Spiel mit Worten

Bei der Erzählerin Ruth Bär

Hier entstehen die Geschichten von Ruth Bär: Am Laptop im heimischen Wohnzimmer schreibt, überarbeitet oder übersetzt die Hersbruckerin die einzelnen Beiträge zu ihren jährlich erscheinenden Erzählbändchen. | Foto: Porta2017/09/8362999.jpg

HERSBRUCK – Ruth Bär liebt es, Geschichten zu erzählen und mit Worten zu spielen – ob bei Vorträgen an der Volkshochschule, als Laienpredigerin der methodistischen Kirche oder in Buchform. Vor kurzem hat die Hersbruckerin mit britischen Wurzeln ihren inzwischen dritten Erzählband mit dem vielsagenden Titel „Es menschelt sehr…“ herausgegeben, voll mit allerlei Erinnerungen, lustigen wie nachdenklichen Begebenheiten, die zu einem guten Teil ihren Eltern Albert und Kathleen Hammond gewidmet sind.

„Meine Eltern haben immer Geschichten erzählt“, sagt Ruth Bär, 1948 auf der in der Themsemündung gegenüber der Hafenstadt Southend-on-Sea gelegenen Insel Sheppey geboren. Damals, als auch finanziell deutlich besser gestellte Familien nur ein Radio als Unterhaltung besaßen, gehörten die Erzählungen von Albert und Kathleen Hammond zum allabendlichen Ritual. Zur gespannt lauschenden Runde gehörten neben Ruth Bär auch ihre beiden Brüder und etliche Pflegekinder.

Die Eltern Hammond waren ehrenamtlich in der Kirche aktiv, als Laienprediger und Leiter der Sonntagsschule (vergleichbar mit dem Kindergottesdienst, in den USA eher mit einer Bibelschule). „Da war es selbstverständlich, Pflegekindern ein Dach über dem Kopf zu bieten“, sagt Ruth Bär. Und so tummelten sich im Hause Hammond oft bis zu 14 Kinder aus aller Herren Länder – aus Nigeria, Indien, Ghana oder England.

Viele der Erlebnisse mit seinen eigenen und den Pflegekindern nahm Vater Albert als Grundlage für seine Predigten – nicht immer zur Freude der Jungen und Mädchen: „Die Leute hinter uns sagten oft, dass sie wissen, wer da gerade als Vorbild gedient hat“, sagt Ruth Bär, „wegen der roten Ohren.“ Das gilt übrigens auch für ihre eigenen Geschichten – wie in „Eine tolle Idee?“, in der ein Junge seine Flöte mit einem Kaugummi präpariert, um nicht falscher Töne bezichtigt zu werden, oder bei der Geschichte vom bedrohten Teddy, zu der sie eine Zeitungsmeldung aus Southampton inspirierte: „Der Kern ist immer real, der Rest pure Phantasie“.

Ihre Liebe zum Erzählen von Geschichten verdankt die Hersbruckerin auch einer ihrer Lehrerinnen: „Bei Miss Tippet durften immer die besten drei ihren Aufsatz in der Klasse vorlesen, das war Anreiz genug, sich anzustrengen.“ Als sie 14 war, wurde eine ihrer Geschichten sogar in der „Sheerness Times and Guardian“ abgedruckt.

Mittlerweile mit ihren Eltern nach Greenock bei Glasgow umgezogen, erfuhr sie von ihrer Großmutter, dass die lokale Wochenzeitung über ein von einem Poltergeist heimgesuchtes Haus auf Sheppey berichtet und einen Schreibwettbewerb ausgelobt hatte – und prompt gewann Ruth Bärs Gespenster-Geschichte den ersten Preis, zehn Pfund (damals noch eine Stange Geld) und eben den Abdruck in der lokalen Wochenzeitung.

Geprägt vom „offenen Haus“ der Familie Hammond wurde die junge Ruth auch in anderer Hinsicht: Früh zeigte sich ihre soziale Ader, die viele Hersbrucker vor allem von der Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ kennen, deren Hersbrucker Sammelstelle sie betreut. Mit gerade einmal 16 Jahren zog es die Britin für ein diakonisches Jahr nach Hamburg, anschließend für ein weiteres Jahr nach Stuttgart und ans Krankenhaus Martha Maria in Nürnberg – auch, weil „ich mein Deutsch verbessern wollte“.

