Versorgung mit Impfstoff

Hausarzt fühlt sich erpresst

Symbolfoto | Foto: kovop58/Getty Images2021/04/GettyImages-1219396144.jpg

NÜRNBERGER LAND — Der Bund hat beschlossen, dass Arztpraxen „aus logistischen Gründen“ vorerst nur dann Biontech-Impfstoff bekommen, wenn sie auch Astrazeneca bestellen. Den Röthenbacher Mediziner Dr. Willy Hammerschmidt ärgert das gewaltig.

„Ich bin stinksauer“, sagt Hammerschmidt. Der Arzt impft in seiner Praxis im Zen­trum Röthenbachs Patienten gegen das Coronavirus. Am liebsten würde er dafür den Impfstoff von Biontech nehmen, doch den bekommt er von der Apotheke nur, wenn er mindestens genauso viele Dosen des Herstellers Astrazeneca abnimmt. „Das ist ein Skandal“, schimpft Hammerschmidt. Man wolle die Ärzte „erpressen“, möglichst viele Dosen des Vakzins des englisch-schwedischen Pharmakonzerns abzunehmen, weil sie sonst gar nichts bekämen.

Von Astrazeneca hält Hammerschmidt wenig – ähnlich wie viele Patienten. „Der ist fast nicht an den Mann zu bringen“, klagt er. Empfohlen wird der Impfstoff mittlerweile von der Ständigen Impfkommission (Stiko) nur noch für über 60-Jährige, nachdem vor allem jüngere Frauen gefährliche Thrombosen entwickelt hatten, es gab mehrere Todesfälle. Doch auch den über 60-Jährigen könne er den Impfstoff nur guten Gewissens geben, wenn sie kerngesund seien, sagt Hammerschmidt. „Ich habe den hippokratischen Eid geschworen, dass ich niemandem Schaden zufüge.“

Drohen gar juristische Folgen?

Ältere Menschen hätten oft Venenprobleme, koronare Herzerkrankungen oder starkes Übergewicht, da wolle er den Impfstoff nicht verabreichen – auch aus rechtlichen Gründen. „Jeder Staatsanwalt haut mich in die Pfanne“, wenn etwas passiert, fürchtet er.

Dabei ist Hammerschmidt ein Befürworter der Impfungen in Arztpraxen. Er könnte leicht 100 Dosen pro Woche verimpfen, wenn er denn nur oder größtenteils Biontech geliefert bekäme. Astrazeneca dagegen mache viel Arbeit, weil Patienten aus Vorbehalten oft abspringen würden und man dann neue anrufen müsse. Am besten wäre es aus seiner Sicht, wenn man den Impfstoff ganz vom Markt nehme. Dass es mit dem Impfen so langsam gehe, liege daran, dass die EU und Deutschland „Mist gebaut“ und an der falschen Stelle gespart hätten. Nun müssten die Arztpraxen den Impfstoff von As­trazeneca, der im Einkauf deutlich günstiger gewesen sei, „verramschen wie im Kaufhaus“.

Hinter der Verteilung sieht er nicht die Apotheken, sondern die Politik, konkret das Bayerische Gesundheitsministerium, in dem es „wenig fachliche Kompetenz“ gebe. Kritik äußert er aber ebenfalls an Dr. Martin Seitz, dem Versorgungsarzt des Landkreises. Er ist zugleich Kreisrat der Freien Wähler und für Hammerschmidt ein „Erfüllungsgehilfe der Behörden“.

Ministerium muss sich korrigieren

Auf Nachfrage der Pegnitz-Zeitung antwortet das Ministerium zunächst, dass man nicht bestätigen könne, dass Hausärzte nur dann den Impfstoff von Biontech erhalten, wenn sie auch Astrazeneca verimpfen. „Eine derartige Anweisung existiert nach unseren Informationen nicht“, so eine Sprecherin. Eine knappe Dreiviertelstunde später muss sie sich korrigieren, es gibt diese Anweisung wohl doch. Nun heißt es: „Nach unseren Informationen wurde auf Bundesebene entschieden, dass aus logistischen Gründen derzeit die Impfstoffe von Biontech und As­trazeneca nur gemeinsam an Arztpraxen abgegeben werden dürfen.“ Impfstoffspezifische Bestellungen sollen erst ab Montag, 26. April, möglich sein.

Hammerschmidt ist nicht der einzige Mediziner, den das stört. Ein Kronacher Hausarzt hat die Corona-Impfungen wegen des „Astrazeneca-Zwangs“ ganz gestoppt. Der Allgemeinmediziner sieht seine Therapiefreiheit gefährdet, zudem wolle er den Patienten nichts „aufschwatzen“. So denken viele Kollegen, sagt Hammerschmidt. Manche sähen es aber auch nicht so eng.

Ärzte können ab übernächster Woche frei wählen

Einer davon ist Dr. Bastian Jedlitschka. Der Neunkirchener kennt das Problem, er sagt, für die kommende Woche habe er zu je etwa 50 Prozent Impfdosen von Astrazeneca und Biontech bestellen müssen, die Woche darauf habe er aber die freie Wahl.

Es sei eine politische Entscheidung, dass die Praxen das bekämen, was in den Impfzentren nicht genutzt werde: „Aktuell sind wir (Hausärzte, Anm. d. Red.) eher Abnehmer von den Resten, und das sind halt leider die Dosen von As­trazeneca.“

Jedlitschka hat ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass viele Patienten sich gegen eine Impfung mit As­trazeneca sträuben, vor allem ältere. Jüngere würden sich hingegen bereit erklären, das Vakzin zu nehmen – trotz der Risiken in ihrer Altersgruppe. „Die Stiko-Empfehlung trage ich voll mit“, sagt der Neunkirchener, für Personen unter 60 hält er den Impfstoff also für ungeeignet. Die rechtlichen Bedenken, die Hammerschmidt anspricht, hat auch Jedlitschka. Es sei „nicht hundertprozentig klar“, wer die Haftung bei schweren Nebenwirkungen übernimmt.

„Das Risiko ist gering“

Insgesamt sieht er den Impfstoff des englisch-schwedischen Konzerns aber längst nicht so kritisch wie sein Kollege: „Das Risiko ist gering“, gerade bei Älteren überwögen klar die Vorteile einer Impfung die Folgen einer Corona-Infektion. Deshalb sollten sich ältere Menschen lieber jetzt mit Astra­zeneca impfen lassen, als auf einen anderen Impfstoff zu warten. Auch Jedlitschka hat sich damit impfen lassen. Er würde es wieder tun. Es geht für ihn auch um die „gesellschaftliche Gesundheit“.

Deutlich positioniert er sich in einer grundsätzlichen Frage: Die Praxen sollten künftig nicht mehr nur die Resteverwerter sein, sondern eine wichtigere Rolle bei den Impfungen spielen.

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