Abschiedsinterview mit SC-Boss Manfred Kreuzer

„Aus Liebe zum Fußball“

Immer mittendrin, statt nur dabei: Über 30 Jahre hat Manfred Kreuzer beim SC Feucht die Fäden fest in der Hand gehabt. | Foto: kk2017/07/scfeucht_manfredkreuzer_interview.jpg

FEUCHT – Über 30 Jahre lang war Manfred Kreuzer der starke Mann beim SC Feucht. Nach der vergangenen Saison und dem damit verbundenen Abstieg in die Landesliga ist der 70-jährige Unternehmer nun ins zweite Glied zurückgetreten und hat die Verantwortung an seine Nachfolger übergeben. Mit gutem Gewissen, wie der gebürtige Österreicher im großen Abschiedsinterview mit dem Boten erzählt.

Herr Kreuzer, wie haben Sie in den letzten Wochen geschlafen? Vermutlich eher schlecht, oder?

Manfred Kreuzer (lacht): Nein. Im Gegenteil, es wird immer besser.

Weil Sie den bitteren Abstieg schnell abhaken konnten?

Kreuzer: Es ist halt passiert und die Ursachen dafür sind ja bekannt. Aufgrund der extrem vielen überraschenden Spielerwechsel zu Beginn der letzten Saison (der berühmte Spielerexodus aus dem Waldstadion bei dem der SC den kompletten Kader austauschen musste, Anm. d. Red.) war unser Kader sehr unausgeglichen besetzt. Dafür haben wir es ja sogar noch ganz gut gemeistert. Am Ende haben uns nur vier Punkte zum direkten Klassenerhalt gefehlt. Wir waren aber einfach zu unkonstant, waren zu abhängig von den wenigen erfahrenen Spielern wie Matthias Heckenberger. Und in der Relegation ist es eben wie beim Elfmeterschießen, wobei mir die katastrophale Heimleistung gegen Jahn Forchheim immer noch unerklärlich ist.

Haben Sie den Abstieg am Ende ihrer jahrzehntelangen Amtszeit als persönliche Niederlage empfunden?

Kreuzer: Nein, dafür bin ich viel zu lange im Geschäft. Ich habe alles schon so oft erlebt. Und wenn man nicht absteigt, kann man auch nicht aufsteigen. Ich sehe das sportlich.

„Ich war all die Jahre ein Einzelkämpfer“

Ihr Abschied beim SC Feucht ist für den Verein ein gewaltiger Umbruch. Bis vor kurzem war der Sportclub irgendwie auch eine Art SC Kreuzer, den Sie wie ein Familienoberhaupt geführt haben. Nun wurde die Verantwortung auf mehrere Schultern übertragen und der Verein hat sich auf vielen Ebenen komplett neu aufgestellt. Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung?

Kreuzer: Ich bin ja schon vor zwei Jahren aus dem Vorstand ausgeschieden. Damals habe ich mit dem neuen Führungstrio vereinbart, dass ich mich noch zwei Spielzeiten lang um die Erste Mannschaft kümmern werde, habe aber auch gesagt, dass nach dieser Zeit definitiv Schluss ist. Ich war all die Jahre mehr oder weniger Einzelkämpfer. Dass nach mir eine völlig neue Situation eintritt, war also klar. Diese haben sie ja gut gelöst mit einem neuen Manager, mit einem neuen Jugendleiter. Und das finde ich auch weitgehend in Ordnung so wie es läuft.

Die Zeit der Patriarchen scheint mittlerweile auch im Amateurfußball abgelaufen zu sein. Die Vereine müssen sich immer breiter aufstellen, um den enorm gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden. Sehen Sie das auch so?

Kreuzer: Das kann ja heutzutage keiner mehr alleine machen. Ich konnte es mir leisten. Ich habe einfach die Zeit dazu gehabt. Das können die Jungen heute doch gar nicht mehr. Sie stehen voll im Berufsleben und einen Verein zu führen ist ja mehr oder weniger ein Fulltimejob.

„Heute bist du nicht mehr Herr des Geschehens“

Als Sie 1985 beim SC Feucht eingestiegen sind, hatten Sie auch einen Job, nämlich eine ganze Firma zu leiten.

