Interview mit Kletter-Star Thomas Huber

„Ich war Übermittler des Todes“

Extrem steil, extrem gefährlich. Und trotzdem richtet Thomas Huber seinen Blick im Sommer erneut auf die Nordwand des Latok I. | Foto: huberbuam.de2019/03/Feucht-Thomas-Huber-Gesicht.jpg

FEUCHT – Thomas Huber kommt am Samstag, 16. März, mit seinem Vortrag „Steinzeit“ in die Reichswaldhalle. Der Sommer 2016 spielt darin eine tragende Rolle. Damals entkam Huber nur knapp dem Tod und versuchte vergeblich, die Leben zweier Amerikaner zu retten.

Im Sommer 2016 hattest du einen schweren Unfall, bist 16 Meter abgestürzt und hast dir unter anderem einen Schädelbruch zugezogen – hast du dich davon vollends erholt?

Thomas Huber: Ich glaube sogar sagen zu können, dass ich sofort nach der OP genesen war. Freilich mussten die Wunden noch verheilen, aber psychisch und mental habe ich nichts davongetragen. Das ist natürlich nur meine eigene Wahrnehmung. Mag sein, dass ein Psychologe das anders beurteilt.

War es reines Glück, dass du den Sturz überlebt hast?

Huber: Das war wirklich reines Glück. Das war kein Können, kein wilder Hund, kein unglaublicher Wille. Ich habe das Glück angenommen und mich nicht unterkriegen lassen. Ich habe danach auch nicht hinterfragt, warum ich am Leben geblieben bin oder was hätte passieren können. Ich weiß, dass man so einen Sturz eigentlich nicht überlebt. Und ich habe das Leben dankend angenommen.

Kletterst du heute anders?

Huber: Zumindest nicht wegen des Unfalls. Wegen meines Alters schon. Mit 52 bin ich viel motivierter, weil ich weiß: So ganz lange wird’s nicht mehr gehen. Die jungen Kletterer wie Alex Megos klettern eine 9a an einem Tag, das ist für mich fast nicht mehr zu machen. Aber ich möchte mich gar nicht körperlich mit den Jungen messen. Muss ich ja auch nicht. Mein Bruder und ich haben dem Klettern schon so viel gegeben und den Jungen neue Wege aufgezeigt. Und sie gehen sie mit Bravour.

„Das Leben ist ein unglaubliches Geschenk“

Hast du denn eine Lehre aus dem Unfall gezogen?

Huber: Ich habe nicht mehr so große Angst vor dem Tod. Das Leben ist ein unglaubliches Geschenk. Als solches sollte man es annehmen und jeden Moment zu 100 Prozent leben. Das habe ich gelernt, aber deswegen klettere ich nicht anders. Ich bin nur dankbarer und motivierter.

Eine Lehre hätte doch sein können, nicht das Seil eines Kollegen zu benutzen, ohne zu wissen, wie lang es ist…

Huber: Ich habe die Lehre mitgenommen, dass die Lebensgefahr im absolut normalen Alltag am größten ist. Der Partnercheck vor dem Einstieg, einen Knoten ins Ende des Seils binden, wenn es knapp wird: Das sind die Basics. Und die vergisst man im Alltag viel zu schnell. Erst Ende Februar habe ich einen sehr guten Freund verloren: Er ist in der Eiger-Nordwand ums Leben gekommen. In einem Gelände, das er sicher beherrscht hat. Unser Sport hat schon etwas sehr Tödliches an sich. Nicht nur am Fels, selbst in der Kletterhalle. Wenn ich dort einen Fehler mache, dann war’s das. Wenn ich aber alles richtig mache, dann ist der Sport relativ sicher. Und wenn ich mir bewusst bin, dass ich mich in extremer Gefahr befinde, dann bin ich fokussiert und mache auch alles richtig.

Du warst inzwischen dreimal am Latok I. 2016 warst du dem Tod gerade entkommen und hast dort deine Ambitionen hintangestellt und vergeblich versucht, zwei Amerikaner zu retten. War dies der aufregendste Sommer deiner Laufbahn?

