Hilfe für Obdachlose

Sie spenden Wärme in der Not

Einen warmer Mantel, intaktes Schuhwerk, eine Mütze, Hygiene-Artikel oder ein Gegenüber zum Reden: Es sind alltägliche, für viele selbstverständliche Dinge, die Obdachlosen und anderen Menschen in Not fehlen. | Foto: Fotolia2016/12/Fotolia_Obdachloser.jpg

MOOSBACH – Jeder Mensch hat seine Geschichte. Die einen sitzen scheinbar fest im Sattel ihres Lebens. Die anderen hat es hinaus katapultiert. Ebenjene unterstützen Ingrid Vitzthum und Natascha Walter aus Moosbach. Mit ihrer Gruppe für Obdachlose und hilfsbedürftige Menschen, sammeln die beiden Spenden und verteilen sie in Nürnberg an Menschen in Not.

Ingrid Vitzthum, 58, eine lebhafte, kleine Blonde mit lächelnden Augen, steht mit drei großen, blauen Müllsäcken in ihrem Hausflur. Gerade eben ist eine Frau aus Neumarkt mit ihrem Auto vom Hof gefahren. Sie brachte der Moosbacherin die drei voll gepackten Säcke. Bis Ingrid Vitzthum die Zeit findet, sie in den Keller zu räumen, bleiben die Säcke im Hausflur stehen. Zeit findet sie im Moment nicht. Ihr Hilfsprojekt hat Hochsaison, jetzt im Winter und kurz nach Weihnachten. Das Telefon klingelt. Eine andere Bekannte. Sie erzählt, dass sie ebenfalls wieder Einiges gesammelt hat und möchte wissen, wann sie es vorbei bringen kann.

„Ah, das ist toll“, sagt Vitzthum. „Wir waren gerade heute in Nürnberg, in der breiten Gasse und unter der Brücke bei der Wöhrder Wiese. Wir haben Handschuhe, Schals und warme Sachen verteilt. Es soll kalt werden nächste Woche.“ Die Frau am anderen Ende der Leitung fragt, ob Vitzthum noch etwas Spezielles benötigt. „Unterhosen brauch ich unbedingt“, ihre unverblümte Antwort. Und: Ja, sie könne die Sachen vorbei bringen. „Wir fahren immer wieder nach Nürnberg. Jetzt im Winter mindestens einmal pro Woche.“

Gründung der Gruppe

Im November 2015 gründete Ingrid Vitzthum eine Facebook-Gruppe: die „Hilfe für Nürnberger Obdachlose – die fleißigen Bienchen“. Seitdem engagiert sie sich privat und ehrenamtlich für Obdachlose und hilfsbedürftige Menschen.

Wieder klingelt es, diesmal an der Haustür. Dann betritt Natascha Walter die Küche der Moosbacherin. Walter, 35, eine groß gewachsene Frau mit warmen, dunklen Augen und langem Zopf, wohnt nur einen Katzensprung entfernt. Die Taxiunternehmerin Walter unterstützt Vitzthum, die einmal einen Bügelservice betrieb.

Durch ihre Berufe besitzen beide Frauen zahlreiche Kontakte. Seit es die Facebook-Gruppe gibt sind sie noch besser vernetzt. „Der Zuspruch ist enorm“, sagt Vitzthum. Irgendwann bekam sie zu viele Spenden, als dass sie mit dem Sortieren und Verteilen alleine nachgekommen wäre. Natascha Walter stieg mit ein.

Natascha Walter und Ingrid Vitzthum (v.li.) mit einem Stoß warmer Decken. Was sie im Moment vor allem noch brauchen: Schlafsäcke, Isomatten, Unterwäsche und Socken.
Natascha Walter und Ingrid Vitzthum (v.li.) mit einem Stoß warmer Decken. Was sie im Moment vor allem noch brauchen: Schlafsäcke, Isomatten, Unterwäsche und Socken. | Foto: Hornung2016/12/Moosbach-Vitzthum-und-Walter.jpg

 

Mittlerweile sind die „fleißigen Bienchen“ zu viert. Mit im Boot sind Karin Wirth aus Neumarkt und Manuela Schmidt aus Hersbruck, die in ihren Wohnorten als Anlaufstelle für Spenderinnen und Spender fungieren.

Was braucht ihr?

In ihrer Facebook-Gruppe veröffentlichen die Frauen Listen der Dinge, die gebraucht werden: Schlafsäcke, Decken, Isomatten, Jacken, Handschuhe, Schals, Hosen, Pullover, Unterhosen, Socken… Gelegentlich starten sie auch einen separaten Hilferuf: „Wir brauchen ein Bügelbrett und ein Bügeleisen. Wer kann uns helfen?“

Bügelbrett? Bügeleisen? Für einen Obdachlosen? Nein. In diesem Fall unterstützen die Damen jemanden, der nicht mehr auf der Straße lebt. Zu einigen ihrer Schützlinge halten sie engen Kontakt, auch zu jenen, die wieder eine Wohnung haben und dennoch auf Unterstützung angewiesen sind.

„Der persönliche Kontakt ist uns wichtig“, versichert Vitzthum. „Wir möchten die Sachen nicht einfach in einer Einrichtung abliefern, ohne zu wissen was damit geschieht. Wir wollen auf die Leute zu gehen, fragen: Was braucht ihr?“ Zudem möchten sie ihrem Unterstützerkreis versichern können, dass die Gaben auch ankommen. Auf keinen Fall sollen Spenden an eine Organisation geliefert werden, die sie handelt oder verkauft.

