Neunhoeffer plädiert für „verantwortlichen Entschluss“

„G8 oder G9: Hauptsache eindeutig“

Gibt es weiter ein acht- oder wieder ein neunjähriges Gymnasium? Oder beides? Die Frage ist offen. Foto: Cherries - fotolia.com, Pfeiffer Medienfabrik2016/05/7141087.jpeg

HERSBRUCK – Weiter acht Jahre oder doch wieder neun Jahre Gymnasium? Oder beides nebeneinander? Das ist längst nicht klar. Aber Aussagen von Ministerpräsident Horst Seehofer weisen darauf hin, dass das G8 in der heutigen Form wieder kippen könnte. Hauptsache, „es gibt eine nachhaltige Verlässlichkeit in dieser Frage“, wünscht sich der Direktor des Paul-Pfinzing-Gymnasiums (PPG), Klaus Neunhoeffer. Er ist sich mit Elternsprecherin Dorothee Pörner einig: Die Schule kommt mit der kürzeren Form gut zurecht, zugleich braucht manche Persönlichkeit Zeit zum Reifen.

Das Hersbrucker Gymnasium hat 1050 Schüler. Es ist keine der 47 bayerischen Pilotschulen, in der sich Siebtklässer zwischen drei oder vier Jahren Mittelstufe entscheiden können. Im Nürnberger Land bietet nur das Christoph-Jacob-Treu (CJT) Gymnasium diese „Mittelstufe plus“. Den Laufern ergeht es in diesem Testlauf wie den meisten beteiligten Schulen: Etwa 60 Prozent der Schüler wollen den Stoff der Klassen 8 bis 10 auf vier Jahre strecken, um mehr Zeit und weniger Druck zu haben. Nächstes Jahr sind es im CJT sogar 66 Prozent.

Das überrascht nicht, stand das G8 doch seit seiner Einführung 2004 in der Kritik. Zu viel Lernstress, zu wenig Freizeit standen dem Vorteil gegenüber, früher ins Berufsleben starten zu können, wie es in vielen anderen Ländern üblich ist. In Hersbruck und Lauf gibt es Schüler, die genau das wollen und brauchen, es gibt aber auch Schüler, denen mehr Zeit bis zum Abitur gut tut. Und das hat nicht immer nur mit Noten zu tun, wie in Gesprächen der HZ mit Neunhoeffer, dem Laufer Direktor Thomas Freiman oder PPG-Elternsprecherin Pörner klar wird.

Reife ist ein Thema
„In der persönlichen Entwicklung ist jedes Jahr wichtig“, weiß Neunhoeffer, der nicht nur Schulleiter, sondern eben auch leidenschaftlicher Pädagoge ist. Als der müsse er sich fragen, ob ein 18- oder 19-Jähriger „komplexe Thematiken nicht anders behalten kann“. Er ist unentschieden. Denn das solle auch nicht heißen, dass ein 17-Jähriger nicht Abitur machen könne und dass die Qualität des Abschlusses durch eine längere Schulzeit automatisch besser werde.

Was sagen die Abschlussnoten am PPG? Der Schnitt sei mit 2,2 bis 2,3 etwa genauso wie vor der Oberstufenreform, antwortet Neunhoeffer. Auffallend sei nur, dass es deutlich mehr Einser-Absolventen und deutlich mehr schlechtere Abiturschnitte gebe. „Die Mittelgruppe ist kleiner geworden“, sagt der PPG-Leiter, kommentiert dies aber nicht. Er verweist auf die Gesamtsituation. Denn das Gymnasium habe sich nicht nur wegen des G8 grundlegend verändert. Verändern müssen. Inzwischen nimmt das PPG 40 Prozent eines Jahrgangs auf. Vor 25 Jahren war es gut die Hälfte. Entsprechend groß ist heute die Vielfalt, in der sich der gesellschaftliche Wandel spiegelt. Nur einige Stichworte sind Social Media, Patchwork-Familien, Aufmerksamkeitsdefizite, mangelnde Unterstützung des Elternhauses, jüngere Übertrittsschüler in die fünfte Klasse — und: weniger Zeit bis zur Hochschulreifeprüfung.

„Wir müssen die Persönlichkeitsentwicklung individuell begleiten“, sagt Neunhoeffer. Unabhängig von der Frage „G8 oder G9?“ hält er es für gut, dass Lehrer in der Mittelstufe seit der Reform 2004 zu Extrazeiten mit Schülern arbeiten können, in Kleingruppen sowohl fachlich als auch pädagogisch. „Überraschend viele“ Jugendliche entwickelten ihre Persönlichkeit am Gymnasium merklich. Das liege auch an deren freiwilligem Engagement in Ensembles, Theatergruppen oder Naturwissenschaftsprojekten. Der soziale Aspekt und Erfolge außerhalb der üblichen Pflichtfächer seien nicht zu unterschätzen, sagt der Pädagoge Neunhoeffer.

Einen weiteren Aspekt nennt Elternsprecherin Dorothee Pörner, die selbst vier Kinder am Gymnasium hatte: Die Schulberatung sei top. Durch sie werde vieles rechtzeitig in die richtige Richtung gelenkt. Sei es die Entscheidung für ein „Flexi-Jahr“ in der Mittelstufe, also die freiwillige Wiederholung der achten oder neunten Klasse, oder ein Schulwechsel.

Allerdings wählten im vergangenen Herbst und auch später noch auffallend viele den Notausstieg: Etwa 20 Achtklässer gingen an die Realschule. Ob das am G8 liegt? Weder Neunhoeffer noch Realschulrektor Herbert Hieke wissen es.

„Mehr G9-Befürworter“
Dorothee Pörner ist überzeugt, dass G8/G9 ein Thema unter den Eltern ist. Sie könne es aber nicht absolut sicher sagen. Da das PPG sehr individuell mit den Eltern zusammenarbeite, sei dies bisher kein eigenes Thema für den Elternbeirat. Sie schätzt aber, dass „es mehr G9- als G8-Befürworter gibt“. Dabei möchte sie das G8 gar nicht schlecht machen. Vielleicht sei der gestiegene Leistungsdruck aus dem Elternhaus ja das eigentliche Problem. Andererseits frage sie sich: Was macht ein 17-jähriger Abiturient? Er dürfe vieles ja noch gar nicht: Stichwort Autofahren, längere Praktika. Ihr Wunsch wäre: „Der Lehrplan des G8, gestreckt auf neun Jahre.“

Für Neunhoeffer ist das nicht der wichtigste Punkt. Er plädiert für eine wirkliche, eindeutige Entscheidung. „Ich wünsche mir ein G8 oder G9“, sagt er. „Ich höre von der Politik, dass sie ihren Entschluss verantwortlich mit Experten treffen will — ich gehe davon aus, dass es so sein wird.“

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