Kreuzer: Damals war ich noch jünger. Vor allem hatte ich in meiner Firma einen guten Mitarbeiterstab, der mich entlastet hat, damit ich die Zeit für den SC aufbringen konnte.

War vielleicht auch der Fußball damals noch ein anderer?

Kreuzer: Sicher. Diese ganze Wechslerei, diese Hopserei hat es zu dieser Zeit noch nicht gegeben. Heute bist du ja fast nicht mehr Herr des Geschehens, weil die Spieler machen, was sie wollen. Und je niedriger die Spielklasse desto dramatischer wird es.

War es während der „Goldenen Zeiten“, als der SC Feucht in der Regionalliga gespielt hat, dann einfacher für Sie?

Kreuzer: Selbstverständlich. Da hatten wir es ja mit Profis zu tun. Da gibt es Verträge, da geht es letztlich nur darum, ob man den Spieler bezahlen kann. Wenn man auf Amateure angewiesen ist, ist das anders. Wenn der Amateur dreimal auf der Bank sitzt, ist er unzufrieden, dann will er bei der nächstbesten Gelegenheit wechseln. Das geht aber schon in der Jugend los. Dort haben wir mittlerweile 50 bis 60 Wechsel pro Saison. Wenn die Jungs heute in den Herrenbereich kommen, haben sie schon für acht bis zehn Vereine gespielt.

„Es gibt keine Typen mehr“

Hat sich die Mentalität der Spieler verändert?

Kreuzer: Wesentlich, aber ganz wesentlich. Es gibt keine Typen mehr. Jeder schaut nur auf sich, der Verein und die Mannschaft zählen gar nichts mehr. Das ist aber in der ganzen Gesellschaft so, dass jeder nur auf sich schaut. Und das schlägt natürlich brutal in den Fußball hinein. Es gibt heute nur noch ganz wenige Vereine, wo sich die Spieler auch wirklich mit ihrem Klub identifizieren. Und darum ist es auch nicht mehr meine Welt. Mit dieser Mentalität komme ich nicht klar. Man kann eigentlich keine Mannschaft mehr über einen längeren Zeitraum entwickeln. Da hat ein Spieler mal eine Saison lang in der Bayernliga gespielt und schon glaubt er für alle Angebote offen sein zu müssen – so wie bei uns im letzten Jahr. Das ist doch eine Katastrophe.

Anscheinend gibt es aber auch unter den Vereinen keine Solidarität mehr, sich nicht gegenseitig die besten Spieler abzuwerben?

Kreuzer: Da bleibt einem doch gar nichts anderes übrig. Die Vereine hecheln den Spielern hinterher. Ein Spieler will weg, dann muss ich mir von woanders Ersatz besorgen. Das ist ein Dominoeffekt.

Was war in all den Jahren beim SC Feucht die größte Niederlage?

Kreuzer: Das war sicher letztes Jahr die Auflösung unserer Bayernligamannschaft. Das hat meine Gedanken in Richtung Aufhören noch weiter bestätigt. Wir waren damals eigentlich auf einem sehr guten Weg und mit den geplanten Verstärkungen wären wir heuer wahrscheinlich ganz oben mit dabei gewesen. Da war ich schon sehr enttäuscht von der ganzen Truppe.

„Ich habe mich nie als der große Dirigent gefühlt“

Und der größte Erfolg?

Kreuzer: Der Aufstieg in die Regionalliga. Das waren die schönsten Zeiten. Auch schon vorher als dann Dieter Nüssing als Trainer zu uns kam. Er hat das Ganze bei uns sportlich vorangetrieben. Dieter, der ein wahnsinnig gutes Auge für Spieler hatte, wusste, wer bei der SpVgg Greuther Fürth oder beim Club nicht drankam und zu uns passen würde. Er hat dann Spieler geholt wie einen Basti Huber aus Weißenburg oder Alberto Mendez.

Wer war das größte Talent, das Sie je für den SC Feucht verpflichtet haben?

