Heilung „an der Wand“

Informationsabend des DAV Hersbruck über therapeutisches Klettern

Hausherr Martin Chmel mit Heiner Stocker, Dr. Thomas Lukowski, DAV-Vorsitzenden Peter Dischner, Lehrer Dieter Legl, Ergotherapeutin Andrea Koch Plank und Bernd Lindner (v. links). Foto: Porta2016/02/7016748.jpg

HERSBRUCK – Welche Heilkräfte Klettern haben kann, hat er am eigenen Leib erfahren: Dr. Thomas Lukowski litt einst selbst an Höhenangst, bekam schon nach „vier, fünf Metern echte Panikattacken“. Heute hat der Psychotherapeut aus München einen Klettertrainerschein und nutzt den Sport immer wieder, um Patienten zu helfen. Gemeinsam mit PPG-Sportlehrer Dieter Legl und Ergotherapeutin Andrea Koch-Plank aus Altdorf stellte er bei einem Informationsabend des DAV Hersbruck im Haus Weiher die weitreichenden Möglichkeiten therapeutischen Kletterns vor.

An seinen ersten Kletter-Patienten erinnert sich Lukowski noch genau: ein schmaler Fünftklässler, der beim Vorlesen oder Antworten sofort anfing zu stottern. Als er ihn fragte, ob er mit in die Kletterhalle und „an die Wand“ wolle, fingen die Augen des kleinen Patienten sofort zu leuchten an.

Einzige „Vorbedingung“: Sobald der Junge am oberen Ende der gewählten Kletterroute ankommt, solle er ihm einen Witz erzählen, verlangte Lukowski. Und das tat der dann auch, anfangs leise und zögerlich, nur vier Treffen später aus voller Kehle und mit sichtbarem Spaß. Zu Hause sei der Kleine richtiggehend „keck“ und in der Schule immer besser geworden, erfuhr der Therapeut schließlich von den Eltern. „Unsere Arbeit ist brutal wichtig“, sagte Lukowski, als glühender Verfechter des therapeutischen Kletterns seit Jahren auf Vortragstour quer durch die Republik. Beim gemeinsam mit dem Haus Weiher und dem Don Bosco Haus organisierten Informationsabend der DAV-Sektion Hersbruck spricht er vor rund 40 Lehrern, Therapeuten, Mitarbeitern und Leitern vieler sozialer Einrichtungen aus dem Landkreis. Die Zusammenarbeit mit dieser Zielgruppe ist ein zentraler Punkt im Konzept für die geplante Kletterhalle des Alpenvereins – neben dem Vereinssport und dem Angebot für die breite Öffentlichkeit.

Klettern, so Lukowski, sei eine „klassische Desensibilisierung“ – statt Ängste zu vermeiden (und sie damit weiter zu verstärken), setzen Therapeuten dabei auf die bewusste Konfrontation mit den Dingen, vor denen sich ihre Patienten fürchten. Aufmerksam beobachtet, sollen sie dabei Schritt für Schritt ihre eigenen Grenzen ausloten und verschieben – die Kletterwand, an der sie sich die Route Griff um Griff erarbeiten müssen, dient hier als perfekte „Spielwiese“ und macht das Klettern auch wegen seines unmittelbaren Erlebens „für mich zur perfekten therapeutischen Sportart“, sagte Thomas Lukowski.

Speziell bei Suchtkranken kommt als zusätzliche Komponente der Wegfall eines „Schuldigen“, der oft als Alibi für einen Rückfall genommen wird, hinzu: „Wenn ich den nächsten Griff nicht schaffe, liegt das eben nur an mir“, so Lukowski, der seit vielen Jahren mit der DAV-Sektion in Simbach zusammenarbeitet.

Auch die Schulen haben den Wert des Kletterns längst erkannt – neben Ausdauer und koordinativen Fähigkeiten sind hier vor allem grundlegende soziale Kompetenzen sehr gut zu vermitteln, sagte Dieter Legl vom Paul-Pfinzing-Gymnasium, wo er seit sechs Jahren die Kletter-AG leitet. In der Senkrechten können sich die Jungen und Mädchen kalkulierbaren Wagnissen aussetzen, Erfolg und Misserfolg erleben und dabei lernen, damit umzugehen. Beim gegenseitigen Sichern können sie Verantwortung für andere übernehmen und umgekehrt Vertrauen fassen.

In Bayern ist Klettern als Schulsport bereits seit 1990 erlaubt und seit 2008 an Gymnasien sogar als Schulsportfach bis zum Abitur zugelassen. „Sobald wir die Halle in Hersbruck haben, ist das auch bei uns möglich“, so Legl, der bislang mit seiner Kletter-AG immer nach Nürnberg fahren muss. Neben all den pädagogischen Vorteilen aber sei für ihn eines ganz besonders wichtig, ergänzte er mit einem Augenzwinkern: „Klettern macht saumäßig Spaß.“

Ergotherapeutin Andrea Koch-Plank setzt den Trendsport bei ihrer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus dem Wichernhaus in Altdorf ein, die an verschiedenen Ausprägungen der Cerebralparese leiden, deren Wahrnehmung beeinträchtigter ist oder die psychosoziale Auffälligkeiten zeigen. Beim Klettern schulen sie gleichermaßen Körpergefühl, Motorik und die Koordination, das Selbstwertgefühl steigt.

„Anfangs war es schwer, die Ärzte und Krankenkassen von unserem Ansatz zu überzeugen“, erinnert sich Koch-Plank. Inzwischen ist Klettern jedoch als wichtige Therapieform anerkannt. 2003 startete sie eine gemeinsame Aktion mit der Jugendgruppe des DAV Altdorf, um ihren Schützlingen Klettern auch in der Freizeit zu ermöglichen. Dort ist immer auch ein junges Mädchen dabei, dass an Muskelschwund leidet – und obwohl sie nur mit Mühe laufen kann, ist sie eine „sehr gute Kletterin“, so Koch-Plank.

Neben ihrer Arbeit im Wichernhaus initiierte die Klettertrainerin 2011 mit ihrer Schwester den monatlich stattfindenden offenen Treff „Klettern mit Handicap“ für körperlich oder geistig beeinträchtigte Menschen jeden Alters. Die Idee trug sie schon länger mit sich herum, den letzten Anstoß gab schließlich Christel Wisgalla. Die damals 72-Jährige kam, auf zwei Gehstöcke gestützt, zum bei einem Fest aufgestellten Kletterturm des DAV Altdorf und wollte „unbedingt da rauf, obwohl sie seit vielen Jahren gegen die Nervenkrankheit Multiple Sklerose kämpft“, erzählt Koch-Plank.

Heiner Stocker und Bernd Lindner vom Kletterhallen-Projektteam des DAV Hersbruck nutzten den Abend, um das Ausbildungsprogramm des Deutschen Alpenvereins vorzustellen, mit dem sich (künftige) Betreuer für die Arbeit mit Schülern, Jugendlichen und Menschen mit Behinderungen fit machen können.

N-Land Klaus Porta
Klaus Porta