Anwohner von Burg Veldenstein dürfen in Häuser zurück

„Nur noch heim“

Wer zur Wohnung in der Plecher Straße oder zum Haus in der Ziegelhütte wollte, wie hier Lydia Bremstahler (li. ) und Tanja Rost (re. ), konnte erst nach Anmeldung die Absperrung durchqueren. Aber nicht ohne ein aufmunterndes Gespräch mit dem freundlichen Mann von der Security. Foto: K. Möller2013/06/5_2_1_2_20130615_HEIM.jpg

NEUHAUS – Als vor knapp drei Wochen nachts gegen 1 Uhr mit einem ohrenbetäubenden Getöse 300 Tonnen Felsbrocken und Teile der Burgmauer auf die Plecher Straße in Neuhaus unterhalb der Burg Veldenstein stürzten, begann für einige der Anwohner ein kleiner Albtraum. Insgesamt 17 Bewohner mussten im wahrsten Sinne des Wortes bei Nacht und Nebel ihre Häuser aus Sicherheitsgründen für zunächst unbestimmte Zeit verlassen. Nun konnte Bürgermeister Josef Springer nach einiger Zeit des Bangens und Hoffens grünes Licht geben: Fast alle evakuierten Anwohner können heute in ihre Häuser oder Wohnungen zurückkehren.

Familie Laur glaubte in der Schreckensnacht zunächst an einen ungeheuren Donnerknall, Markus Bremstahler im Nachbarhaus hatte das Gefühl, ein Düsenjäger würde über der Burg die Schallmauer durchbrechen. Seine Mutter dachte, wie andere Nachbarn auch, sofort an ein Erdbeben: „Jetzt ist alles weg!“ Der Schock saß tief. Der Mahnung ihres Sohnes, das Haus sofort zu verlassen, wollte sie nicht folgen. 50 Jahre ihres Lebens hatte sie dort verbracht. Erst nach viel Zuspruch, auch durch die Männer der Neuhauser Feuerwehr, ließ sie sich aus dem Haus führen.

Als sie später im Feuerwehrhaus, in das sie mit ihren evakuierten Nachbarn gebracht wurde, wieder langsam einen Gedanken fassen konnte, haderte sie mit dem Schicksal: Wieder einmal war ein Unglück zu verkraften. Erst Tage später wird ihr bewusst, in dieser Nacht bei ihrem Schutzengel in guten Händen gewesen zu sein. Dennoch: Als sie zum Abholen von Kleidung und zum Blumengießen ihr Haus in den nächsten Tagen betreten darf, beginnt sie wieder zu zittern. Die jüngeren Anwohner bewältigten das Ereignis trotz des Riesenschrecks besser. Bürgermeister Josef Springer lobte das große Verständnis aller für die Evakuierungsmaßnahmen. Alle finden bei Familienangehörigen, Freunden oder Bekannten in Neuhaus, Hersbruck und sogar Fürth eine vorübergehende Bleibe und richten sich dort auf ein unbequemes Leben aus dem Koffer ein.

Besonders hart trifft es Claudia Laur, deren Haus in der Plecher Straße den größten Schaden genommen hat. Die Mutter findet mit den beiden Kindern Unterschlupf im Haus einer Freundin. Der nächtliche Baulärm von den Gleisarbeiten nebenan bietet aber wenig Möglichkeit, sich von dem vorangegangenen Schrecken zu erholen.

Claudia Laur jammert erstaunlicherweise kaum. „Wenn ich mich aufrege“, so meint sie, „ändert das auch nichts an der Situation.“ Aber den normalen täglichen Ablauf vermisse sie schon sehr. Das gehe schon mit dem Wäschewaschen los. Die Kinder sind aus ihrer gewohnten Lebenssituation herausgerissen, und ihre drei Katzen beklagen mit ihren Mitteln die ungewohnte Situation. Und dann müsse man immer wieder in Begleitung der Bau-Security in die Plecher Straße, und wenn es nur zum Blumengießen ist.

„Nur noch nach Hause!“ Das ist nach gut zweiwöchiger Ausquartierung für sie der größte Wunsch. So denken fast ausnahmslos auch alle betroffenen Nachbarn. Angst haben sie eigentlich nicht. „Keine Flucht!“ so Claudia Laur. Sie vertraut wie die anderen auf die Fachleute, die die Sicherungsmaßnahmen am Fuße des Bergfrieds durchführen. Und auch auf den Schutzengel, der ihre Familie schon beim Herabstürzen der Felsbrocken behütete. Vor der ersten Nacht habe sie dennoch ein bisschen Angst. Da würden doch viele Gedanken einen ruhigen Schlaf verhindern. So auch Lydia Bremstahler. Ihr ist nicht wohl, wenn sie an die erste Nacht in ihrem Haus denkt.

Einhelliges Lob kommt von allen betroffenen Bewohnern für den tollen Einsatz der Rettungskräfte. Auch der Bürgermeister habe sich vorbildlich um sie gekümmert und sie ständig über den Stand der Dinge informiert. Teilweise erdrückend, aber trotzdem erfreulich, waren die teils sorgenvollen Erkundigungen vieler Neuhauser Mitbürger. Familie Laur ist glücklich über die vielen Freunde und Bekannten, die Hilfe anboten.

Einen kleinen Wermutstropfen gab es trotzdem. Einigen Evakuierten wurde zugetragen, sie sollten doch nicht jammern, sie bekämen als Betroffene doch 1500 Euro aus dem „Hochwasser“-Fond. Das hat sie trotz allen Mitgefühls vieler Neuhauser doch ein wenig verärgert. Denn der Betrag wurde nur an die Bewohner des beschädigten Anwesens Plecher Straße 8 ausbezahlt.

Heute erfahren die Bewohner im Bereich des Felsabgangs, wie die erste Nacht in ihren gewohnten Häusern wird. Der sehr erleichterte Bürgermeister Josef Springer konnte ihnen gestern die offizielle Nachricht überbringen, ihre Wohnungen – bis auf eine Ausnahme – wieder beziehen zu können. Am Donnerstag waren die letzten losen Felsteile im Bereich der Burgmauer beseitigt worden. Nach letzten Überprüfungen gaben Armin Kaufmann von der Baufirma HTB und Geologe Prof. Dr. Jörg Gründer grünes Licht für die Rückkehr in die Unglücksstraße.

Die Plecher Straße bleibt jedoch weiterhin gesperrt, was bei vielen nur mittelbar Betroffenen wenig Freude auslöst. Mit etwa drei Wochen rechnen die Fachleute. Die Schäden durch die Felsbrocken müssen noch beseitigt werden. Zudem dient die Straße als Arbeitsplattform für die Verankerung eines Stahlnetzes am Fels und der Errichtung eines Fangzaunes zur Sicherung des Felsens unterhalb der Bruchstelle im Bereich des Burgturms.

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren