Ruth Thurner im Interview

„Frau Bürgermeisterin“ geht in den Ruhestand

Nur noch wenige Tage ist Ruth Thurner Schwaigs Bürgermeisterin, ihr Nachfolger ist Thomas Wittmann. Der Kandidat der Freien Wähler setzte sich in der Stichwahl gegen Petra Oberhäuser (CSU) durch. | Foto: Buchner-Freiberger2020/04/Ruth-Thurner-Schwaig-Abschied_Foto-Buchner-Freiberger.jpg

SCHWAIG — Die letzten Wochen im Amt waren ruhig für Schwaigs scheidende Bürgermeisterin Ruth Thurner. Wegen der Corona-Pandemie wurden fast alle Termine abgesagt, ein Abschied im großen Stil bleibt ihr verwehrt. Im Gespräch mit der Pegnitz-Zeitung blickt die FW-Politikerin zurück auf ihre 14-jährige Amtszeit.

Frau Thurner, Hand aufs Herz, als Sie vor 14 Jahren zur Bürgermeisterin gewählt wurden, hätten Sie sich da vorstellen können, dass Sie es bis zur Ihrer Pension bleiben?
Nein, an meine erste Wahl ging ich nach dem Motto ran: Mal schauen, ob das überhaupt klappt. Manche Politiker arbeiten da lange drauf hin, das war ja bei mir nicht so. Ich weiß noch, als ich an meinem ersten Arbeitstag im Amtszimmer stand und dachte: „Hach, sechs Jahre!“ Da antwortete mir unser damaliger geschäftsführender Beamter Fischer: „Sie werden sehen, das geht schnell vorbei.“ Und er hatte Recht. Als ich sechs Jahre später zur Wiederwahl antrat, wollte ich schon unbedingt Bürgermeisterin bleiben. Man will sich natürlich bestätigt sehen. Dass es dann noch einmal zwei Jahre mehr wurden, hing damit zusammen, dass die Bürgermeisterwahl in Schwaig wieder zusammen mit der Gemeinderatswahl durchgeführt werden sollte (die Termine waren zuvor zeitversetzt, Anm. d. Red.).

14 Jahre, da passiert viel, oder?
Ich habe mir im Hinblick auf unsere letzte Sitzung nächsten Dienstag mal die Protokolle der Bürgerversammlungen durchgelesen. Da kommen bestimmt 100 Themen zusammen. An manches erinnert man sich gar nicht mehr. Sehr wichtig war mir aber immer das Thema Wohnen. Wir haben ja rund 120 gemeindliche Wohnungen in Schwaig. Wir haben fast alle saniert, einige abgerissen. In der Warthestraße ist ein Neubau entstanden, der rollstuhl- beziehungsweise behindertengerecht ist. Das freut mich sehr. Als ich das erste Mal angetreten bin, hatten wir so gut wie keine Lebensmittelläden mehr vor Ort. Seitdem sind die zwei kleinen Fachmarktzentren in Schwaig und Behringersdorf entstanden. Zum Thema Bauen gehört auch das Bürogebäude Quartier A3 an der Autobahn, das sehr prägnant ist. Außerdem haben wir die Hans-Simon-Halle saniert und zuletzt unser Hallen- und Freibad „Pegnitzaue“. Und dann war da natürlich das große Thema Kinderbetreuung …

Viele junge Familien

Das auch eng mit der Bebauung des ehemaligen Brochier-Geländes zusammenhängt, oder?
Ja, hier sind über 100 Wohneinheiten für junge Familien entstanden, die damals noch erschwinglich waren. Aber es gab vorher schon viel Wechsel. In Häuser, aus denen ältere Menschen ausgezogen sind, zogen junge Familien ein. Dabei hatte man uns in einem Gutachten vor zehn Jahren noch exakt das Gegenteil prognostiziert. Schwaig würde überaltern, hieß es damals. Das hat sich so schnell umgekehrt. Wir haben es bislang immer hinbekommen, dass alle Kinder betreut werden, ob in der Krippe, in der Kita oder im Hort, aber mit großem Aufwand.

Sie sagen, bisher haben Sie alle Kinder untergebracht, zum kommenden Kindergartenjahr fehlen aber Plätze, was ein großes Thema bei der Podiumsdiskussion der Bürgermeisterkandidaten war. Gibt es jetzt eine Lösung?
Aktuell sind in den umgebauten Räumen im Fachmarktzentrum zwei Krippen- und zwei Hortgruppen untergebracht, das ist von innen sehr schön, auch wenn man es von außen nicht glaubt. Wenn im Herbst die Hortkinder in den Neubau ziehen, gewinnen wir hier Platz für die Kindergartenkinder. Für die Krippenkinder soll es in Behringersdorf, auf einer Freifläche neben dem Lidl, eine Containerlösung geben. Die Planungen stehen, wir warten noch auf die Baugenehmigung. Die Trägerschaft wird das BRK übernehmen, das allerdings noch dringend nach Personal sucht. Das ist das große Fragezeichen.

