„Gutmeiner“ Egersdörfer grantlt

FEUCHT – Er tobt, brüllt, schimpft, nörgelt, ist zotig, derb, vulgär bis ins Detail schmutziger Unterhosen, proletenhaft – und doch biegt sich das Publikum vor Lachen, will mehr, noch lauter, noch deftiger, noch mehr Gebrüll, noch mehr Grimassieren, Fuchteln. Ungelenk stapft Matthias Egersdörfer auf der Bühne, Mundwinkel nach unten, Wampe ins rote Hemd gezwängt, das strähnige Haar gescheitelt. Wie ein Dampfkochtopf unter Hochdruck wirkt er, einer, der kurz vorm Explodieren steht und dann wehe, wer ihm in die Quere kommt. Doch an diesem Abend bleibt es zum Glück beim gelegentlichen Dampf ablassen, das allerdings reicht auch schon. Von Anfang an ist klar, der außerhalb der Bühne sympathische, intelligente, fast sanfte Mensch Matthias wird auf ihr zum vor nichts zurückschreckenden Grobian. „Jeder Lacher wird bestraft“.

Voll ist die Feuchter Reichswaldhalle bei der Vorpremiere zu „Egers“ neuem Stück „Ich meins doch nur gut“, mit dem er nach „Falten und Kleben“ auf Bühnentour geht. Für Veranstalter Schall und Rauch ist es nach der Sommerpause der Auftakt für die Saison 2010 – 2011. Viele, vor allem junges Publikum/Fans sind gekommen, um den fränkischen „Kabarettisten“ mit den zahlreichen Preisen zu erleben. Denn die fallen dem stämmigen 40-jährigen zurzeit in den Schoß wie reifes Obst vom Baum – zuletzt der Deutsche Kleinkunstpreis und der Bayerische Kabarettpreis. Philosophie, Germanistik, Theaterwissenschaft, Ausbildung zum Medienberater, Kunststudium, sind Stationen des Autors, Drehbuchverfasser und Comedian, der unglaublich gern, wie er sagt, mit dem ICE fährt. Man kann da nämlich viel besser in der Nase „popeln“, richtige „Tiefenbohrungen“ vornehmen, verrät er, und den „grünen Diamanten“ ans Tageslicht befördern. Noch dazu mit beiden Händen gleichzeitig. Oder viel besser: Fahrgäste beobachten, beispielsweise die Frau mit Kropf, der man dann deutlich sagt, wie Scheiße das aussieht. Oder die Alleinerziehende, deren schreienden Fratzen man schnell eine klebt solange die Mutter gerade nicht hinsieht. Selbstverständlich ist Egersdörfer auch umweltbewusst – billiger Thunfisch kommt ihm wegen der widerlichen Fangbedingungen nicht in den Kühlschrank. Wie widerlich, auf diese Schilderungen hätte man gern verzichten können, wenn der Franke detailliert dreckige, versoffene und stinkende Prolofischer sowie den Zustand ihres Intimbereichs inklusive Schamhaare beschreibt.

Alles geht einmal vorbei, philosophiert er, der sich intensiv Gedanken über den „Brezelmann“ im Zug macht. Der seinen „Athletenkörper“ im Fürther Sportbad stählt weil er sich danach so schön über den „Drecksföhn“ und das nicht vorhandene Geld dafür aufregen kann. Denn Aufregen sind ihm ein Recht und eine große Freude, die er exzessiv auf der Bühne auslebt. Wenn man bedenkt, dass alles mit einer kratzenden Wollstrumpfhose von Klein-Mathias in der Schule begann…

Für Freunde von Comedy, cholerischen Ausbrüchen und dieser Art tief dunkelschwarzen Humors bestens geeignet, für Menschen geschliffener Satire, Wortwitz und politischen Kabaretts nur bedingt. „Ich meins doch nur gut“ Premiere am 7.Oktober im Nürnberger Burgtheater.

Dorothée Krätzer

N-Land Der Bote
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