Huber: Ja. In diesem Sommer war ich sehr stark mit dem Tod konfrontiert. Erst bin ich ihm selbst beinahe begegnet, dann fahre ich auf Expedition und begegne ihm indirekt schon wieder. Wir haben die beiden Amerikaner gesucht, um ihren Angehörigen irgendetwas zu geben. Aber wir haben nur ihre Skier gefunden. Ich musste ihren Familien und Freunden dann vermitteln, dass die beiden nicht zurückkehren werden. Ich war sozusagen der Übermittler des Todes. Da habe ich gespürt, was der Tod hinterlässt: einen unglaublichen Schmerz. Und er ist unverrückbar. Als ich die Familien später in Amerika besucht und ihnen das Geschehene geschildert habe, bin ich selbst in Tränen ausgebrochen. Dieser Sommer hat mir gezeigt, wie wertvoll das Leben ist und für wen ich lebe. Nämlich nicht nur für mich, sondern vor allem für meine Familie, für meine Kinder. Es gibt noch so viele Fragen, die ich ihnen beantworten will.

„Ich bleibe ein Abenteurer“

Hat dich dieser Sommer verändert?

Huber: Ja und nein. Ich suche nach wie vor die Grenze und versuche, mich zu verbessern. Ich bleibe ein Abenteurer, der das Unmögliche sucht, und ich weiß, was ich tun muss, um die Kontrolle zu behalten. Natürlich könnte man sagen: Das Leben ist so wertvoll, da exponiere ich mich doch nicht und bringe mich in solch lebensbedrohliche Situationen. Aber um zu spüren, was zu tun ist, um zu überleben, muss ich mich in diesen Grenzbereich begeben. In unserer modernen Gesellschaft muss ich nichts tun, um zu überleben. Alles ist abgesichert, vieles ist überversichert. Am Berg lernst du, was du tun musst, um am Leben zu bleiben.

In diesem Jahr gehst du erneut auf Expedition ins Choktoi, in das Tal der Latok-Gruppe. Wann ist es so weit, und ist dein Bruder Alexander mit von der Partie?

Huber: Nein. Vor dieser Wand tritt selbst er zurück. Die ist ihm zu heiß. Ich starte am 8. Juli mit Simon Gietl – ein super Partner, mit dem ich auch schon im vergangenen Jahr dort war.

Was fasziniert dich so an diesem Tal und diesem Berg?

Huber: Vielleicht ist es Schicksal. Das Choktio ist ein Magnet meines Herzens. Wenn ich dort bin, blühe ich auf. Unter dieser Wand, dieser mächtigsten, wildesten und verrücktesten Wand, die ich je gesehen habe. Es liegt einfach in meinem Naturell, die unmögliche Linie zu suchen und sie mit Wissen, mentaler Stärke und einem starken Team zu finden und diese undurchsteigbare Wand zu durchsteigen.

„Wer so klettert, der lebt nicht lange“

Welche Schwierigkeiten gilt es in der Nordwand zu meistern?

Huber: Diese Wand ist mit nichts in den Alpen zu vergleichen. Sie ist unglaublich steil, sehr komplex und extrem gefährlich. Das fängt schon beim Finden des Einstiegs an.

In einem Interview mit der Deutschen Welle hast du gesagt: „Wenn du dorthin gehst, musst du mit dem Leben abschließen und dann: einfach Augen zu und durch.“ Heißt das, du steigst dieses Mal auf jeden Fall in die Wand ein?

Huber: Nein, das Zitat ist aus dem Zusammenhang gerissen. Damit ist lediglich der Weg zum Einstieg gemeint. Den kann ich theoretisch mit meinem Koch gehen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass wir nicht zurückkommen, wäre sehr hoch. Dieser Séracs-Korridor hat schon mehreren Bergsteigern aus verschiedenen Ländern das Leben gekostet. Deshalb ist der vermeintliche Normalweg keine Option. Den richtigen Weg zur Wand zu finden, ist am Latok I bereits ein wirklich komplexes Unterfangen. Aber Augen zu und durch wäre die dümmste Herangehensweise. Wer so klettert, der lebt nicht lange.

Bis zu welchem Punkt toleriert deine Familie das Risiko?

Huber: Beim Latok I gibt es schon Diskussionsbedarf. Sie sind nicht begeistert, aber sie wissen auch, dass sie mich nicht davon abhalten können. Was ich ihnen versichern kann, ist, dass mir mein Leben wichtiger ist als alles andere. Es gibt Bergsteiger, die ihr Leben für eine Trophäe in die Waagschale werfen. So bin ich nicht.

Christian Geist hat Thomas Huber im Herbst 2016 kennengelernt. Nach Hubers Rückkehr aus dem Karakorum erarbeiteten sie einen Gastbeitrag für das Magazin Bergsteiger. Per du waren sie vom ersten Telefonat an.

N-Land Christian Geist
Christian Geist