Jon Gomm & Friends beim Gitarrenfestival

Der Lack ist ab

Ein gepeinigter Gitarrenheld mit geschundenem Instrument: Nur Zupfen geht für Jon Gomm gar nicht. | Foto: U. Scharrer2017/08/8333115.jpeg

HERSBRUCK – Nach den Begrüßungen und Danksagungen kommt kein Nadelstreifenanzug mehr auf die Bühne: Tätowiert, in Jeans oder zerknitterter Leinenhose und T-Shirt, ja sogar ohne Schuhe machen Jon Gomm und seine Gäste Stuart Ryan und Thomas Leeb gleich klar, dass dieser Abend ein bisschen anders laufen wird. Drei konzentrierte Sets später staunen selbst langjährige Gitarrenspieler im Saal, was aus diesem Instrument alles herauszuholen ist.

Der künstlerische Leiter des Gitarrenfestivals, Johannes Tonio Kreusch, hatte Jon Gomm, der Galionsfigur des fünften Festivalabends, freie Hand bei der Auswahl seiner musikalischen Gäste gegeben. Auf die Nachfrage, wie er auf den Briten Stuart Ryan und den in den USA lebenden Österreicher Thomas Leeb gekommen sei, musste Gomm nicht lange überlegen: „Because these guys are f***ing amazing!“.

Dass die „Kerls verdammt noch mal einfach wunderbar spielen“, das durfte als erster Stuart Ryan beweisen, ein Meister der vorwiegend stilleren Töne. Mit sympathischem Understatement und ohne jegliche Effekthascherei ließ er die Zuhörer an Eigenkompositionen, genährt von seinen persönlichen Erfahrungen, teilhaben. In „Dream Runner“ vertonte er das unbewusste Zappeln seines Hundes im Tiefschlaf mit harmonischen, melodiösen und manchmal abrupt unterbrochenen Läufen.

Die Klänge der afrikanischen Stegharfe „Kora“ verwob er im gleichnamigen Stück mit dem für das fein gestimmte Musikerohr irritierende Geläut von aus dem Takt geratenen, ländlichen Kirchenglocken. Stuart Ryan, vielfach preisgekrönt, ließ das Publikum in den fließenden und verspielten Kompositionen nie ganz verloren gehen: Immer wieder kehrte er zu Thema und Grundmelodie zurück und schuf so Ankerplätze im Meer seiner Improvisationen. Die „Stimmung“ seiner atmosphärischen Stücke war ihm in beiderlei Wortsinn wichtig und so stimmte er für jeden Titel um und sei es nur durch ein Fitzelchen Pappe unter den Saiten, das die Töne gedämpft und ein wenig ausgefranst wirken ließ.

Konzentriert und ohne jegliche Bühnenallüren beschenkte Ryan sein Publikum mit Momenten traumtänzerischer Innigkeit.
Ryan ging ab – Thomas Leeb sprang auf die Bühne, strahlte, schwang seinen langen Pferdeschwanz nach hinten und griff in die Saiten des Instruments, das er sich auch auf den Innenarm hat tätowieren lassen. Leebs Meisterschaft liegt in ausgelassenen, temperamentvollen Arrangements voller Witz und in der zurückgelehnten Gelassenheit des echten Könners.

Auf dem Korpus seines zerkratzten Instruments vollführt er Trommelwirbel, streichelt, klopft und klapst und erstaunt mit der Klangvielfalt, die auf dem beim normalen Spiel meist ungenutzten Gitarrenkörper erzeugt werden kann. Doch auch den Gitarrenhals vernachlässigt Leeb bei seiner Gitarren-Ganzkörpermassage nicht: Auf nur zwei Handbreit lässt er diffizile Melodien entstehen.
Leeb lässt sich am Ende seines Gigs im Schneidersitz am Bühnenrand nieder und zeigt mit einem Medley aus der deutschen Nationalhymne, der Pippi-Langstrumpf-Melodie und dem Tom-und-Jerry-Thema, dass Pomp und Pop beileibe nicht unvereinbar sind.

Eine „Naturgewalt“
Nach der Pause betritt die Bühne einer, den Kollege Leeb als Naturgewalt bezeichnet: Jon Gomm. Er hat die Schuhe weggelassen und eine Gitarre umgehängt, die vernarbt und zerkratzt wie ein altgedienter Westernheld scheinbar nur noch von den ausgefransten Klebebändern zusammengehalten wird, die Kabel und Tonabnehmer an ihrem Platz halten.

Doch das täuscht: Obwohl Gomm wegen der „fränkischen Schwüle“, die nur noch mit dem Feuchtklima in Hongkong zu vergleichen sei, fast ununterbrochen nachstimmen muss, zeigt sein Instrument keine Schwächen – im Gegenteil: In einer kleinen „Unterrichtseinheit“ zeigt Gomm, was man sonst mit dem bloßen Auge kaum nachvollziehen kann; wie er nämlich mit seinen Fingern, Händen, den Unterarmen und seinem Saiteninstrument Kickdrum, Snaredrum, Toms, die ratschende Güiro, das Keyboard und selbstverständlich Gitarre, Bass und Gesang hervorbringt – zeitgleich.

Doch auch bei ihm ist das Instrumentarium, einschließlich des mit nackten Zehen bedienten Effektgerätes, dienend. Sphärische, schwermütige, ja auch bedrohlich wirkende Verzerrungen, Echos und Hall untermalen die düstere Stimmung von Jon Gomms Kompositionen. Mit ausdrucksvoller Mimik scheint er sich manchmal fast durch seine Stücke zu quälen, seufzt und singt mit Kopfstimme von Einsamkeit und Verlust, um dann leichtfüßig und mit einem Augenzwinkern zum nächsten Song überzuleiten.

Von Pepe Romeros akustischem Auftritt am Vorabend mit einer „vermutlich 20.000 Euro teuren Gitarre“ lässt er sich zu einem absurden kleinen Lovesong ohne Verstärkung herausfordern und zeigt, dass er auch ohne Effekte und mit einer „20-Euro-Gitarre“ seinen Mann stehen kann. Unter tosendem Applaus verlässt Gomm die Bühne und kehrt zu einer Zugabe mit seinen zwei Gästen zurück. Angenehm, wie die drei „Guitar heroes“ des Abends ihr grandioses Können stets dem Hörgenuss des Publikums unterordnen, nicht abgehobene Kunst um der Kunst willen hören lassen, sondern nahe an den Zuhörern bleiben. Das belohnen die Besucher mit begeistertem Beifall und glücklichen Gesichtern.

N-Land Ute Scharrer
Ute Scharrer