Selbstversuch Streaming-Konzert mit Gankino Circus

Im Elf-Achtel-Takt durchs Wohnzimmer

Maximilian Eder von Gankino Circus entlockt dem „Bonofon“ gruselige Töne, während der Kameramann sich mit Maske für eine Nahaufnahme nähert (links). | Foto: Bildschirmfoto Gankino Circus2020/05/Bildschirmfoto-2020-05-24-um-14.24.04-scaled.jpg

HERSBRUCK – Ende April wäre der Termin gewesen: Das Dietenhofener Quartett Gankino Circus hätte live im Kick mit seinem Musikkabarett „Die letzten ihrer Art“ einen Auftritt gehabt. Aber die Corona-Krise hat ihm und seinem Publikum einen Strich durch die Rechnung gemacht. Deshalb verlagerte die Band ihr Konzert ins Internet. HZ-Mitarbeiterin Ute Scharrer hat den Online-Musikgenuss ausprobiert.

Nicht nur der Auftritt in Hersbrucks Kick, wo Abstand halten eine schier unlösbare Aufgabe wäre, nein, die ganze Frühjahrstour von Gankino Circus fiel Ausgangsbeschränkungen und Versammlungsverbot zum Opfer. So sind auch die Musiker „zu Hause geblieben“, ganz wie es derzeit zum guten Ton gehört. Zu Hause, das ist für alle vier das 5573-Seelen-Dorf Dietenhofen in „Ostwestmittelfranken“ , Kreis Ansbach. Die Kneipe „Zur Heiligen Gans“ markiert dort den musikalischen Geburtsort der Band. Aus dieser „strengen Quarantäne“ lädt die Crew zum Livestream-Konzert.

Vor dem Kunstgenuss stehen die technischen Hürden. Mit der für solcherlei Vorgänge nötigen Sturheit pflüge ich durch die Vorarbeiten, die ein Live-Streaming-Konzert zwischen sich und den heiligen Gral – oder in diesem Fall die Heilige Gans – schiebt. Das Konzert wird tatsächlich nur an diesem 23. Mai um 20 Uhr übertragen, 500 Konzertkarten wurden online erworben und bezahlt. Die kleine Aufregung, dass mein Zugang zum Live-Ereignis sich tief im Spam-Ordner verkrochen hat, ist bereits nachmittags überstanden.

Frust vor dem Fernseher

Wo ich mich sonst 20 Minuten vor Beginn eines Konzerts aufs Rad schwinge, stehe ich diesmal eine Stunde vor dem Ereignis mit allen verfügbaren Endgeräten im Wohnzimmer und tüftle. Weil ich gerne eine Bildschirmgröße gehabt hätte, die ein DIN A 4 Blatt übersteigt, tippe ich für die Übertragung auf dem Fernseher gefühlte 20 Minuten die ellenlange Webadresse in die Fernbedienung… „Seite nicht gefunden“ ist die lakonische Misserfolgsmeldung meines angeblich so smarten TVs.

Nächster Anlauf: Das Spiegeln meines Handybildes auf die große Fläche funktioniert ein Weilchen und stürzt mitten im Programm ab. Reuige Rückkehr zum Tablet, auf dem ich bisher die Applaus-App bedient habe. Mit der kann frau ermutigende Unterstützungswellen durch den Äther in die Heilige Gans schwappen lassen. Aus Kühnhofen kommt ab jetzt folglich kein Applaus mehr nach Dietenhofen.

Neues Leben nach 15 Jahren

Externe Lautsprecher übertönen halbwegs erfolgreich die Freizeitgeräusche aus den nachbarlichen Gärten, und pünktlich um acht schwenkt die Kamera auf den Gans-Wirt Rene Kreuß. Er poliert die Gläser für den Hefeweizen-Caipirinha und möchte die musikalische Wiege der Gankinos, seit 15 Jahren geschlossen, neu beleben.

