Interview mit Initiatoren

Ein inklusives Wohnprojekt in Hersbruck?

Ulrike Ruppert und Gabriele Karsten (v. links). | Foto: A. Pitsch2017/03/7919606.jpeg

HERSBRUCK – Zwei Vereine – eine große Idee: „Gemeinsam Leben – Gemeinsam Lernen“ und die Lernwirkstatt Inklusion im Nürnberger Land wollen ein inklusives Wohnprojekt in Hersbruck auf den Weg bringen. Bisher haben sich Ulrike Ruppert vom Verein und Gabriele Karsten von der Lernwirkstatt viele Gedanken gemacht, Eindrücke gesammelt und Gespräche geführt. Nun sollen weitere Mitstreiter, mögliche Bewohner und Unterstützer gefunden werden – bei einer Infoveranstaltung am Mittwoch, 8. März, um 19 Uhr im Fackelmannhaus.

Wohnprojekte mit Menschen verschiedenen Alters, Familienstand, Nationalität sowie Konstitution sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. Warum engagieren Sie sich so für eine Umsetzung in Hersbruck?
Ulrike Ruppert: Es ist bei uns beiden die persönliche Betroffenheit aufgrund behinderter Kinder. Wir wollen, dass sie ihren inklusiven Lebensweg fortsetzen können, und da ist das eigenständige Wohnen der nächste konsequente Schritt.
Gabriele Karsten: Aber es geht dabei natürlich nicht in erster Linie um uns. Wir haben bei ersten Gesprächen festgestellt, dass in Hersbruck eine Klientel für eine solche Wohnform der Zukunft vorhanden ist. Auch die lokale und regionale Politik signalisierte uns Wohlwollen, denn die Idee passe laut Bürgermeister Robert Ilg zum Stadtbild.

Wie stellen Sie sich das denn genau vor?
Ruppert: Von den Bewohnern her sollte es eine Mischung aus Menschen mit und ohne Behinderung, mit und ohne Migrationshintergrund, Alleinerziehenden, jungen Familien und Senioren sein, die die Vielfalt unserer Gesellschaft widerspiegelt. Das Projekt ist ein gesellschaftlicher Entwurf, der absolut zeitgemäß und zukunftsfähig ist und aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen entgegenwirkt: Familien driften auseinander, viele Ältere leben allein in zu großen Häusern, es gibt sozial gespaltene Wohngebiete.

Nachbarschaftshilfe gehört bei solchen Wohnformen meist dazu.
Ruppert: Es ist mehr als das, und zwar ein Unterstützen ohne Ausnutzen unterhalb der professionellen Ebene, aber auf verbindlicher Basis. Das nennt sich Sozialgenossenschaft und kann verschieden aussehen. Im Prinzip ist es eine Art Tauschbörse von Dienstleistungen. Durch einen Fahrdienst für einen Nachbarn, der selbst nicht fahren kann, erwirtschaftet man sich ein Guthaben an Zeit oder Punkten, das man beim Gegenüber oder jemand anderem wieder für eine andere Hilfestellung eintauschen kann. Charmant daran ist, dass auch andere für einen „einzahlen“ können, zum Beispiel die Kinder oder Enkel bei Senioren. Das ersetzt professionelle Unterstützung durch einen Pflegedienst nicht, wenn dies erforderlich ist.

Sie hatten die Rechtsform schon angesprochen.
Ruppert: Da gibt es mehrere Möglichkeiten: Entweder stemmen die Bewohner den Bau beispielsweise über eine Genossenschaft selbst und akquirieren Fördermittel oder man findet einen – nach Möglichkeit gemeinnützigen – Investor, der das Objekt erstellt und anschließend vermietet, und zwar so, dass auch Sozialhilfeträger bei einigen Wohnungen die Miete übernehmen könnten. Doch bis es so weit ist, müssen wir erst einmal eine Immobilie oder ein Grundstück finden – am besten so zentral wie möglich in Hersbrucks Innenstadt. Da gäbe es auch freie Objekte …

Welche Anforderungen gibt es an den Bau noch?
Karsten: Wir dachten an zehn bis maximal 30 Wohneinheiten verschiedener Größe. Es liebt ja nicht jeder jeden, das heißt, man muss sich auch aus dem Weg gehen können. Neben der eigenen Wohnung soll es Gemeinschaftsflächen zum Kochen oder im Garten geben.

N-Land Andrea Pitsch
Andrea Pitsch