Sitzkreis ums Rathaus

„Hersbruck inklusiv“ lädt zur Begegnung ein

Treffpunkt im Herzen der Stadt: Einfach mal auf den Oberen Markt hinsetzen und ins Gespräch kommen – die im Juli 2019 von „Hersbruck inklusiv“ aus New York importierte Idee der „public chairs“ verfing auf Anhieb noch nicht so ganz. Jetzt wagen die Aktiven einen neuen Anlauf – um die während der Corona-Pandemie teils stark gewachsene Isolation aufzubrechen. | Foto: Porta2020/07/DSC-0713.jpeg

HERSBRUCK – „Alle unsere Angebote sind auf Begegnung ausgelegt, das wurde von der Corona-Pandemie in den vergangenen Monaten völlig ausgehebelt“, sagt Caritas-Bereichsleiter Michael Schubert. Um diese unverschuldete Isolation aufzubrechen, laden er und seine Mitstreiter beim Projekt „Hersbruck inklusiv“ am Mittwoch, 29. Juli, rund um das Rathaus zu einer Aktion in kleinen Stuhlkreisen unter dem Motto „Begegnung neu lernen“ ein.

Vor gut drei Wochen traf sich die Steuerungsgruppe des Projekts „Hersbruck inklusiv“ – in dem seit fast vier Jahren Caritas, verschiedenste Sozialträger und Organisationen wie die Rummelsberger, Diakonie, Lebenshilfe oder „Zukunftswerkstatt“ mit Bürgern nach Rezepten und Ideen für ein möglichst gelungenes „Miteinander in Vielfalt“ suchen – in einer lauschigen Laube im Haus Weiher, um „sehr offen und sehr ehrlich“ nach Auswegen aus der für sie nicht länger zu tolerierenden Situation zu suchen, sagt Schubert.

Wohlwissend, dass es mit „Hersbruck inklusiv“ derzeit aus Infektionsschutzgründen „nicht so weitergehen kann, wie es mal war“.
Ob Bürgercafé im Sebastian Fackelmann Haus oder der Treff in „seinem“ Haus Weiher – „alle unsere Ideen kreisen darum, Menschen für Begegnung zu interessieren“, sagt Einrichtungsleiter Martin Chmel. Er und Schubert loben zwar die „hervorragende und stets nach praktikablen Lösungen, die immer den Menschen im Blick hat, suchende“ Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt in Lauf. Sie wissen aber nur zu gut, wie sehr die Menschen in den gemeinschaftlichen Wohnformen, Senioren- und Pflegeheimen oder den sogenannten „Einrichtungen zur Eingliederungshilfe mit Tag- und Nacht-Versorgung“ (früher schlicht als „Heime“ bezeichnet) unter den seit Mitte März geltenden, teils sehr strikten Corona-Regelungen gelitten haben und immer noch leiden.

Wohngruppen ohne Kontakt

In der Hochphase der Pandemie in Deutschland hätte er die Bewohner des Hauses Weiher separieren müssen, sagt Chmel, zwischen den einzelnen Wohngruppen war der sonst übliche und gern angenommene Kontakt von heute auf morgen untersagt. Die Mitarbeiter sahen sich plötzlich mit der Schwierigkeit konfrontiert, ihnen neue Umgangsformen zu lehren und sie auch selbst weitgehend umzusetzen – was die Betreuung alles andere als leichter gemacht hätte. Immerhin: Inzwischen sind die Bewohner fit, um „wieder rauszugehen“, sagt Chmel.

Die unter Corona geltenden Regeln gingen „zum Teil ganz tief in unsere Sozialisation“, sagt Schubert. „Früher hieß es immer: Du musst der Tante oder dem Opa die Hand geben – und jetzt dürfen wir das nicht mehr, um uns nicht anzustecken.“ Ihm selbst fehle der Handschlag, weil „ich gerne diesen Kontakt habe, signalisiert er doch, dass mir mein Gegenüber friedlich gesonnen ist.“ Statt dessen gilt es nun oft, diese Information nur an den Augen eines vom Mund-Nasenschutz weitgehend verdeckten Gesichtes abzulesen.

Was beiden richtig unter die Haut geht: „Es gibt Isolationstendenzen, zunächst nur in den Heimen, inzwischen aber auch in ambulanten Einrichtungen“, weiß Chmel. Exklusive Entwicklungen, die „völlig gegen die Idee von Hersbruck inklusiv sind“.

Gegen die Tendenz steuern

Genau deshalb hat sich die Steuerungsgruppe dazu entschlossen, am heutigen Mittwoch rund ums Rathaus wie vor Jahresfrist wieder „Public Chairs“ aufzustellen. Die Idee stammt aus Megacitys wie New York, wo engagierte Künstler auf öffentlichen Plätzen, die zu reinen Durchgangsrouten oder kommerziellen Epizentren verkommen sind, Sitzmöbel aufstellten, um sie für „Otto Normalbürger“ zurückzuerobern, sie für sie wieder attraktiv zu machen und zum Verweilen und Kontaktknüpfen zu animieren.

Doch Schubert, Chmel und ihre Mitstreiter erhoffen sich für nächste Woche noch mehr: Sie möchten im Gespräch mit möglichst vielen Bürgern herausfinden, wie Kommunikation unter Corona-Bedingungen – also mit Abstand und Maske – wieder möglichst barrierefrei gelingen kann. Schließlich sei gerade eh jeder dabei, kommunikatives Neuland zu erforschen. Beste Gelegenheit also, auch „gleich die Begegnung mit Menschen mit Behinderung, Senioren und Randgruppen zu lernen“, findet Chmel.

Und die Aktiven von „Hersbruck inklusiv“ wollen im Gespräch mit Passanten darüber nachdenken, was Corona mit ihren sozialen Kontakten und ihrem Gesellschaftsgefühl gemacht hat. Alles mit gebührendem Abstand und mit Maske, versteht sich…

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