Kreuzer: Ganz klar Roberto Hilbert (achtfacher deutscher Nationalspieler, zuletzt bei Bayer Leverkusen unter Vertrag, Anm. d. Red). Der beste Fußballer war wahrscheinlich Alberto Mendez, nicht umsonst hat ihn damals Arsenal London verpflichtet. Aber er hat dann sein Talent fast ein wenig verschlampert. Bei Roberto hat man es schon in der Jugend gesehen. In Fürth konnten sie ihm damals keine Lehrstelle verschaffen und dann hat mich der Dieter angerufen und gefragt, ob wir was für den Jungen machen können. ‚Klar‘ hab ich geantwortet und ihn dann bei mir in der Firma untergebracht. Das war damals so, eigentlich haben nur Dieter Nüssing und ich entschieden. Kurze Wege, das ist das Beste. Er war der absolute Fachmann, ich konnte mir das leisten. Damals haben bestimmt acht bis zehn Spieler ihre Ausbildung bei mir in der Firma gemacht. Bei mir haben eh fast nur Ex-Fußballer gearbeitet. Die waren aber auch besonders geeignet, denn sie waren alle Teamspieler. Auch beim SC Feucht waren wir eine große Gemeinschaft. Ich habe mich nie als der große Dirigent gefühlt, sondern wirklich als ein Teil der Mannschaft. Ich habe getan, was ich konnte, die Mannschaft hat ihres getan und so haben wir zusammen großen Erfolg gehabt.

„Dieter Nüssing ist ein absolutes Phänomen“

Dieter Nüssing ist auch heute noch häufig beim SC zu sehen. War er Ihr wichtigster Trainer und Ratgeber in Ihrer langen Amtszeit?

Kreuzer: Auf alle Fälle. Wir sind ja persönlich bestens befreundet. Das war die schönste Zusammenarbeit. Es ist sensationell, wie er eine Mannschaft zusammenstellt. Wenn ich mir das heutzutage anschaue, dieses Hütchen aufstellen, trainieren kann doch jeder. Aber die richtigen Leute zu holen und auf die richtigen Positionen zu stellen und dabei auch noch die Mannschaft hinter sich zu bringen. Da ist Dieter Nüssing ein absolutes Phänomen.

Die große Zeit in Feucht endete dann ziemlich abrupt, nämlich in der Insolvenz und dem Abstieg in die Bayernliga, für den in erster Linie Sie verantwortlich gemacht wurden. Damals mussten Sie viel einstecken. Warum haben Sie sich den SC dann nach zweijähriger Pause wieder angetan?

Kreuzer: Dass ich der Buhmann bin, damit musste man in dieser Situation rechnen. Das hat mir aber nicht weh getan. Es stand für mich außer Frage, dass ich dem Verein wieder helfe, wenn er mich braucht. Für den SC war die erste Insolvenz, die ja nur eine vorläufige war, natürlich nicht sehr glücklich, aber auch wichtig. Ich wusste, dass wir die Regionalliga nicht mehr weiterbetreiben konnten. Es hat hier einfach keinen interessiert. 178 zahlende Zuschauer im Schnitt in der Rückrunde. Regionalliga war in Feucht völlig deplatziert.

„Die Regionalliga war eine Geldverbrennungsliga“

Dabei hatten Sie in der ersten Regionalligasaison die 2. Bundesliga nur knapp verpasst. Der Aufstieg hätte den Verein vermutlich wirtschaftlich saniert, oder?

Kreuzer: Ja, wir hatten ja schon die Lizenz für die 2. Liga. Nur der Torwart (Enrico Keller, Anm. d. Red.) hat uns damals in der Saison 2003/2004 die Tour vermasselt. Er hat sich ein paar reingeschmissen, so dass uns am Ende vier oder fünf Punkte gefehlt haben. Ohne den Aufstieg konnten wir uns die Regionalliga in der zweiten Saison nicht mehr leisten, das war eine reine Geldverbrennungsliga. Wir hatten damals jedoch Verträge mit den Spielern über zwei Jahre abgeschlossen und die vorläufige Insolvenz war dann der Hebel, um diese Verträge zu beenden.

Das mangelnde Zuschauerinteresse ist bis heute ein Problem des SC. Warum wird der Sportclub trotz teils starker sportlicher Leistungen in Feucht einfach nicht angenommen?

