel. Es ist wichtig, die Senioren aus dem Nichtstun herauszuholen und positive Erinnerungen hervorzuheben. Dazu kamen noch Übungen für Körper und Geist und Basiswissen zu Krankheitsbildern. Wir haben viel in der Gruppe gemeinsam erarbeitet, auch mal was daheim vorbereitet und verschiedene Materialien ausprobiert. Eine Prüfung gab es nicht.

Wie geht es nach dem Kurs weiter?
Brunner: Die Zuordnung erfolgt über mich: Ich schaue, wer Bedarf hat und wer als Begleiter verfügbar ist. Den ersten Besuch beim Senior mache ich daher allein, den zweiten dann mit dem Kandidaten zusammen. Da sieht man schnell, ob die Chemie passt oder nicht. Das Gute am Ehrenamt – im Gegensatz zu einem Job in der Pflege – ist, dass der Begleiter nicht in einen Haushalt muss, wenn er sich nicht wohl fühlt.

Was erleben Sie so mit Ihren Senioren?
Stengl: Ich begleite einen Mann im Elektrorollstuhl vor allem beim Spazierengehen. Mir tut die Bewegung gut und ihm das Rauskommen. Als wir das erste Mal zusammen unterwegs waren, bin ich ganz schön ins Schwitzen gekommen, weil er im dritten Gang fuhr. Jetzt nimmt er nur noch den ersten. Meine zweite Person ist ein Mann, der schlecht läuft und kaum hört. Da ist Anschreien oder Aufschreiben zur Verständigung angesagt. Mit ihm fahre ich eine halbe Stunde im Auto spazieren, wobei bei ihm Erinnerungen hochkommen, von denen er erzählt. Er sagt immer, wenn ich komme, beginnt sein schönster Urlaub. Sonst schaut er nämlich nur aus dem Küchenfenster oder auf einen kleinen Spiegel.
Bachert: Meine 92-Jährige sitzt schon ganz lange im Rollstuhl, hat einen unendlichen Humor und wartet immer schon auf mich. Sie öffnet ohne nachzufragen die Tür, wenn ich klingle. Meistens will sie Karten spielen, oft rutscht sie dabei in Erinnerungen rein und redet über Dinge, die sie nicht mal ihren Kindern erzählt hat. Sie deckt vorher schon in mühevoller Arbeit den Kaffeetisch und kocht Pudding. Immerhin darf ich abräumen, aber abspülen macht sie selbst: Ich brauch‘ ja noch eine Beschäftigung, sagt sie. Und manchmal muss man auch den Angehörigen einfach zuhören, eine Art Seelsorge leisten, oder schweigen können. Einigen reicht die bloße Anwesenheit oder eine Berührung.
Melzer: Mein Rollstuhlfahrer, ein ehemaliger Landwirt, kann nicht alleine raus. Also fahren wir zusammen an den Feldern entlang. Ich habe schon viel über die Landwirtschaft gelernt und das freut ihn. Er kommt so einfach raus aus dem Alltag und ich habe eine Aufgabe.

Was gibt Ihnen dieses Ehrenamt?
Bachert: Es macht mir Mut, alt zu werden. Diese Leute geben mir mehr, als ich ihnen geben kann, denke ich ganz oft. Ich habe viel gelernt, zum Beispiel Demut, Dankbarkeit und Freude.
Melzer: Es ist diese Zufriedenheit der Menschen, die mich beeindruckt. Sie sind glücklich, weil sie im Alter nicht allein sind.

Würden Sie selbst auch einen Alltagsbegleiter wollen?
Bachert: Da spreche ich für uns alle, wenn ich Ja sage. Bei dem kann man motzen und meckern und keiner ist beleidigt (alle lachen herzlich). Wir bewerten niemanden oder zwängen ihn in eine Rolle. In diesen zwei Stunden kann man einfach so sein, wie man ist.

Wer sich für den Kurs interessiert, meldet sich bei Claudia Brunner von der Diakonie (09151/862881, [email protected]).

N-Land Andrea Pitsch
Andrea Pitsch