Obdachlose sind in Feucht in Containern untergebracht

Fauler Zauber

Nicht alle können es sich leisten, zu heizen. An kalten Tagen versammeln sich die Obdachlosen in Josefs Container. Er ist für die Gruppe wie ein Papa. | Foto: Hornung2018/02/Feucht-Obdachlose1.jpg

FEUCHT – Heizen ist teuer, das Wasser kalt: „Wir sind die Randgruppe am Rand“, sagt Josef. Der 49-Jährige steht im Hof der kleinen Containersiedlung am Ortsrand von Feucht. Er ist einer von sieben Obdachlosen, die in deinem der Container an der Jägersruh einen Schlafplatz gefunden haben, sich mit ihren Problemen dort aber im Stich gelassen fühlen.

Der 49-jährige Josef (Name von der Redaktion geändert) hat kein Problem damit, Gästen seinen Container zu zeigen. Der wirkt für den Schlafplatz eines Obdachlosen überraschend gemütlich und gut ausgestattet, mit Bett, Sessel, Decken und Kissen, sogar einer alten Stereoanlage. „Wir sitzen hier abends oft zusammen, nachdem ich für alle gekocht habe,“ erzählt er. „Geteiltes Leid ist halbes Leid.“ Josef ist der „Papa“, so nennen ihn die anderen.

Weil er seinen leiblichen Kindern, die mit seiner Ex-Frau in Erlangen wohnen, ersparen wollte, dass sie wegen ihres „Assi-Papas“ gehänselt werden, ist der gebürtige Feuchter zurück in seine Heimatgemeinde gegangen. Er will wieder arbeiten. „Wenn mein Leistenbruch operiert ist, kann ich wieder durchstarten,“ sagt er, für den das Leben nicht so glatt lief: Job verloren, Frau verloren, Drogenproblem. Die Drogen hat er mittlerweile mit einer Therapie in den Griff bekommen.

Seine Augen sind klar, und auch seine Worte. Nicht alle in der Jägersruh können sich so gut artikulieren. „Ich kann verstehen, dass die Leute hier trinken“, sagt er. „In einer solchen Situation ist es schwierig, wieder auf die Beine zu kommen.“ Die anderen Container sind karg. Die glasigen Augen ihrer Bewohner erzählen vom Versuch, den Kummer über ihre Lage zu ertränken. Auch die Satzfetzen, die ein junger Leidensgenosse Josefs mantraartig wiederholt, erzählen davon: „Ja, Mann. Wir sind wie eine Familie. Ja, Mann.“ Er, nennen wir ihn Tim, will seinen Container lieber nicht zeigen. Tim wird die nächsten Tage wohl viel Zeit bei Josef verbringen. Oder gegenüber bei der 61-jährigen Lina.

Nicht alle können heizen

Ihr derzeit größtes Problem rollt in Form einer Kältewelle aus dem Osten an: Bayern stehen die bisher kältesten Tage dieses Winters bevor. Weite Teile des Freistaats müssen ab diesem Wochenende mit Dauerfrost und zweistelligen Minusgraden rechnen. Wenn es kalt wird, rücken die Obdachlosen näher zusammen. Denn nicht alle können es sich derzeit leisten, zu heizen, berichten sie.

Josef steckt eine Chipkarte in ein kleines Kästchen links neben der Tür. Die Heizung in den Containern funktioniert mit Strom, die Stromversorgung der Container über eine Art Prepaid-System. Jeder Obdachlose, der in Feucht einen Containerschlafplatz zugewiesen bekommt, erhält von der Gemeinde eine Karte, mit der er zu den Feuchter Gemeindewerken (fgw) geht. Dort kann er Bargeld einzahlen und die Karte mit einem bestimmten Betrag aufladen lassen. „Nicht alle haben Geld, die Karte aufladen zu lassen“, sagt Josef und die Heizung fresse eine ganze Menge.

Strom haben die Container-Bewohner nur, wenn sie eine Chipkarte, die mit Geld aufgeladen ist, in ein Kästchen stecken. Auf der Anzeige sehen sie, wie der Geldbetrag schrumpft.2018/02/feucht-obdachlose2.jpg

 

Seit Dezember besucht die Obdachlosenhilfsinitiative Fleißige Bienchen die Feuchter Obdachlosen regelmäßig. Sie bringen Kleidung und Lebensmittel, eine Thermoskanne Kaffee und was sonst noch so benötigt wird. 20 Euro koste der Strom pro Container, wenn den ganzen Tag geheizt werde, haben sie gemeinsam mit den Obdachlosen errechnet, sagt Ingrid Vitzthum.

