Dr. Gerald Klenk: Inklusion kann nicht scheitern

Die Maßnahmen der Regierung sind unzulänglich

Dr. Gerald Klenk, Vorsitzender der Lernwirkstatt Inklusion | Foto: Hornung2017/06/Feucht-Lernwirkstatt-Inklusion-Klenk.jpg

NÜRNBERGER LAND – Inklusion hat derzeit keinen guten Stand in der Gesellschaft: Während für progressive Einrichtungen wie die Lernwirkstatt keine finanziellen Mittel vorhanden sind, gerät sie in der öffentlichen Debatte zunehmend in die Kritik. Der Bote sprach mit Dr. Gerald Klenk, Schulamtsdirektor und Vorsitzender der Lernwirkstatt Inklusion.

Herr Klenk, viele können das Wort Inklusion nicht mehr hören. Warum hat eine eigentlich gute Idee ein so schlechtes Image?

Klenk: Ich habe den Eindruck, dass viele nicht verstanden haben, was mit Inklusion wirklich gemeint ist. Inklusion wird in der öffentlichen Debatte zur Zeit stark kritisiert. Sie wird als „gut gemeinte Idee“ abgetan, die in der Praxis aber nicht funktioniere. Das ärgert mich. Wir sprechen hier über ein Menschenrecht. Inklusion kann nicht scheitern. Ich halte es mit Otto Herz, der sagt „Inklusion ist eine Haltung“. Sie erkennt an, dass Menschen unterschiedlich sind und praktiziert diese Vielfalt ohne Wertigkeiten. Diese Haltung wollen wir näher bringen. Im November wird es in der Lernwirkstatt die Ausstellung „Miteinander“ in Zusammenarbeit mit dem Sozialministerium geben.

Wie sieht die Realität aus? Tut die Politik genug?

Klenk: Die Maßnahmen der bayerischen Staatsregierung sind unzulänglich. Die Idee der Inklusion und die Realität an Schulen und in der Gesellschaft sind tatsächlich noch weit voneinander entfernt. Wir praktizieren Integration. Die Normalen nehmen die Nicht-Normalen gnädigerweise auf. Ein Sonderpädagoge mit einer zehn bis 15 Stunden-Stelle für alle Kinder an einer Schule reicht nicht. Die Lehrer allein können das nicht meistern. Die Schule muss Hilfen bereithalten, vor allem Personal, Heilpädagogen, Therapeuten. Wir brauchen einen tief greifenden Strukturwandel. Aber kein Politiker rührt dieses Thema an. Das ist noch ein langer Weg.

Nicht nur die Schulen, auch die Lernwirkstatt hat gerade zu kämpfen. Ihnen wird die Finanzierung gekürzt. Wie geht es jetzt weiter?

Klenk: Über die Bildungsregion des Landkreises konnten wir in den letzten beiden Jahren eine Halbtagsstelle finanzieren. Gabi Karsten hat in dieser Zeit höchst erfolgreich ein Netzwerk mit 140 Teilnehmern aufgebaut. Das müsste gepflegt und weiter gedacht werden. Unser Landkreis bewirkt mit seiner Bildungsregion mehr als andere, die fördert aber nur zeitlich begrenzte Projekte. Ich kann das Wort Projekt nicht mehr hören. Wenn ein Projekt nach zwei oder drei Jahren erfolgreich ist, fällt die Förderung weg. Im Non-Profit-Bereich ist das tödlich. Schade, dass zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts oft kein Geld da ist. Aber wir werden nicht locker lassen.

Sehen Sie Inklusion auch als eine Chance?

Klenk: Ja, denn es geht ihr um das Annehmen von Unterschieden. Auch ohne behinderte Kinder ist eine Schulklasse nicht homogen, das ist ein Trugschluss. Behinderung ist in einer ohnehin nicht homogenen Klasse bloß ein auffälliges Moment der Heterogenität. Wenn wir Schubladen aufmachen, führt das zu einer politischen Haltung, die ausgrenzt. Inklusion ist ein höchst demokratisches Anliegen. Wir brauchen ein offenes Aufeinander-zu-Gehen. Alles andere kann man lernen.

Interview: Julia Hornung

Zum Thema:

Die Lernwirkstatt ist ein Zentrum für das Lernen über Inklusion und richtet sich an Lehrer, Eltern aber auch an die Öffentlichkeit. Sie ist Beratungsstelle, Bildungsstätte und Knotenpunkt für das Netzwerk Inklusion. Ausgangspunkt für die Gründung der Lernwirkstatt war die UN-Behindertenrechtskonvention, die im Mai 2008 in Kraft trat und eine inklusive Schule zum Ziel setzte, also den gemeinsamen Schulbesuch von behinderten und nicht behinderten Kindern. Als die Lernwirkstatt 2012 ihre Arbeit aufnahm, lag ihr Schwerpunkt zunächst auf der Fortbildung von Lehrkräften. Lehrerfortbildungen deckten eine ganze Bandbreite von Themen ab, von Informationen über bestimmte Formen der Behinderung bis hin zur Frage: Wie gestalte ich meinen Unterricht? Zudem ist die Lernwirkstatt Beratungsstelle für Eltern. Zusätzlich wollen die Verantwortlichen in Zukunft stärker auch die Öffentlichkeit über Inklusion informieren. Seit November 2014 ist die Lernwirkstatt im Parkside in Feucht, Herrmann-Oberth-Straße 6, und steht allen Interessierten zur Verfügung. Kontakt: Telefon 09128 9908022 oder Email [email protected]

http://lernwirkstatt-inklusion-nl.de/

N-Land Julia Hornung
Julia Hornung