Ein Vorzeigeprojekt Ihrer Amtszeit ist sicherlich die Kita „Blickwinkel“ samt Bürgersaal und Jugendzentrum. Allerdings auch eines, das kostenmäßig ein bisschen aus dem Ruder gelaufen ist, oder?
Es ist teurer geworden, keine Frage, aber nicht um die hohe Summe, die öfter in der Zeitung stand. Da hat man Äpfel mit Birnen verglichen. Die erste Kostenschätzung war ohne alles, ohne Ausstattung, ohne Frei­flächen. Es war ein ganz schwieriges Projekt mit mehreren Firmen-Insolvenzen, das hat mich einige Lebensjahre gekostet (lacht). Insgesamt haben die sechsgruppige Kita, der Bürgersaal und die „JuBar“ um die fünf Millionen gekostet. Weil wir so oft angegangen wurden, haben wir das Ganze vom Bayerischen Prüfungsverband prüfen lassen, der uns damals attestiert hat, wir hätten da sogar „ein Schnäppchen“ gemacht.

„Mein Lieblingsbaby“

War das Ihr schwierigstes Projekt?
Ja, es war schon sehr schwierig und langwierig, wir mussten außer den baulichen Problemen zwei Kindergärten zusammenführen. Aber das Ergebnis hat alles wettgemacht. Bei der Eröffnung damals habe ich gesagt: „Es war eine Risikoschwangerschaft, eine schwere Geburt, aber jetzt ist es mein Lieblingsbaby.“ Ich habe zu dem Projekt eine ganz enge Verbundenheit und finde, dass es auch architektonisch extrem gut gelungen ist.

Sie waren ja zuletzt mit Martina Baumann aus Neunkirchen die einzige Bürgermeisterin im Landkreis unter insgesamt 27 Bürgermeistern. Wie war das „Frausein“, gerade zu Beginn Ihrer Amtszeit?
Ich habe da nie groß drüber nachgedacht. Zu Beginn war ich mit Frau Suttner aus Neuhaus die einzige Frau. Es war bei den Kollegen selbstverständlich, dass ich dazugehöre, und ich habe mich in dem Kreis immer wohlgefühlt. Manchmal war es ein wenig holprig, wenn alle „Herren Bürgermeister“ begrüßt wurden und ich als Frau ja auch dabei war. Irgendwann wurde mal ein Treffen der Bürgermeisterinnen ins Leben gerufen, das finde ich aber ehrlich gesagt nicht so wichtig. Insgesamt könnten in der Kommunalpolitik natürlich mehr Frauen sein.

Wo denken Sie, dass es hingeht für Schwaig in den nächsten Jahren? Die Neugestaltung der Ortsmitte war ja zuletzt ein wichtiges Thema …
Was im Ortsentwicklungskonzept steht, finde ich persönlich nicht herausragend neu. Ideen für die Neugestaltung der Ortsmitte gibt es ja schon seit vielen Jahren. Leider konnten wir das nie so konsequent verfolgen, wie wir wollten, weil Themen wie die Kinderbetreuung uns sehr gefordert haben. Es wäre wunderbar, wenn sich in den alten Häusern Möglichkeiten für Treffpunkte und Begegnungen ergeben würden. Jetzt sind wir allerdings an einem Punkt, an dem es schon wieder schwierig wird. Wir haben die Bausubstanz der alten Gebäude prüfen lassen, das wird eine riesige Herausforderung. Flächenmäßig kann sich Schwaig nicht weiter entwickeln, da sind wir an unseren Grenzen.

Ab 1. Mai haben Sie viel Zeit. Sie haben sich bestimmt einiges vorgenommen für den Ruhestand. Was davon ist angesichts der Pandemie überhaupt noch möglich?
Ich möchte mich wieder mehr bewegen, Nordic-Walking zum Beispiel habe ich gemeinsam mit meinem Mann wieder angefangen. Vieles andere fällt wegen Corona tatsächlich erst mal flach. Ich habe mich aufs Röthenbacher Freibad gefreut, das liebe ich, aber das wird wohl auch nichts werden, ebenso wenig wie vorerst das Singen in der Chorgemeinschaft Schwaig. Ich male gern, das will ich wieder aufgreifen. Und ich bin weiter im Kreistag vertreten.

Ziehen Sie für uns ein persönliches Fazit Ihrer Amtszeit? Was ist das Schöne am Bürgermeisteramt und auf was hätten Sie gern verzichtet?
Das Schöne ist sicher, dass man mit allen möglichen Menschen zu tun hat, die man sonst nie getroffen hätte, und dass man etwas gestalten kann. Da sind wir hier in Schwaig noch in einer vergleichsweise günstigen Situation. Auf Baustellen gehen und etwas wachsen sehen, das war für mich ganz toll. Verzichtet hätte ich gern auf manche aggressiven Kommentare oder die Frage „Haben Sie sich überhaupt schon mal Gedanken gemacht?“. Wir machen uns nämlich sehr viele Gedanken, auch wenn man nicht alles nach außen trägt. Und auf die Aktion damals in Behringersdorf im Rainwiesenweg, als gegen den Bau von Reihenhäusern demonstriert wurde, zum Teil mit Plakaten. Das ging mir schon nahe.

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