Überschuldung

Konto im Minus: Corona und die finanzielle Lage von Privatpersonen

Dieses Diagramm macht klar, welch großen Einfluss geringer Verdienst auf die Überschuldung hat. | Foto: Creditreform2021/10/4.-Ausl-ser-350dpi.jpg

HERSBRUCKER SCHWEIZ – Die Prognose ist düster: „Die Folgen der Pandemie werden für Wirtschaft, Gesellschaft und Verbraucher gravierender sein als die der Weltwirtschaftskrise 2008 und 2009“, sagt Patrick-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform. Ein ganz so bedrohliches Bild will Finanzexperte Horst Seibold nicht malen: „Die Privatverschuldung ist bislang viel geringer als gedacht.“

Denn die Leute würden weniger Geld ausgeben und mehr sparen, erklärt er. Das bestätigt auch der Schuldneratlas von Creditreform für 2020: Die Sparquote habe sich im zweiten Quartal gegenüber dem Vorkrisenjahr fast verdoppelt. Das beträfe aber vor allem die, die eh schon gut verdienen. Sie seien von Kurzarbeit aufgefangen worden oder hätten gar keine Gehaltseinbußen hinnehmen müssen. Die Folge: „Im Oktober 2020 sind in Deutschland nicht mehr, sondern sogar knapp 70 000 Privatpersonen weniger als im Herbst 2019 überschuldet“, heißt es im Schuldneratlas.

Die Gründe: neben dem Sparen und einer guten Lage auf dem Arbeitsmarkt – also weniger Menschen rutschen durch den Verlust des Jobs in die Verschuldung, erläutert der Schuldneratlas – in erster Linie staatliche Hilfen. „Die Corona-Rettung ist zehn Mal höher als damals in der Euro-Krise“, überschlägt Seibold. Zudem hätten viele auch ihre Miete zurückstellen können. „Daher weiß man nicht, was da noch genau kommt.“

Schere geht weiter auf

Wie auch bei den „Zombie-Unternehmen“, wie sie Seibold nennt. Da würden viele durch Insolvenz-Aussetzung und Niedrigzins am Leben gehalten. Die lasse man nicht pleitegehen, weil sonst das Bankensystem auch pleitegehe. „Da ist die Frage, wie viele Minen es im System gibt.“ Im Privatbereich rechnen die Experten von Creditreform jedenfalls damit, dass „sich die Schere zwischen Arm und Reich durch die Pandemie weiter öffnet“.

Verloren hätten in der Corona-Krise nämlich besonders die Selbstständigen sowie die Geringverdiener. „Da sind ganze Existenzen weg, dann kommt der soziale Abstieg. Ich habe Leute weinen sehen“, erzählt der Hersbrucker Finanzexperte Werner Beck. Die Zahlen von Credit-reform belegen seine Einschätzung: rund 700  000 Menschen hätten zwischenzeitlich den Arbeitsplatz verloren, mehr als sieben Millionen waren oder sind in Kurzarbeit und fast 15 Millionen der deutschen Haushalte müssten daher mit geringeren Einkommen leben. Das bedeute, dass diejenigen, die vor der Krise den Kontostand gerade so im Plus halten konnten, nun langfristig ins Minus abrutschen könnten, prognostiziert Creditreform.

Von Kredit zu Kredit

Zu dem geringen Lohn käme oft auch noch „unwirtschaftliche Haushaltsführung“ dazu. Sparen sei da nicht möglich. Stattdessen griffen die Menschen zu Krediten. „Wer da einen beantragt hat, von dem haben die Banken Stellungnahmen gefordert“, berichtet Beck. Bei Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit folgte oft die Ablehnung, weiß er. Dazu komme, dass die Beratung durch Corona schwieriger geworden sei, es brauche mehr digitale Termine – „man kann die Leute da nicht so mitnehmen“ – und die Kunden seien unsicherer.

Viele von diesen würden gerade jetzt ein Auge auf Immobilien werfen, verrät Seibold. „Der Trend des Zuzugs in die Ballungsräume hat sich fast schon umgekehrt. Viele wollen wegen Homeoffice, mehr Wohnfläche und Natur aufs Land.“ Das könnte die Wohnungspreise in den Städten auf lange Sicht verändern, denkt er. Und zwar nicht nur im Privaten: „Viele verkleinern aktuell die Büros, so dass die Gebäude nicht mehr wie gewohnt vorgehalten werden müssen.“

Der eine oder andere spekuliere auch darauf, so Beck, dass sich Eigentümer aufgrund von Kurzarbeit ihre Raten fürs Zuhause nicht mehr leisten können und sie dann per Zwangsversteigerung an ein Schnäppchen gelangen. „Das ist aber bis jetzt nicht passiert.“ Denn die Banken würden in einem solchen Fall erst einmal schauen, ob sich Tilgungen aussetzen lassen oder es andere Lösungen gibt. „Sie haben eine Pufferfunktion in der Krise“, sagt Seibold.

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