Hygienemaßnahmen

Corona und die Hospizarbeit

Andrea Weinschenk, Sabine Hess und Margot Schelb (v. links) wünschen sich neue Regelungen für die Begleitung von alten und sterbenden Menschen. | Foto: A. Pitsch2020/10/IMG-8282.jpg

HERSBRUCK – Corona hat den Tod wieder mehr in den Blickpunkt gerückt. Doch zugleich sorgen die aktuellen Hygienemaßnahmen dafür, dass das Thema des selbstbestimmten Sterbens weggeschoben wird. Das ärgert die Ehrenamtlichen der Hospizinitiative der Caritas Nürnberger Land.

„Wir haben während des Lockdowns keine einzige Anfrage nach einer Sterbebegleitung bekommen“, erzählt Sabine Hess, Leiterin der Hospizinitiative. Angehörige seien seitdem vorsichtiger geworden. „Das haben sie uns auch direkt so gesagt.“

Dabei habe Gesundheitsministerin Melanie Hummel betont, dass Sterbende begleitet werden dürfen. Sogar die Angehörigen seien aus den Seniorenheimen verbannt worden, die Pfleger waren mit allen Aufgaben allein: „Da ist natürlich irgendetwas auf der Strecke geblieben.“

Einsam im Zimmer

Margot Schelb hat das direkt erlebt. Ehrenamtlich besucht sie seit Juli zwei alte Damen in einem Stift in Lauf. „Die beiden waren die Monate vorher alleine, das war ganz schrecklich.“ Bei einer der Frauen habe das schlimme Auswirkungen, sie liege nur da und starre vor sich hin.

Der Besuch wurde und werde durch bestimmte Besuchszeiten oder das Tragen der Maske eingeschränkt: „Die Leute haben deswegen anfangs kein Gesicht gesehen, nichts verstanden.“ Mittlerweile dürften sie die Masken aber ablegen.

Ihre Kollegin Andrea Weinschenk war in einer privaten Pflegeeinrichtung im Einsatz, in der alles sehr individuell, aber korrekt geregelt worden sei. „Ich habe das als sehr Mensch bezogen empfunden.“ Diese Erfahrung hat Hess noch nicht gemacht. Sie kennt ein Seniorenheim, in dem Besuche nur nachmittags kommen dürfen und sich 24 Stunden vorher anmelden müssen, wann sie erscheinen und wo sie die Person treffen wollen – im Garten oder im Stockwerk hinter einer Plexiglas-Scheibe. „Das behindert unsere Arbeit, weil unser Ehrenamt aus der Flexibilität geboren ist.“

Schneller im Vergessen

So könne beispielsweise eine berufstätige Ehrenamtliche erst um 16 Uhr eine Seniorin besuchen. „Da ist die Dame aber schon im Bett und sie können nicht mal miteinander spazieren gehen.“ Solche Dinge würden vor allem der Demenz Vorschub leisten, weiß Hess. Plexiglas-Wände, keine Möglichkeit zu kleinen Berührungen, dass die Senioren wegen des Mindestabstands sich nicht einmal beim Essen gegenseitig helfen dürfen, das mache Begegnung schwer: „Die Menschlichkeit fehlt.“

Und dieser Mangel werde mit dem „Mantel der Fürsorge“ zugedeckt und verschleiert. „Gewisse Vorsichtsmaßnahmen müssen natürlich sein, aber aktuell sind diese in sich unlogisch und unterschiedlich.“ Klar würden sich die Einrichtungen mit ihren Regelungen selbst schützen, denkt Weinschenk, aber diese „eigene Welt passt nicht zum Alltag“. Die Folge: Unzufriedenheit.

Insel der Normalität

„Diese haben wir im Team in den vergangenen Monaten stark gespürt“, gibt Weinschenk zu. Denn die Ehrenamtlichen sehen den Bedarf an Hilfe und Begleitung, dürfen aber nicht in die Tat gehen; doch genau deswegen hätten sie ja den sozialen Bereich gewählt: „Das macht etwas mit den Menschen“, ist sie sich sicher.

Das Tageshospiz „Herberge der Lebensfreude“ sei während des Lockdowns zu gewesen. Weinschenk stellte sich da die Frage, ob das hätte sein müssen: „Unsere Gäste sind austherapiert, haben aber noch so viel Energie, dass sie sich soziale Kontakte wünschen und auch äußern können, was sie wollen und was nicht.“ Eine Ansteckung sei für die Patienten zweitrangig. Sie genießen seit der Wiederöffnung ein Stückchen normales Leben und auch Weinschenk sagt: „Ich empfinde es hier als Insel.“


Sie hat den Eindruck, dass mit den Bestimmungen eine Art Rückbau betrieben werde, denn die aktuellen Bedingungen stünden im Mittelpunkt und nicht der Mensch. „Doch der muss seine Entscheidungen selbst treffen können und dürfen.“ Daher sei es nötig, die Entwicklung offensiv anzunehmen, „Grenzen zu weiten, aber nicht zu sprengen“. Denn wo das Ehrenamt nicht tätig sein kann, da werde es auf Dauer schwer für die Einrichtungen werden, ist Weinschenk überzeugt.

Das Wir fühlen

Dabei hätten die Menschen ja bereits bewiesen, dass sie sich entsprechend organisieren können. „Zum Beispiel mit dem Einkaufen durch die Nachbarn“, erinnert sich Hess. So könnten doch auch Jugendliche Skype in Seniorenheimen einrichten, damit die älteren Herrschaften mit ihren Angehörigen reden können. Und auch die Familien müsste man mehr ins Boot holen: „Dann fühlt man das Wir.“ Grundlage für das alles seien einheitliche und schlüssige Vorgaben, sind sich die drei einig.

Sieht das der Caritas-Verband denn genau so? Der schon, aber in der Gesellschaft sei eher die Pflege ein großes Thema. „Wir betreffen halt nur einen kleinen Teil der Menschheit“, lässt Hess leichte Kritik daran anklingen, dass Sterben und Tod gerne ausgeblendet werden.

Die Zeit der frühjährlichen Schockstarre sei nun vorbei, so Weinschenk, es gelte neue, andere Wege zu gehen. „Wir müssen wieder zueinander finden und die Angst ablegen, sonst gehen wir emotional kaputt“, stimmt Hess ihr zu. Dazu müsse man eben ausloten, was geht und was nicht, man müsse sich trauen, über den eigenen Horizont hinauszublicken. „Das braucht trotz aller Vorsicht Zivilcourage und erfordert Mut.“

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