Helmut Haberkamm las im PPG

Heimatforscher mit Herz

Lehrreich, unterhaltsam, leichtfüßig, doch nie banal blieb Helmut Haberkamm in seiner Lesung der fränkischen Mundart auf der Spur. | Foto: U. Scharrer2018/11/Haberkamm.jpg

HERSBRUCK – Landschaft, Menschen, Essen und Sprache – das sind wichtige Komponenten, um des flüchtigen Begriffs „Heimat“ habhaft zu werden. Helmut Haberkamm, der Autor aus dem Aischgrund, nahm sich das Identitätsstiftende der fränkischen Mundart vor und traf damit in die Mitte seiner über 80 Zuhörer im Paul-Pfinzing-Gymnasium: Von Beginn an begleiteten zustimmendes Gemurmel, heiteres Auflachen und einmal auch schockiertes Luft-
holen seine Lesung.

Am Anfang stand Lungsdorf. Mit momentan 24 Einwohnern passte es in das Profil der „Kleinen Sammlung fränkischer Dörfer“, der neuesten, fast druckfrischen Veröffentlichung Haberkamms. Sehr grafisch und absolut bestechend illustriert von Buchdesignerin Annalena Weber untersucht das auch durch eine Gemeinschaftsanstrengung finanzierte Buch 20 „Käffer“ mit unter 150 Einwohnern, schön gleichmäßig über die Landkarte fränkischen Sprechens verteilt. Haberkamm fühlte den ländlichen Einwohnern auf den Puls, nahm sich Zeit, ließ sich erzählen.

Lakonisch und gleichzeitig voller Empathie, gespickt mit mundartlichen Originalzitaten, nahm der Autor vor allem Schönes und Bemerkenswertes in seine kulturhistorische Sammlung mit immensem Unterhaltungswert auf.
Margareta Deinzer, die älteste Einwohnerin Lungsdorfs, die aus Pfaffenhofen stammt und ins Pegnitztal eingeheiratet hat (oder wie sie es im Gespräch mit der HZ ausdrückt: „Ich hab´ mein Houd neighängd“), berichtet, dass sich Haberkamm einen ganzen Tag Zeit genommen habe, um eine Momentaufnahme von Lungsdorf zu erfragen. Das liest sich dann so: „Doch dann kommt man in dieses enge, waldumschlossene und felsengesprenkelte Tal der Pegnitz, die sich hier bei Velden zutiefst anmutig vorwärtsschlängelt und sich in südwestlicher Richtung weiterwindet ‚zu die Stooder‘ nach Nürnberg und Fürth…“

Lungsdorfer reisten an

Immerhin ein Sechstel der Lungsdorfer Dorfbevölkerung hat sich auf den Weg das Tal hinunter gemacht, um in Hersbruck live von „ihrem Dorf“ vorgelesen zu bekommen, davon, wie sie das Leben in einem „Heimatmuseum“ anpacken, darüber, was sich verändert hat, und von den herzzerreißenden Dramen, die sich hier wie anderswo abgespielt haben.

Denn auch wenn Helmut Haberkamm in schöner Sprache von erheiternden und unterhaltsamen Dingen berichtet, die Härte des Lebens auf dem Land spart er in seinen Veröffentlichungen nicht aus. In seinem Roman „Das Kaffeehaus im Aischgrund“ schildert er den unerbittlichen Jahrhundertwinter 1879 in klirrend kalter Sprache und den Tod eines Kindes an Diphtherie so abgrundtief traurig, dass absolute Stille im bisher so lebhaft teilnehmenden Publikum einkehrt. Haberkamm balanciert die Tragödie im Roman mit absurden „Gschichdla“ und fränkischen Charakterköpfen aus, in der Lesung streut er Mundartpoesie aus seinem Gedichtband „Englische Grüß“ zwischen die Prosatexte.

Kreuzzug für den Dialekt

Haberkamm täuscht ein wenig leichte Muse vor und ist doch sorgfältigster Sprachforscher, leidenschaftlichster Wortbewahrer und virtuosester Sprachkünstler. Dass er diesen Kreuzzug für die Bewahrung und Aufwertung des Dialekts so bescheiden, unaufgeregt und einnehmend präsentieren kann, ist seine große Gabe. Das Publikum dankt es ihm, indem es kein Wort verpassen möchte, das aus seinem Mund kommt. Die Buchhandlung Lösch, die zusammen mit dem Förderverein des PPG für einen weiteren „fränkischen Abend“ verantwortlich zeichnete, hält alle aktuellen Haberkamm-Bücher bereit.

N-Land Ute Scharrer
Ute Scharrer