Kreuzer: Das kann ich mir auch nicht erklären. Wenn wir mit unserer Entwicklung, die dieser Verein genommen hat, in Hof oder anderswo aufmarschiert wären, hätten wir in der Regionalliga wahrscheinlich jedes mal 4000 bis 5000 Zuschauer gehabt. Auch jetzt in der Bayernliga hatten wir oft nur 60 oder 70 zahlende Zuschauer. Da fragt man sich schon, warum man das macht. Für einen persönlich und wohl aus Liebe zum Fußball. Ich hätte auch mit einem Segelschiff in Kroatien umeinanderfahren können, aber das hat mich halt nicht interessiert.

„Ich habe fast ganz Deutschland kennengelernt“

Bereuen Sie im Nachhinein nicht doch ein wenig, so viel Zeit und Geld in den Amateurfußball investiert zu haben?

Kreuzer: Nein. Ich freue mich, dass mir die Zeit beim SC ermöglicht wurde. Das war ja auch eine Bereicherung für mich. Wir haben beide profitiert, der Verein und ich. Die vielen Bekanntschaften und Freundschaften möchte ich nicht missen. Ich habe fast ganz Deutschland kennengelernt. Wann wäre ich denn sonst nach Saarbrücken ins Stadion gekommen oder nach Offenbach. Das waren tolle Erlebnisse. Jede Woche wieder aufs neue.

In den letzten zwei Jahren haben Sie den SC Feucht quasi an Ihre Nachfolger übergeben. Wie steht der SC Feucht denn aktuell da?

Kreuzer: Wirtschaftlich sehr gut, der Verein wird auch ordentlich geführt. Das Vereinsvermögen mit Sportstätten und Hotel übertrifft die noch vorhandenen Verbindlichkeiten bei Weitem. Wie sich jetzt diese sportliche und personelle Umgestaltung auswirkt, wage ich nicht zu beurteilen. Ich hätte es zweifellos lieber gesehen, wenn Klaus Mösle Trainer des SC geblieben wäre. Gerade in dieser Umbruchsituation wäre er ein Anker gewesen, weil er die nötige Erfahrung hat und mit schwierigen Situationen umgehen kann. Aber meine Nachfolger wollten einen Neuanfang, das ist auch verständlich. Und mit Rainer Zietsch wurde ja zum Glück ein erfahrener Mann verpflichtet, der auch schon Profifußball gespielt hat. Jetzt wird man sehen wie sich das entwickelt. Junge Leute haben neue Ideen, das ist sicher nicht verkehrt.

„Solche Frauen gibt es nicht mehr“

Ihre Frau ist sicher froh, dass sie nun wieder mehr von Ihnen hat?

Kreuzer (lacht): Nein, glaub‘ ich nicht. Sie war ja auch immer mit dabei, zumindest mit dem Herzen. Sonst wäre das ja über die 30 Jahre beim SC gar nicht gegangen. Aber solche Frauen gibt es heute nicht mehr, das ist wie bei den Spielern. Sie hätte es gern gesehen, wenn ich noch ein wenig weitergemacht hätte.

Gibt es womöglich doch einen Rücktritt vom Rücktritt?

Kreuzer: Nein, das ist abgeschlossen. Ich geh‘ weiter zum Training, schau mir die Spiele an. Ich will aber nicht den Eindruck erwecken, mich einzumischen. Als Trikotsponsor bin ich natürlich auch weiter dabei.

Dann bleibt eigentlich nur noch eine Frage. Wie kann es sein, dass ein Unternehmer aus der Skifahrer-Nation Österreich sein Herz an den mittelfränkischen Amateurfußball verliert?

Kreuzer: Also Skifahren hat mich nie interessiert, so geht‘s schon mal los! Ich bin damals beruflich aus Steyr nach Bayern gekommen. Dann wurde ich nach Nürnberg versetzt. Wir hatten unser Büro im Innenstadtbereich und dort gab es ein Lokal, in dem ich auch verkehrt bin und in dem sich viele ehemalige SC-Spieler regelmäßig getroffen haben. Damals habe ich meinen Schwager zu mir in die Firma geholt. Er hat in Österreich in der U21-Nationalmannschaft gespielt. Das hat sich in dem Lokal herumgesprochen und Feuchts ehemaliger Manager hat ihn eingeladen zum SC. Und dann war ich eben auch dabei.

N-Land Krischan Kaufmann
Krischan Kaufmann