Laienchöre fürchten um Existenz

Chorgesang bleibt noch länger stumm

Eines der Highlights der Hersbrucker Chöre: die Marktplatzserenade im Juni. Auch sie muss dieses Jahr wegen des Coronavirus entfallen. | Foto: privat2020/06/IMG-2851-scaled.jpg

HERSBRUCKER SCHWEIZ – Tag des Liedes, Marktplatzserenade, Singabende – jetzt hätten die Laienchöre in der Region Hochsaison. Aber auch ihnen macht Corona einen Strich durch die Rechnung. Zwar sind ab 15. Juni wieder Veranstaltungen und Konzerte unter bestimmten Bedingungen erlaubt – für die Chöre wird es aber wohl noch länger keine Möglichkeit geben, ihr Hobby wieder auszuüben. Daraus entsteht auch ein gesellschaftliches Problem, meint Hermann Hopfengärtner, Vorsitzender der Sängervereinigung Hersbruck.

„Während sich Gastronomie, Schulen und Kitas bereits über Erleichterungen freuen können, ist eine große Bevölkerungsgruppe noch voll von der Corona-Pandemie betroffen: Die Laienchöre“, sagt Hermann Hopfengärtner. Im Sängerkreis Hersbruck, der sich von Auerbach bis Feucht und von Sulzbach-Rosenberg bis Schwaig erstreckt, seien zirka 2400 Sänger in 90 Chören betroffen.

Weil Laienchöre fast immer in geschlossenen Räumen proben, könnten sie den vorgeschriebenen Mindestabstand kaum einhalten. „Hinzu kommt, dass ein Sänger kräftiger als normal ausatmet und dadurch auch besonders tief einatmet, was wiederum eine extreme Ansteckungsgefahr bedeutet“, erklärt Hopfengärtner. Wohl am meisten gefährdet ist der Chorleiter, der im Zentrum des Chores und damit quasi im „Kreuzfeuer“ des Ausatmens stehe.

Viren in der Raumluft

Es sei noch nicht genau untersucht, wie lange die vom Sänger kräftig ausgeatmeten eventuellen Viren in der Raumluft stehen bleiben können. Laut einer Mittelung des Freiburger Instituts für Musikermedizin müsse davon ausgegangen werden, dass beim Singen genauso wie beim Sprechen Aerosole entstehen, die Viren übertragen können. Die Deutsche Stimmklinik empfiehlt zudem Zugluft, damit sich die Luft im Raum bewegt.

„Singen mit Mundschutz als Alternative kann sich sicher niemand vorstellen. Es gibt mit Sicherheit keinen guten Klang und macht keinen Spaß“, sagt der Vorsitzende. Somit sei zu befürchten, dass die Sänger wohl die letzten sein werden, die ihre Leidenschaft wieder ausüben können.

Stimme braucht Übung

„Ihnen fehlt das wöchentliche Singen und auch das Treffen mit dem zum Teil über Jahre vertrauten Sängernachbarn“, erklärt Hopfengärtner. Aber nicht nur der Plausch vor und nach der Chorprobe fehle, sondern auch – und das sei das Wichtigste – die Übung für die Stimme. Denn diese brauche, wie jeder Muskel, regelmäßiges Training. Vor allem erlahmten die Stimmbänder für die hohen und tiefen Lagen, also für die Tenöre, den Sopran und den Bass. „Und im Alter lässt die Stimme eh langsam nach.“ Das würde man schon nach der dreimonatigen Sommerpause merken.

Einige Vereinsvorsitzende befürchten bereits, dass nach einer zu langen Sangespause gerade ältere Sänger, die in den Laienchören stark vertreten sind, ihr Hobby beenden könnten. Wegen ihres Alters zur gehören sie zudem zur Risikogruppe. Und das bei ohnehin großen Nachwuchssorgen vieler Chöre. Zwar versuchen einige, durch spezielle Aktionen das Chorleben weiter zu erhalten, wie private Konzerte vom Balkon oder in der Nachbarschaft. Ersetzen könne das die gemeinsamen Proben und Auftritte aber nicht, findet Hopfengärtner.

Die vor Corona geleistete Chorarbeit für die geplanten Aufführungen wird vergeblich gewesen sein, prophezeit der Vorsitzende. Auch die Sängergruppe Hersbrucker Alb mit den Chören Sängerbund Altensittenbach, Sängerbund Ellenbach und der Sängervereinigung Hersbruck musste alle Auftritte absagen: vom Ostersingen, dem Kapellengottesdienst und Tag des Liedes in Ellenbach, der Schulhofserenade und dem Singen zu Jubelkonfirmationen bis hin zum Liedernachmittag im Sigmund-Faber-Heim und der großen Marktplatz-Serenade. Letztere wäre wegen der großen Zuhörerschar zudem unter die Großveranstaltungen gefallen.

Kein Ständchen am Geburtstag

Auch die gesellschaftliche und soziale Komponente der Sänger leide: Kein Ständchen zu Geburtstagen oder Hochzeiten, keine Chorbegleitung bei Beerdigungen. Es bleibt zu wünschen, so Hopfengärtner, dass alle Chöre nach der Corona-Krise wieder zusammenfinden – „vielleicht mit Schäden, aber vielleicht auch mit 
neuen Chancen und Erkenntnissen.“

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