In Schwarzenbruck wird an der Uhr gedreht

Gut Holz

Vor seine Jahrhunderte alte Eingangstür hat Sven Bartosch einen Laubengang gesetzt. | Foto: Christian Geist2020/07/Schwarzenbruck-Fachwerkhaus-Bartosch-2-scaled.jpg

SCHWARZENBRUCK – Am Ortsrand von Schwarzenbruck baut Sven Bartosch gerade ein Fachwerkhaus. Der Neubau vereint uralte Handwerkskunst mit den ökologischen Standards von heute.

Wenn das Surren des Krans verstummt und die letzte Schraube des Tages eingedreht ist, hört man in Sven Bartoschs künftigem Garten tatsächlich nichts als das Zwitschern der Vögel, das Rascheln des Waldes und – wenn man genau hinhört – das Gurgeln der Schwarzach. Dieses Fleckchen Erde hat sich der 46-Jährige ausgesucht: für ein Projekt, das im Lauf der Zeit immer größer wurde. Denn ein komplettes Fachwerkhaus neu zu errichten, das war anfangs gar nicht sein Plan.

Der gelernte Zahntechniker lebt seit 1998 in Schwarzenbruck, vor zehn Jahren kaufte er mit seinem Mann einen Bungalow aus den 80er Jahren und sanierte diesen. Da Bartosch sein Geld inzwischen als selbstständiger Coach und Speaker verdient, suchte er nach dem richtigen Raum am richtigen Ort. Und fand einen kleinen Fachwerk-Schuppen auf dem Anwesen von Ursula Schnabel. „Ich kannte ihn ja schon jahrelang vom Gassigehen. Immer ganz schnieke im Anzug“, sagt Schnabel, die das Geschehen auf der Baustelle heute aus erster Reihe verfolgt. Die beiden sind inzwischen mehr als nur Grundstückskäufer und -verkäufer.

Die Gebäudeform ist einer fränkischen Scheune nachempfunden. Raumaufteilung, Deckenhöhe und großzügige Gauben ermöglichen darin modernen Wohnkomfort. Foto: Christian Geist2020/07/Schwarzenbruck-Fachwerkhaus-Bartosch-3-scaled.jpg

Bartosch ruft sie liebevoll „Schnäbelchen“ und nennt sie den guten Geist des Anwesens. Sie kocht Kaffee und backt Kuchen für seine Bauarbeiter. Gemeinsam waren sie zur Inspiration im Freilandmuseum in Bad Windsheim, das sie früher oft mit ihrem Mann Christian besucht hatte. „Du musst mit den Augen stehlen“, verrät die Rentnerin auf ihrer Terrasse, „das war das Motto meines Mannes“. Dieser hatte das Ensemble aus zwei Häusern, einer Scheune und besagtem Schuppen von 1980 an in Eigenleistung saniert. Nun freut sich Ursula Schnabel, dass jemand da ist, der einen Teil des Erbes bewahren und weitertragen möchte. In diese Rolle aber musste Bartosch erst einmal hineinwachsen. Denn eigentlich hatte er ja nur einen Schuppen samt Garten für seine Coachings gekauft. Dann aber erging es ihm wie Christian Schnabel fast 40 Jahre zuvor: Nach dem Entkernen stürzte im Winter 2018/19 eine der tragenden Sandsteinmauern ein.

Modernes Gebäude wäre deplatziert

Für Bartosch war schnell klar: „In dieses Ensemble passt nichts anderes als ein Fachwerkhaus. Ein modernes Gebäude im ältesten Ortsteil von Schwarzenbruck fände ich einfach deplatziert.“ Also beriet er sich mit dem Wendelsteiner Architekten Hans Kollischon, der gerade über Ausbauplänen für Bartoschs Wohnhaus in Schwarzenbruck saß. Schnell verschwand der Bauhaus-Kubus in der Schublade, die Vision eines Fachwerk-Neubaus nahm Gestalt an. Doch wie sollte dieser genau aussehen? In einem Fachwerkhaus gelebt hat Bartosch jedenfalls nie. Das Zeidelmuseum in Feucht jedoch fand er immer schon „sehr imposant“.
Und er hegt seit jeher eine hohe Affinität zu alten Dingen und schreibt sich selbst ein handwerkliches Verständnis sowie ein gutes Gespür für Handwerkskunst zu. Ursprünglich wollte der 46-Jährige, der aus der schmucken Residenzstadt Neuburg an der Donau stammt, seinen Neubau mit mehr Schmuckfachwerk versehen. „Aber das Haus sollte den Charakter eines landwirtschaftlich genutzten Gebäudes behalten. Deshalb orientiert sich der Aufbau an einer Scheune im fränkischen Fachwerkstil“. Und damit nicht genug. „Ich wollte nicht nur ein Fachwerkhaus bauen. Wenn das Haus gestrichen und fertig ist, soll es den Anschein erwecken, als stünde es schon 300 Jahre hier“, sagt Bartosch.

