Stefan Iskan legt Buch über Pandemie vor

Perspektivenwechsel bei Corona

Stefan Iskan hat Freunde in China. Bereits Anfang Februar haben die ihm versichert, dass es in Europa binnen 14 Tagen dieselbe Situation mit Lockdown wie in Wuhan geben werde. Sie sollten Recht behalten. Foto: privat2020/10/Feucht-Prof_-Dr_-Stefan-Iskan_Iskan-Advice_1-scaled.jpg

FEUCHT / LUDWIGSHAFEN – Stefan Iskan hat mit fünf Co-Autoren ein Buch über Corona in Deutschland geschrieben, über ein Thema also, das das Publikum zwar stark interessiert, das aber in der Regel nur eindimensional betrachtet wird. In erster Linie befassen sich Beiträge mit den medizinischen Aspekten und mit Sicherheitsaspekten. „Corona in Deutschland“, herausgegeben von Stefan Iskan, blickt dagegen aus verschiedenen Richtungen auf die Pandemie. Neben einem Historiker beleuchten ein IT-Experte, ein Wirtschaftswissenschaftler, ein Mediziner, ein Politologe und ein Journalismus-Forscher die Lage in und die Folgen für Deutschland.

Stefan Iskan ist Logistik-Experte. Er lehrt und forscht an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft in Ludwigshafen. Über 20 Jahre hat er in Feucht gelebt. Nach Stationen in Frankfurt, Berlin, Istanbul und Essen wurde er 2013 auf den Ludwigshafener Lehrstuhl berufen.

Als Fachmann für internationale Warenströme hat Iskan schon ganz früh in diesem Jahr die Entwicklung in Europa vorausgesehen. Chinesische Freunde versicherten ihm Anfang Februar, dass spätestens nach zwei Wochen in Europa dieselben Maßnahmen wie in Wuhan ergriffen werden müssten. Sie sollten Recht behalten. Die Warnung seiner chinesischen Bekannten erreichte Iskan noch vor den massenhaften Erkrankungen in Ischgl. Wie ernst die Lage in Deutschland wurde, war dann spätestens am 4. März klar, als die Regierung ein Exportverbot für Atemmasken und Schutzkleidung aussprach. Iskan sagte kurzerhand alle Veranstaltungen für die kommenden Wochen ab, begab sich in eine freiwillige Quarantäne und beobachtete, wie Forschungsinstitute die Folgen der Pandemie bewerteten. Auffällig dabei: Die Institute waren mit ihren Einschätzungen durchweg optimistischer als die Unternehmer, deren Sicht der Dinge viel realitätsnaher war.

Derzeit ist immer wieder von einer zweiten Welle die Rede, ein zweiter Lockdown allerdings ist in Deutschland aus Iskans Sicht eher unwahrscheinlich. Wirtschaftlich wäre das der Supergau, ein ganzes Jahrzehnt wäre verloren. Schon jetzt gehen die Experten davon aus, dass eine Erholung erst ab 2023 spürbar sein wird. Das V als Zeichen des auf den Abstieg folgenden rasanten Wiederaufstiegs der Volkswirtschaft war zwar ein Zeichen der Hoffnung, der Wiederaufstieg wird aber länger dauern. Insolvenzen und schnell steigende Arbeitslosenzahlen prognostiziert Iskan für den Spätherbst und für den Winter. Er sieht in manchen Bereichen den Stellenabbau in Größenordnungen von 15 bis 30 Prozent. Unternehmen werden Kosten senken und rationalisieren, sie werden aber auch in die Digitalisierung investieren.

Dass Deutschland digital anderen Ländern hinterher laufe, ist aus Iskans Sicht ein Mythos. Das Land habe trotz aller Probleme in der Corona Krise digital Bemerkenswertes geleistet.

Die Corona-Krise überlagert große geostrategische Entwicklungen wie etwa die Auseinandersetzung zwischen den USA und China, die auch unmittelbare Konsequenzen für Deutschland hat. Der Konflikt ist aus Iskans Sicht, auch wenn es in den Medien immer so dargestellt wird, kein Handelskrieg. Vielmehr gehe es um technologische Vorherrschaft und um den Kampf um Einflusszonen. Hier ist China mit dem Projekt „Neue Seidenstraße“ weit fortgeschritten.

Wie bei allen Krisen gibt es auch in der Corona-Pandemie Gewinner und Verlierer. Den Online-Handel, die Logistik, die Lebensmittel- und die Pharma-Branche sowie die Medizintechnik zählt Iskan zu den Gewinnern. Auf der Verliererseite stehen die Autoindustrie, die Luftfahrt, der Tourismus, Hotels und Gastronomie, Banken und Verlage.

Der Historiker David Engels geht der Frage nach, ob es in der Geschichte vergleichbare Phänomene gab. Antoninische Pest, Justinianische Beulenpest, Pockenepidemien, Schwarzer Tod und Spanische Grippe – Pandemien hat es immer wieder gegeben. Engels zeigt dabei interessante Muster auf, so etwa die Verbindung zwischen Seuche, Wirtschaftskrise und Staatsintervention. Staaten nahmen Schulden auf, um wirtschaftliche Verluste auszugleichen und vergesellschaften Schulden. Steuern steigen, das Geld verliert an Wert, ebenso wie das Vertrauen der Menschen in die politischen Eliten. Populistische Versprechungen gehen einher mit einer Polarisierung der Gesellschaft und einer Enthemmung der Menschen. Am Ende der Seuchen gibt es immer Entwicklungssprünge beim technologischen Fortschritt. Grund: Fehlende Arbeitskräfte müssen durch Technik ersetzt werden.

Die Rolle der Medien in der Corona-Krise beleuchtet der Journalistik-Professor Tanjev Schultz. Interessant dabei die Entwicklung der Berichterstattung: Es dauert tatsächlich im Februar mehrere Tage, bis die Pandemie zum Top-Thema in den Medien wird. Dann allerdings überlagert sie alles andere. Bilder von Lastwagen, die Corona-Opfer abtransportieren, von verzweifelten Medizinern in Italien oder von Massengräbern in New York graben sich ins Bewusstsein der Fernsehzuschauer. Allerdings: In der ersten Phase der Krise haben Journalisten zu wenig nachgehakt, stellt Schultz fest. Gerade in der Anfangsphase hätten Journalisten viel mehr nachfragen müssen, wie es um die Grundrechte bestellt war. Außerdem hätte stärker thematisiert werden müssen, wie die Versammlungsfreiheit noch wahrgenommen werden kann. Schultz stellt auch die Frage, ob nicht stärker hätte darauf gedrängt werden müssen, die Parlamente besser einzubinden.

Mit medizinischen und epidemiologischen Aspekten befasst sich der Beitrag von Timo Ulrichs. Der Epidemiologe plädiert für eine intensive Forschung auf dem Gebiet der Zoonosen, der von Tier zu Mensch übertragbaren Infektionskrankheiten.

Der Politologe Karl-Rudolf Korte schließlich attestiert den Regierungsverantwortlichen, mehr richtig als falsch gemacht zu haben. Der Staat ist für Korte als funktionierender Verwaltungsstaat bestätigt worden. In diesem Kapitel finden sich freilich die einzigen Schwachstellen des von Iskan herausgegebenen Corona-Buchs. Mitunter sind die Kränze einfach zu dick, die Korte den Verantwortlichen flicht.

Corona in Deutschland, herausgegeben von Professor Dr. Stefan Iskan, Kohlhammer Verlag, 2020:

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