Und endlich ist es soweit: Vor einem Minimalpublikum aus Kameramann mit Maske, Licht- und Tontechnikern legen sich Maximilian Eder, Simon Schorndanner, Ralf Wieland und Johannes Sens spürbar ins Zeug, um ihre wahnwitzige Mischung aus Klezmer, Folk, Rock und Punk an die inzwischen auf über 300 Teilnehmer angewachsene Bildschirmgemeinde zu bringen.

Tanzlust versus Technik

Vor allem der hinreißende Elf-Achtel-Takt, der das arhythmisch schlagende Herz des bulgarischen „Gankino“-Volkstanzes bildet, lässt eigentlich Tanzlust aufwallen. Doch der Bildschirm ist zu klein, der Himmel draußen noch zu hell und ab und zu lassen Netzschwächen die Jungs aus Dietenhofen stottern. Das ist besonders bedauerlich, als das Bild von Klarinettist Simon, der auf dem Tresen steppt, in einer eigentlich nicht zu haltenden Haltung rettungslos einfriert.

Immerhin brauchen die Dietenhofener Temperamentbündel diesmal von der Quelle ihrer Inspiration nicht nur zu erzählen. Sie sind mittendrin in der hellgelben Holzvertäfelung der „Heiligen Gans“, unter der Reihe aus Huthaken, wo angeblich bereits ihre Großväter den Hut aufhängten, in der vermutlich Bierdünste atmenden Wirtsstube, dem Reich ihrer Kultfigur „Weizen-Charlie“. Der muss für etliche makabre Geschichten herhalten, und sogar auf seinem Knochengestell wird noch musiziert. Max Eder entlockt dem „Bonofon“ aus Röhrenknochen hell-trockene Töne.

Betretene Stille danach

Um den „Live-und-einmalig“-Gedanken zu stärken, gibt es ein Quiz mit echten Anrufern, die mit schöner Regelmäßigkeit aus der Leitung kippen, und eine kleine Strip-und-Unstrip-Einlage von Drummer Johannes Sens. Dennoch, die Stille nach dem letzten furiosen Stück ist ein bisschen betreten: Die Zugaberufe aus der ebenfalls zugeschalteten Chat-Möglichkeit sind lautlos, aber offenbar deutlich genug, um die Gankinos zu ihrer Zugabe „Kein schöner Land“ zu überreden. Es verklingt melancholisch mit dem dunkler werdenden Bildschirm.

„Es ist halt nicht dasselbe,“ seufzt auch der im Kick engagierte Harald Thiel, der sich das Ereignis mit seiner Frau angesehen hat. Für ihn war es nicht das erste Konzert-Live-Streaming. Auch „Café del Mundo“, die ebenfalls schon im Kick aufgetreten sind, hat er sich während der Corona-Krise bereits angesehen. Sie konnten mit gigantischem Aufwand und vielen Kameras 15.000 Zuschauer anlocken. Dass die ausfallenden Konzerte eine Belastung für den Verein, für die den Kick-Raum zur Verfügung stellende Hedwig Bäumler, vor allem aber für die Musiker ist, das gibt Harald Thiel schon gewaltig zu denken: „Es ist ja auch kein Ende in Sicht!“

Besser als nichts

Und ein Streaming-Konzert kann die Atmosphäre, die Reaktionen des Publikums, das Lachen, die Zwischenrufe, die ansteigende Temperatur, die mit dem Sitznachbar brüderlich geteilte Atemluft und die vielen bekannten Gesichter eben doch nicht simulieren. Ob die technischen Aussetzer jeweils beim Veranstalter oder beim Endverbraucher entstehen, ist schwer zu sagen. Ein wenig ist es auch wie mit den anfänglichen 
Corona-Video-Chats mit Freunden und Verwandten, die man nicht treffen durfte: Es war nicht dasselbe, aber doch deutlich mehr als nichts. Und für alle, die ein Ticket erworben hatten, gibt es schon am Folgetag den Zugang zum technisch einwandfreien Video von Gankino Circus.

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