14,40 Euro pro Tag

Michael Thalheimer, Mitarbeiter des Sozial- und Ordnungsamts in Feucht, räumt ein, dass die Zahl nicht ganz aus der Luft gegriffen sei, so ganz stimme sie dennoch nicht. Die Stromheizung laufe mit 2 000 Watt und verbrauche bei Dauerbetrieb auf höchster Stufe 48 kW/h pro Tag, woraus sich bei 30 Cent, die pro kW/h berechnet werden, ein Betrag von 14,40 Euro ergebe. Allerdings schalte sich die Heizung bei Erreichen einer gewissen Raumtemperatur ab, sodass sie nicht wirklich den ganzen Tag laufe.

Der Lebensunterhalt für Wohnung und Heizen sei für die Feuchter Obdachlosen über das Arlbeitslosengeld II sichergestellt. 416 Euro erhält ein alleinstehender Hartz IV-Empfänger derzeit an Wohngeld, in denen auch ein Betrag von rund 9 Euro für Energie enthalten ist. Diese 9 Euro müsse man von den Stromkosten der Container-Bewohner abziehen. Den Rest könnten sich die Obdachlosen, sofern sie den Beleg der Gemeindewerke einreichen, komplett erstatten lassen. „Sie müssen allerdings zu mir kommen“, sagt Thalheimer. Er selbst schaue regelmäßig bei den Containern vorbei.

Auch Willi Kronberger, Koordinator der Wohnungslosenhilfe Nordbayern, bestätigt, dass für Menschen, die auf Transferleistungen angewiesen sind, das Jobcenter Kosten für Wohnung und Heizen übernimmt. Auch er kennt die Container in Feucht. Vor drei Jahren habe er sich die Unterkunft gemeinsam mit einer Mitarbeiterin der Gemeinde und Bürgermeister Konrad Rupprecht angesehen.

Gesetzliche Verpflichtung erfüllt

Mit den Containern komme die Kommune ihrer gesetzlichen Verpflichtung nach: Jeder Obdachlose hat laut dem Gesetz einen Rechtsanspruch auf Hilfe, wenn Leben oder körperliche Unversehrtheit gefährdet sind. „Wichtig ist, dass die Menschen einen Schutzraum haben und bei niedrigen Temperaturen wie jetzt im Winter nicht erfrieren“, sagt Kronberger. Für die Unterbringung orientieren sich Kommunen an den „Bayerischen Empfehlungen für das Obdachlosenwesen“.

„Menschenwürdig“ müsse eine Unterkunft sein, gemäß dem ersten Grundrecht des Grundgesetzes. Weiter gebe es keine Empfehlungen was etwa die Ausstattung angehe. Strittig sei allerdings, ob eine Kaltwasserversorgung wie in Feucht ausreicht. Dort haben die Obdachlosen lediglich ein kleines Waschbecken mit Kaltwasser zur Verfügung. Wenn sie duschen wollen, erhitzen sie das Wasser und schütten es sich draußen auf dem Hof zwischen ihren Containern mit einer Schüssel über den Kopf.

Container können einen vorübergehenden Schutz bieten. Für eine längerfristige Unterbringung sind sie keine Lösung“, sagt Kronberger. „Dass eine Notunterbringung gewährleistet ist, ist eine Sache. Ob jemand dort länger bleibt, eine andere.“ Entscheidend sei, die Menschen aus ihrer Wohnungslosigkeit rauszubringen. „Da müssen Gemeinde und Landratsamt, der örtliche Sozialhilfeträger, zusammenarbeiten. Wenn Menschen sich nicht mehr selbst helfen können, sind sie auf soziale Hilfen, auf Betreuung und Beratung, angewiesen.“ Die Gemeinden seien mit dem Problem jedoch oft allein gelassen.

„So wie es ist, ist es verbesserungswürdig“, sagt auch Thalheimer. Der Markt Feucht sehe seine Verantwortung, Wohnraum zu schaffen. Deswegen soll in Moosbach ein neues Gebäude mit Sozialwohnungen entstehen. Auch in Feucht auf dem Grundstück neben den Obdachlosencontainern entstehen schicke Neubauten: „Waldzauber“ benennt ein Schild davor das Areal. „Vorne ist Waldzauber, hier ist Containerzauber“, sagt Josef mit zynischem Unterton.

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