Rechtsextreme machen Ärger

Eine ganze Weile sind die Damen jeden Samstag zur Wärmestube in der Nürnberger Köhnstraße gefahren, wo sie ihre Spenden, direkt in der Stube verteilen durften und gern gesehen waren. Vor zwei Wochen wurde ihnen erstmals der Zutritt verweigert. Die Kisten voll Kleidung und Gebrauchsgegenstände hingegen hat man genommen. Verärgert fuhren die beiden Frauen zurück nach Moosbach.

Im Nachhinein erfuhren sie, dass kurz zuvor Mitglieder einer rechtsextremen Gruppe vor der Wärmestube aufgekreuzt waren und unter dem Vorwand Geschenke zu verteilen, rechte Parolen verbreiteten. Ob die Möglichkeit in die Wärmestube zu gelangen in Zukunft besteht, ist noch offen.

Aber auch so kennen die Helferinnen genügend Orte in Nürnberg, an denen sie gebraucht werden. Dem Haus Rothstein der Heilsarmee in der Gostenhofer Hauptstraße, das Schlafplätze für Obdachlose bereit stellt, brachten sie kürzlich einen Schwung Bettwäsche. Für ein Frauenhaus sammeln sie Spielsachen.

Leben auf der Straße

Und dann gibt es noch die öffentlichen Plätze. Orte, an denen Obdachlose im Freien wohnen, wie die Brücke an der Wöhrder Wiese oder Plätze, an denen sie sich regelmäßig treffen.

Ein solcher Treffpunkt in der Öffentlichkeit ist der Nelson-Mandela-Platz am Südausgang des Hauptbahnhofs. Für viele – sowohl die Hilfsbedürftigen, als auch die Helfenden – haben diese Treffs auch eine soziale Funktion. Jeden dritten Samstag stehen hier neben den „fleißigen Bienchen“ die „Heinzelmännchen“, eine andere, gleich gesinnte Gruppe, die Sachspenden verteilt. Menschen unterhalten sich, scherzen, weinen, drücken einander, erzählen einander ihre Geschichten oder was sie gerade bewegt.

Die meisten Obdachlosen erleben Vitzthum und Walter als sehr genügsam. Immer wieder hören die Moosbacherinnen den Spruch: „Die anderen brauchen doch auch noch was.“

Ein Mann um die Vierzig ist kürzlich in Tränen ausgebrochen, nachdem die „beiden Engel“, wie er sie nannte, ihn eingekleidet hatten. Überwältigt von ihrer Herzlichkeit, erzählte er seine Geschichte.

Nicht aufgeben und genießen

„Jeder hat seine Geschichte“, sagt Ingrid Vitzthum. Auch sie hat ihre Geschichte. Wer die kennt, versteht ihre Beweggründe, sich zu engagieren, noch besser. Seit 2014 leidet sie an Multipler Sklerose. Die Krankheit fesselte sie an einen Rollstuhl. Mittlerweile ist die quirlige Frau wieder auf den Beinen und scheinbar nicht zu bremsen.

„Ich bin so ein Typ, der immer was zu tun haben muss“, sagt sie. „Ich habe mir vorgenommen, anderen Menschen zu helfen, um meine eigene Krankheit zu vergessen.“

Was sie sicherlich auch prägte: Als ihre Tochter noch ein Baby war, lebte Vitzthum eine Weile in einem Frauenhaus. Die Einrichtung bot ihr Schutz und einen Ausweg aus einer Notsituation. Gefühle, die Menschen in Not haben, kennt sie gut. Und auch das Gefühl, in einer solchen Situation Hilfe zu bekommen. „Nicht aufgeben und das Leben genießen“ lautet ihre Philosophie.

„Ich bin dankbar für mein geregeltes Leben und dafür, dass ich es selbst in die Hand nehmen kann“, sagt Natascha Walter. Das größte Geschenk für die Taxiunternehmerin: Die leuchtenden Augen, wenn sie einem Menschen etwas geben kann, was er dringend braucht – etwa ein neues Paar Schuhe.

Regelmäßige Fahrten nach Nürnberg

Mindestens einmal im Monat fahren die Frauen mit Natscha Walters voll gepacktem Kombi nach Nürnberg, im Winter wöchentlich. Im Kofferraum, auf den Sitzen, sogar auf dem Schoß der Beifahrerin stapeln sich Sachen bis unters Dach des Fahrzeugs. Fotos von solchen Fahrten posten die Frauen in ihrer Facebook-Gruppe, die mittlerweile 146 Mitglieder hat. Auch Berichte, wohin sie die Spenden bringen und Fotos von der Vergabe.

Anfragen von Unterstützern, die gerne mitkommen möchten zum Verteilen, weisen sie jedoch zurück. „Wir vier sind ein eingespieltes Team und die Obdachlosen keine Zootiere“, sagt Walter.

Und in Zukunft?

Für das neue Jahr haben die „fleißigen Bienchen“ viel vor. Neben dem Netzwerk an Hilfseinrichtungen und Notunterkünften wollen sie auch den Kontakt zu Unternehmen, die bereit sind Gegenstände des täglichen Bedarfs zu spenden, ausbauen. Gestartet ist dieses Projekt mit der Spende von über 1000 Kosmetik- und Hygieneartikeln von der Firma Kießling aus Georgensgmünd. Zur Zeit verpacken Vitzthum und Walter sie in kleine Sets für Männer und Frauen. Es gibt immer etwas zu tun.

Wer den „fleißigen Bienchen“ helfen und etwas spenden möchte, kann über die Facebook-Gruppe „Hilfe für Nürnberger Obdachlose„ oder per Telefon Kontakt aufnehmen. Telefonnummer von Ingrid Vitzthum: 09128 925893. Telefonnummer von Natascha Walter: 0176 21234316.

N-Land Julia Hornung
Julia Hornung