Streit an Schnaittacher Kirchweih

Freispruch aus Mangel an Beweisen

Ruhig liegt das Hersbrucker Amtsgericht in der Frühlingssonne da. Trotz Coronavirus wird dort gearbeitet, wenn auch unter ungewöhnlichen Bedingungen. | Foto: W. Sembritzki2020/03/DSC-0130-scaled.jpg

SCHNAITTACH/HERSBRUCK – Hat der Angeklagte den Becher geworfen? Oder hat der heute 23-jährige Geschädigte seine Schneidezähne durch einen Ellenbogenschlag im Gerangel verloren? Was tatsächlich im Juli 2019 in einer Schnaittacher Wirtschaft geschah, kann das Gericht nicht abschließend klären. Deshalb spricht der Richter den Angeklagten vom Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung frei.

Bereits in einer ersten Verhandlung hatte das Gericht die unterschiedlichen Versionen von Angeklagtem und Geschädigtem gehört (die Pegnitz-Zeitung be­richtete) und für die zweite Verhandlung ein Gutachten in Auftrag gegeben. Es sollte klären, ob ein Hartplastikbecher als Tatwaffe überhaupt in Frage kommt.

Gutachten hilft nicht weiter

Zur Aufklärung trägt es an diesem Tag allerdings wenig bei. Mit einem 65 Gramm schweren Plastikbecher, wie es ihn auf der Kirchweih gab, könne man, je nach Wucht des Wurfs, durchaus Schneidezähne abbrechen, so das Ergebnis. Dasselbe gelte allerdings auch für einen Ellenbogen- oder Faustschlag, bestätigt der Gutachter auf Nachfrage des Anwalts des Angeklagten. „Jede stumpfe Gewalteinwirkung kann solche Verletzungen verursachen“, sagt er.

Weil man der Wahrheit so nicht näher kommt, schlägt der Richter einen Deal vor: Wenn der Angeklagte die Vorwürfe einräumt, gibt es im Gegenzug ein milderes Urteil. Auf die Vernehmung von weiteren Zeugen könnte dann verzichtet werden.

Es kommt zum Urteil

Ein Angebot, dass der 31-Jährige nach Rücksprache mit seinem Anwalt ausschlägt. „Wenn Sie etwas retten wollen, dann jetzt“, mahnt daraufhin der Richter und fragt, ob sich der Angeklagte bewusst sei, dass es nun zu einem Urteil kommen wird, bei dem „es mit Bewährungsstrafe schwierig wird“. Auch das Publikum hat eine Meinung: „Der soll einfach zugeben und fertig“, murmelt jemand von hinten.

Weil der Deal geplatzt ist, läuft die Verhandlung wie geplant weiter und die Zeugen werden angehört. Während zwei von ihnen den 31-Jährigen entlasten, will die damalige Freundin des 23-Jährigen den Becherwurf genau gesehen haben. Sie erzählt, sie habe den Angeklagten zur Rede stellen wollen, weil er sie mit Flüssigkeit aus seinem Becher bekleckert habe. Dann habe er sie einfach so in den Schwitzkasten genommen. Als ihr Freund ihr zur Hilfe eilte, habe der Angeklagte ihm „den Becher ins Gesicht geschmettert – und dann lagen die Zähne unten“, so die Schilderung der jungen Frau.

„Und die Zähne, die dann am Boden lagen, die waren vor dem Kneipenbesuch noch dran?“, will der Richter sichergehen und sorgt dabei für Irritation bei der Zeugin. „Zähne verliert man doch nicht einfach so“, erwidert sie.

Zwei Zeugen bestreiten den Wurf

Der Angeklagte hat am Tatabend nicht mit einem Becher geworfen, da sind sich zwei weitere Zeugen einig. Sowohl die 43-jährige Bedienung als auch ein gemeinsamer Bekannter des Angeklagten und des Geschädigten geben an, dass ein Becherwurf in ihren Augen nicht stattgefunden habe.

Zunächst sei der Geschädigte auf den Angeklagten „losgegangen“, es sei zum Gerangel der beiden gekommen, die daraufhin von Umstehenden auseinandergezogen worden seien, erzählt die Bedienung. Einen Becherwurf hält sie für unmöglich: „Das hätte ich gesehen“. Auch der gemeinsame Bekannte spricht von einer Rangelei. Einen „Schwitzkasten“, gab es laut ihm nicht, sondern „eher ein Wegdrücken“ und auch keinen Becherwurf, sondern „ein Ziehen und Schieben“.

Der Anwalt des 23-Jährigen, der als Nebenkläger auftritt, warnt die beiden vor einer Falschaussage. „Es kann eng werden, wenn man vor Gericht lügt“, sagt er zur Bedienung und beruft sich auf ihre Aussage, die sie damals bei der Polizei gemacht hat. Dort habe sie angegeben, es sei an dem Abend zu voll gewesen, um etwas klar sehen zu können. Auch der Staatsanwalt hakt nach.

Kritische Nachfragen

Von den Nachfragen lassen sich die beiden nicht beirren und bleiben dabei: Einen Becherwurf habe es nicht gegeben. Damit ist die Beweisaufnahme abgeschlossen.

Nun stünden „windelweiche Aussagen“ gegen „glasklare Zeugen“, fasst der Anwalt des Nebenklägers zusammen. Er bezieht sich dabei unter anderem auf die erste Verhandlung, die aus seiner Sicht bereits Klarheit gebracht hatte. Damals hatte ein Freund des 23-Jährigen den Wurf ebenfalls bezeugt. Der Anwalt fordert, den 31-Jährigen zu zwölf Monaten Haft zu verurteilen.

Anders sieht es der Staatsanwalt, der für einen Freispruch plädiert. „Ich könnte nicht sagen, wer lügt und ob überhaupt jemand lügt“, fasst er zusammen. Außerdem käme dem Angeklagten zu Gute, dass er trotz einer möglichen Verurteilung an seiner Unschuld festhielt.

So sieht es auch der Richter, der den Freispruch damit begründet, dass der Fall nicht aufgeklärt werden kann: „Wie die Zähne rausgehauen wurden,kann man nicht sagen und dem Angeklagten die Tat nicht nachweisen.“

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