Kurioser Fund

Hundert Jahre alte Radfahrkarte

Ein Stück regionale Fahrradgeschichte: Radfahrkarte, Regelbuch und das Buch „Das Beste aus der Heimat“. | Foto: Gurguta2021/03/Radfahrkarte.jpg

HERSBRUCK (jg) – Das Fahrrad zählt heute zu einem der gängigsten und selbstverständlichsten Fortbewegungsmittel. Das war jedoch nicht immer der Fall. Der Hersbrucker Dr. Ralf Knipser machte beim Durchforsten seiner Dokumente einen kuriosen Fund. Dabei handelt es sich um eine über hundert Jahre alte Radfahrkarte, ausgestellt auf seine Ur-Großmutter mitsamt einem Regelbüchlein.

Wer kennt es nicht? Man kramt in alten Unterlagen und findet schon lange vergessen geglaubte Schätze. Sei es die verlorene Sonnenbrille, Bilder vom Italienurlaub vor zehn Jahren oder gar einen geschmacklosen Hut, den man wahrscheinlich absichtlich „verloren“ hat. Interessanter wird es jedoch, wenn man etwas findet, von dem man gar nichts wusste. So ging es Dr. Rolf Knipser aus Hersbruck, als er in alten Unterlagen ein mysteriöses Dokument in altdeutscher Schrift fand.

Ein Sensationsfund

„Ich konnte es nicht glauben und habe noch nie so etwas gesehen“, erklärt der Arzt, der schon lange im Ruhestand ist. Es handelt sich um eine auf seine Urgroßmutter 1914 ausgestellte Radfahrkarte. Beigefügt ein kleines schwarzes Heftchen mit der Überschrift „Oberpolizeiliche Vorschriften über den Radverkehr“. Heutzutage ist dies eine Rarität, und viele können sich wahrscheinlich gar nichts darunter vorstellen. Radfahren ist mittlerweile so allgegenwärtig und zugänglich, dass wohl kaum jemand auf die Idee kommt, einen Führerschein dafür mitführen zu müssen.

„Die ersten Radfahrkarten kamen in Deutschland in der Kaiserzeit um die 1880er Jahre auf“, erklärt Ivan Sojc, Leiter des Deutschen Fahrradmuseums in Bad Brückenau. Sie seien in ganz Deutschland, aber auch in anderen Ländern sehr verbreitet gewesen. „Die Motive dafür waren neben der nachweislichen Befähigung des Fahrradhalters auch verkehrsrechtlich und steuerlich“, so Sojc.

Wichtigstes Verkehrsmittel

Historiker beschreiben das 20. Jahrhundert als Renaissance des Fahrrads. Aufgrund von Urbanisierung und Industrialisierung sind immer mehr Menschen mit diesem Fortbewegungsmittel zu den Arbeitsstätten gefahren. „Grund dafür waren die Vergrößerungen vieler Fabriken und deren Umzug an den Stadtrand“, erzählt Sojc. Außerdem sei das Rad um diese Zeit auch etwas erschwinglicher geworden. Somit avancierte das Fahrrad in Europa zum wichtigsten Verkehrsmittel. Gedämpft habe diesen Trend erst die Verbreitung des Automobils um 1906.

Möglicherweise ist ebendiese große Verbreitung einer der Gründe, warum Radfahrer damals ihre Radfahrkarte verpflichtend mitführen mussten. Das Regelwerk ist ein Beweis für das Alter des Dokuments, weil viele Vorschriften schon lange überholt sind. Es unterteilt sich in allgemeine Vorschriften zum Fahrrad und den Fahrer, besondere Pflichten des Halters, Straf- und Schlussbestimmungen. Vieles davon überschneidet sich mit der heutigen Straßenverkehrsordnung, einige Punkte wiederum wirken recht bizarr.

Skurrile Anfänge

Heutzutage verfügt so gut wie jedes Rad über einen Dynamo zur Lichtversorgung. In den Dokumenten aus dem 20. Jahrhundert heißt es, der Fahrer solle bei Dunkelheit und Nebel eine „hellbrennende Laterne mit farblosen Gläsern“ mitführen. Außerdem habe der Fahrer auf „zweckloses und belästigendes“ Klingeln zu verzichten, vor allem wenn dadurch Tiere gestört werden. Von nicht polizeilich erlaubten Wettrennen sei ebenfalls abzusehen. Sofern sich ein Radfahrer nicht an diese Regelungen hielt, drohten ihm eine Geldstrafe von bis zu 60 Mark oder eine Freiheitsstrafe von 14 Tagen.

In Hersbruck hat das Fahrrad einen teilweise steinigen, aber auch glorreichen Weg bestritten. Im Zeitdokument „Hoch zu Rad und gut bewaffnet“ im Buch „Das Beste aus der Heimat“ erzählt Karl Pfeiffer (1860-1965) von dessen Anfängen. Der Münchener Leonhard Raum hat ihm damals das gängige Hochrad nähergebracht. Das Interesse wuchs schnell, und 1890 wurde der erste regionale Radfahrclub gegründet. Neben Ausflügen wurden auch Straßenrennen zwischen Altensittenbach und Reichenschwand und zwischen der Amberger Straße und dem Hohenstädter Bahnübergang veranstaltet. Nicht ganz ungefährlich, wie Karl Pfeiffer schrieb, da Hochräder eine große Verletzungsgefahr bei Stürzen bargen. Deshalb kam auch der baldige Wechsel vom Hoch- zum Niederrad.

Achtung, Hund

Es dauerte auch eine ganze Weile, bis sich die Hersbrucker an dieses neue Fortbewegungsmittel gewöhnten. Am Anfang wurden die Radler noch von Jugendlichen mit Steinen und Stöcken attackiert. Am kuriosesten ist der Aspekt, dass sich Radfahrer gegen Hundeangriffe haben bewaffnen müssen. Neben der Reitpeitsche habe man sich mit Raketen an der Lenkerstange verteidigt, die knallend Funken sprühten, um die Vierbeiner zu vertreiben.

„Die letzten nachweislichen Radfahrkarten wurden nach dem Zweiten Weltkrieg ausgestellt“, erzählt Sojc. Das habe wie ein Ausweis für die jeweilige Besatzungszone gegolten. Heute werde ein solches Dokument nur noch in bestimmten Radfahrvereinen an die Mitglieder verteilt. Alleine zu wissen, dass es etwas Vergleichbares in der heutigen Zeit kaum noch gibt, zeigt um was für ein einzigartiges Dokument es sich handelt. Der Zustand ist für das Alter ebenfalls unverhofft gut. Wer weiß, vielleicht werden zukünftige Generationen von den heute gängigen Dokumenten ebenso verblüfft sein.

Interessenten könne das Buch „Das Beste aus der Heimat“ für 19,80 Euro bei der HZ (Mail an [email protected] oder Telefon 09151/73070) sowie online im hersbruck.shop kaufen.

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