Curatorium Altern gestalten

Kampf der Altersdiskriminierung

Sabine Distler und Georg Weigl organisieren die Workshops beim Curatorium. | Foto: M. Gundel2021/09/Altern-gestalten.jpg

HARTENSTEIN – Die schnell voranschreitende Digitalisierung lässt vor allem ältere Generationen oft auf der Strecke. Doch auch in anderen Lebensbereichen werden Senioren eher ausgegliedert, anstatt mitgenommen. Sabine Distler und Georg Weigl vom Curatorium Altern gestalten wollen der Altersdiskriminierung entgegenwirken und bieten einen Workshop an.

Wie und wieso hat sich das gesellschaftliche Verständnis verändert, wenn vom Alter die Rede ist?

Georg Weigl: Früher stand Alter für Erfahrung und Weisheit – Eigenschaften, denen man Respekt zollte. Heute denken viele dabei an Demenz und die Belastung der Pflege- und Rentenkassen.

Sabine Distler: Wann sich diese Haltung derart verändert hat, wissen wir nicht genau. Allerdings muss zunächst definiert werden, was genau altersdiskriminierend ist. Ein Beispiel: Ich bin mit meiner Mutter unterwegs und sie stellt jemanden eine Frage, doch dieser jemand antwortet in meine Richtung und nicht meiner Mutter. Das würde ich als diskriminierend empfinden, meine Mutter eher nicht. Hier findet eine Abgabe der Selbstverantwortung statt, die häufig viel zu früh passiert.

Wo im Alltag findet Altersdiskriminierung statt?

Distler: Da gibt es einiges. Ältere Menschen bekommen zum Beispiel keine Kredite mehr, Versicherungen werden teurer, Firmen versuchen mit Arbeitszeitmodellen, ältere Angestellte früher loszuwerden. Oft werden ihnen von Tierheimen keine Tiere mehr vermittelt. Finanzielle Förderungen für Seniorenthemen sind viel schwerer zu finden als zum Beispiel im Jugend- und Bildungsbereich. Der öffentliche Nahverkehr ist mit seiner Informationsgeschwindigkeit und Technik nicht altersgerecht und auch im Bereich der Digitalisierung gibt es viel Verbesserungsbedarf. Der „Digital Pakt Alter“ setzt sich zum Beispiel dafür ein, dass Hersteller spezielle Geräte und Programme für Senioren entwickeln.

Welchen Einfluss hat hier die Coronakrise?

Sie schürt das Problem noch. Das hat man letztes Jahr gemerkt, als es um die moralische Frage ging, ob ein Hochaltriger ein Intensivbett braucht oder nicht, weil sie „in einem halben Jahr vielleicht eh sterben“. Das war nicht nur Diskriminierung, sondern eine beschämende Debatte in unserer Gesellschaft. Aber zumindest hat es das Thema dadurch in die Öffentlichkeit geschafft. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass es nicht wieder an Bedeutung verliert. Denn meist geben erst öffentliche Debatten den Ausschlag, dass ein Thema in den Fokus rückt.

So wie beim Thema Flüchtlinge. Dorthin möchten Sie ebenfalls eine Brücke schlagen.

Genau. Wir kooperieren hier mit dem Verein We integrate e.V. aus Nürnberg, der viel Aufklärungs- und Bildungsarbeit leistet. In einem der Workshops erzählt die Vorsitzende, wie Diskriminierung aussehen und bewältigt werden kann. Es gibt einige Gemeinsamkeiten, zum Beispiel, dass Geflüchtete wie Senioren oft vom Gefühl froh sind, hier zu sein und deshalb erst mal lieber die Füße still halten, anstatt sich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren. Sie nehmen Ausgrenzungen gar nicht wahr, sondern empfinden sie als „normal“.

Sie wollen den Senioren also 
zeigen, wie sie sich wehren können?

Zunächst wollen wir sie ermutigen, über Erlebtes oder Gehörtes zu sprechen. Wenn sich ein Senior trotz allem wohlfühlt und ihn eine Situation oder ein Satz, der in unseren Augen eine Diskriminierung darstellt, nicht stört, ist das völlig in Ordnung. Aber sie sollen Erlebtes nicht einfach schlucken.

Wie gehen Sie im Workshop vor?

Weigl: Zunächst wollen wir mögliche Altersausgrenzungen aufdecken und den Begriff näher definieren. Am zweiten Workshoptermin wagen wir den angesprochenen Ausflug zu Anti-Rassismus Lösungen und wollen davon lernen. Der dritte Tag hat das Format einer Denkwerkstatt. Eigene Erlebnisse und Lösungsansätze werden verbunden. Anschließend sollen die Ergebnisse auch in die Öffentlichkeit gebracht werden. Wie es genau abläuft, entscheiden wir am dritten Tag gemeinsam.

Welche Potentiale haben ältere Menschen für die Gesellschaft?

Distler: Sehr viele. Wir sprechen hier immer von der „Lebensleistung“, die respektiert werden sollte. Diese Erfahrung und Weisheit ist Teil unserer Gesellschaft. Allerdings wird das bei uns, im Gegensatz zu anderen Ländern, oft nicht mehr als wichtig empfunden. Das Wissen der Leute, die noch ohne PC und Internet aufgewachsen sind, wird kaum dokumentiert und geht dadurch verloren. Unsere Gesellschaft tut zwar alles dafür, dass wir immer älter werden. Aber wenn die Leistung irgendwann abnimmt, wird man ausgegrenzt. Das darf nicht sein. Laut Glückskompass nimmt übrigens die Dankbarkeit und das Glücksgefühl im Alter zu. Das ist doch ein Punkt, der in Yoga- und Achtsamkeitskursen gelernt wird. Je älter wir werden, desto einfacher wird es, im Moment zu verweilen. Vielleicht können hier die Generationen mehr voneinander lernen?

Der dreiteilige digitale Workshop findet am 21., 27. und 30. September jeweils von 17 bis 18.30 Uhr statt. Anmeldung bei Curatorium Altern gestalten, Tel.: 09152/9288400, oder per Mail an [email protected]. Der Zoom-Eintrittslink wird rechtzeitig versandt.

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