Der Aufenthalt in Nürnberg sollte ihr Leben schließlich grundlegend verändern, lernte sie im Martha Maria doch Gunda kennen, ihre künftige Schwägerin. Die stellte der jungen Britin wenig später ihren Bruder Georg vor, einen aus der Nähe von Fürnried stammenden Bautechniker. Als sich die beiden sahen, war es um sie geschehen. Wenig später waren sie verlobt („Das habe ich meinen Eltern erst einmal verschwiegen“), nach Ruths erfolgreichem Deutschexamen – und einem Kennenlernbesuch von Georg bei ihren Eltern – heirateten die beiden dann im März 1969 und bauten sich in Altensittenbach ein Haus.

Wie von ihrem Mann gewünscht, kümmerte sie sich seit damals um den Haushalt und erzog die vier Kinder der Familie, je zwei Töchter und Söhne. Daneben ließ sich die Hersbruckerin, die ihre Herkunft aufgrund ihres nach wie vor starken britischen Zungenschlags kaum verhehlen kann (und will), nach dem Vorbild ihrer Eltern zur Laienpredigerin ausbilden.

Ihr Faible für Geschichten kommt Ruth Bär bei ihren Einsätzen in der methodistischen Kirche, den Landeskirchlichen Gemeinschaften und den Lutheranern im Großraum Nürnberg gelegen, denn mit ihnen lassen sich Botschaften viel leichter transportieren, sagt sie. Und: „Sie bleiben bei den Leuten hängen“. Manche Gottesdienstbesucher sprächen sie nach Jahren noch auf ganz bestimmte Erzählungen an.

Viele Hersbrucker kennen Ruth Bärs Fabulierkünste zudem von ihren Lesungen im ehemaligen „Buch-Café“ im Eisenhüttlein, wo sie seit Ende der 80er Jahren bis zum Aus 2015 mitarbeitete, Dia- und Bildervorträgen bei Seniorengruppen und Gartenbauvereinen oder von ihren Vorträgen in der Volkshochschule. In ihrer Muttersprache erzählt sie dort über die Royals (wie zum Beispiel die Gärtnerleidenschaft von Prinz Charles), britische Fabeln und Märchen oder die Traditionen ihrer Heimat.

In gedruckter Form erscheinen einige von Ruth Bärs Geschichten schon seit etlichen Jahren in verschiedenen Kirchenmagazinen. Nach dem Tod ihres Mannes vor zweieinhalb Jahren regte Günther Illing von der Nürnberger Methodistengemeinde dann an, sie in Buchform herauszugeben. Weil sie ihre Predigten über die Jahre säuberlich gesammelt hatte, bereitete ihr das wenig Mühe. An ihrem Laptop im Wohnzimmer „musste ich sie nur noch überarbeiten, ein wenig umschreiben und gefälliger machen“, sagt die 69-Jährige.

2015 kam ein erstes Bändchen mit Weihnachtsgeschichten heraus, von dem Ruth Bär 420 Exemplare verkaufte. Im Jahr darauf folgten ihre „Blumengeschichten“, nun die Anthologie „Es menschelt sehr…“. Darin sind unterschiedlichste Erlebnisse festgehalten, mal in aller Kürze, mal etwas ausführlicher. In „Ausreden gefällig“ gibt sie beispielsweise Kostproben der Schlagfertigkeit eines Enkels, eines Bruders und einer Freundin von früher.

Wie aus den beiden ersten Bändchen gewohnt, illustrierte die leidenschaftliche Fotografin – Vorbild ist hier ihre Großmutter
Elizabeth Birch, die sich ihre erste Kamera durch geduldiges Sammeln von Marken aus Cornflakesschachteln „verdiente“ – mit einigen Schnappschüssen und Erinnerungsfotos den aktuellen Band.

Auch einige Erzählungen aus der Feder ihrer Eltern Albert und Kathleen finden sich mit deren ausdrücklicher Erlaubnis in dem Büchlein. Wie etwa die vom „kleinen Gentleman“, der mit seiner Ehrlichkeit eine betuchte Lady überrascht, obwohl sein ärmliches Äußeres eher das Gegenteil vermuten lässt. Wie so vieles auf den 44 Seiten eine wahre, autobiographische Begebenheit…

Das Buch „Es menschelt sehr“ von Ruth Bär gibt es für fünf Euro bei Comtec Loos (Oberer Markt), im Second-Hand-Laden Max und Moritz (Grabenstraße), bei Schuhmacher Seitz (Martin-Luther-Straße) oder direkt bei der Autorin (Telefon 09151/70111; E-Mail: [email protected]
baer-piano.com).

N-Land Klaus Porta
Klaus Porta