Wofür dieses Loch einst in den Jochbalken getrieben wurde, weiß auch Bartoschs Zimmermann nicht zu erklären. Foto: Christian Geist2020/07/Schwarzenbruck-Fachwerkhaus-Bartosch-1-scaled.jpg

Frisch geschlagenes Holz verwenden die Zimmerleute deshalb nur für die Außenkonstruktion. Nicht ohne es zuvor per Hand zu behauen und auf alt zu trimmen. Tritt man später durch die 300 Jahre alte Eingangstür aus einem Chiemgauer Bauernhaus, wird man nur noch altes Holz erblicken. Unter anderem zieren ein Jochbalken und eine Hozbohlendecke aus dem 15. Jahrhundert das Erdgeschoss. Ergänzen sollen das Interieur später neben einzelnen Antiquitäten auch moderne Möbel und Elemente wie eine minimalistische Stahltreppe und ein, an der Decke aufgehängter, 360 Grad drehbarer Ofen.

Bartosch achtet darauf, dass nahezu alle Baustoffe aus der Region stammen, dass sie von Handwerkern aus der Region verarbeitet werden und dass sie mit dem harmonieren, was er als ökologisches, biologisches und nachhaltiges Bauen bezeichnet. Werkstoff Nummer 1 ist freilich Holz. Ebenfalls eine wichtige Rolle spielt Lehm. Im Innenbereich werden alle Wände mit dem natürlichen Baustoff verputzt. „Lehm schafft ein wunderbares Raumklima, weil er aktiv die Raumfeuchte reguliert“, erklärt Bartosch, „er nimmt sie auf und gibt sie später wieder ab, das ist ein Riesenvorteil“.

Die Norm eines Niederigenergiehauses

Für die Gefache hat sich Bartosch allerdings gegen moderne Lehmsteine entschieden und sich auch vom historischen Vorbild gelöst. Denn in vielen Häusern wurden die Gefache früher mit dem Material gefüllt, dass eben gerade verfügbar war: mit Lehm beworfene Weidenruten, Sandsteinbrocken, Backsteine, et cetera. Bartosch hat sich schließlich entschieden, seine Gefache mit Hochlochziegeln auszumauern, anschließend wird von innen mit Holzfaserplatten gedämmt. Zudem steht sein Haus nicht wie alte Fachwerkbauten auf einem Sandsteinriegel, sondern auf einer nach unten isolierten Betonplatte. Eine Luft-Wärme-Pumpe rundet die Energietechnik ab. Damit erzielt Bartosch die Norm eines Niedrigenergiehauses (KfW-Standard 55) und macht einen Nachteil vieler Fachwerkbauten wett.

Dass die Fachwerkkonstruktion einst die Bauweise der armen Leute war, darüber kann Bartosch nur schmunzeln. „Das ist heute genau anders herum“, sagt er, „bei dem Haus ist ja alles individuell, da gibt es keine standardisierten Arbeitsabläufe“. Dass erst im März das Fundament gelegt wurde und er im Oktober bereits einziehen möchte, ist nur möglich, weil die Stockwerke des Hauses bereits einmal auf dem Hof der Zimmerei gebaut wurden. Dann wurden alle Teile nummeriert, gereinigt, getrocknet und mit Leinöl behandelt. In Schwarzenbruck nun setzen die Zimmerleute alles zusammen. Balken für Balken, bis zur fertigen Replika.

Info:
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