Mit gutem Kabarett-Mix auf Tour

Locker durchgemischt und spritzig serviert – Bernd Regenauer mit „Mixtour“ – Ein- und Ausblicke in der Feuchter Reichswaldhalle.2010/04/Regenauer_Mixtour.jpg

FEUCHT – Manches ist viel zu schade und zu gut, um es nur einmal zu spielen, zu hören oder zu sehen – wer jetzt in der Feuchter Reichswaldhalle die „Mixtour“ Bernd Regenauers sah, kann dem nur zustimmen: Nicht nur gerührt war der Cocktail aus aktuellem Zeitgeschehen und „Best-of“-Nummern seiner früheren Programme, sondern auch ganz munter durchgeschüttelt und mit einem hochprozentigen Schuss fränkischer Befindlichkeit versehen. Hübsch und üppig dekoriert mit fruchtigen Spießchen aus zwischenmenschlichen Unzulänglichkeiten und Ärgernissen, überragt von bunten „Humor- und Philosophie-Schirmchen“ servierte ihn ein bestens aufgelegter „Barkeeper“ Regenauer.

Er mundete, dieser intelligente und kurzweilige „Tourmix“ aus bekannten und beliebten Szenen, Politik, Familie und Weisheiten. Manche dieser „Bonmots“ erweisen sich bei genauerem Hinhören als sehr tiefgehend, andere, vor allem die von chinesischen Philosophen, stellen sich als gar nicht so weise heraus. Einige Szenen des bekennenden Franken und „Metzgerei Boggensagg“-Erfinders, des Texter/Autors und Trägers des Deutschen Kabarettpreises Regenauer waren wie ein Wiedersehen mit alten Freunden. Beispielsweise die „Langweiler-Familie“ („jeder kennt so jemanden“) mit den Topflappen häkelnden Waldorf-Kindern und das Familienfrühstück. Genüsslich wringt er sie bis auf den letzten Tropfen aus, beschreibt das „zwischenmenschliche Minenfeld“ zum Vergnügen seines Publikums äußerst plakativ. Es fängt ganz harmlos an – mit angebrochenen Lebensmitteln und dem „Resteverwerter“. Er ist schlecht drauf, weil die anderen gar nicht daran denken, sich am Verzehr der alten, leicht angegammelten Wurst oder des vertrockneten Käses zu beteiligen. „Kennen sie das?“ fragt Regenauer.
Da läuft der vom Sohn verschüttete Kakao über Vaters Spiegelei, wozu „der Frau, die der entfernt ähnlich sieht, die ich mal geheiratet habe“, nur einfällt, dass er es nicht mit Absicht getan hat. Sie selbst produziert Speichelfäden an denen sich sogar noch Tröpfchen bilden, wie ihr Mann fasziniert und abgestoßen beobachtet.
Das abstruse Bild untermalen zusätzlich noch Variationen zu Kau- und Schluckbewegungen, die begleitend knirschen, krachen und knacken. Eben für einen empfindsamen Mann und sensiblen Franken ein katastrophaler Tagesbeginn, der dem später geschilderten Alptraum in nichts nachsteht.
Eine gesunde Beziehung erkenne man daran, dass beide im Dunkeln mit Kopfhörern frühstücken, stellt Experte Regenauer dazu abschließend fest. Apropos Dunkel, da war doch was? Über „Essen im Dunklen“ geht’s zur Verschiebung der Erdachse, den daraus resultierenden kürzeren Tagen („1,26 Millionstel Sekunden pro Jahr – das spürt ein Franke wie einen Jetlag“), zur relativen Zeit, die schnell verfliegt, wenn’s schön ist und bei Westerwelle scheinbar still steht. Mehrheiten bilden sich und Meinungen teilen sich – „weil nicht genug da ist“. Kann sich der Staat eigentlich seine Bürger noch leisten? Vor allem die sich ständig vermehrenden Rentner? Nur alte Menschen profitieren von der steigenden Lebenserwartung – müssten da nicht neue Arbeitszeitmodelle her? Beispielsweise die Bruchteilzeit am „Arbeitsplätzchen“ mit Teilzeitkoma, die partielle „Vorverruhung“ ab 56 und das Sterbesplitting? Den neuen Eid unserer Politiker hat der Kabarettist auch schon gehört: Nicht Schaden vom deutschen Volk abzuwenden, schwören sie künftig, sondern sich bei Schaden von ihm abzuwenden. Alles sei Fake (vorgetäuscht), die Schönheit künstlich und die „Mixtour“ stamme zum Teil aus der Feder von billigen asiatischen Ghostwritern, gesteht der Künstler, genauso wie die Kabinettsreden, die polnische Satiriker verfasst hätten.
Verlass sei weder auf die Bahn, die vereinfachte Ankunftszeiten einführt („Vormittag“, „bis Dämmerung“ und „kann schon Nacht werden“), noch auf die Kirche mit ihrem „Sex auf höherer Ebene“ („im Alter fällt Bücken schwer“), noch auf T-Com und Technik. Immer sei alles genau anders wie umgekehrt und so machen Querstreifen schlank, PCs verschwenden Zeit, statt sie zu sparen, fränkische Männer konkurrieren mit knackärschigen Deodeppen-Klippenspringern und „Ein einsames Reiskorn hat schon manches Salzfass zum Rieseln gebracht“. Oder: „Lebe heute im Heute und häute ein Kaninchen und dann kannst du morgen sagen: Gestern hab ich gut gegessen.“

N-Land Dorothée Krätzer
Dorothée Krätzer