„Gott neu denken in der Krise“

Fastenpredigtreihe endete in Schnaittach

Gemeindereferentin Gabriele Netal-Backöfer hatte für ihre Predigt in der Schnaittacher Kirche Sankt Kunigund die französische Mystikerin, Poetin und Sozialarbeiterin Madeleine Delbrêl ausgewählt. | Foto: Hans-Peter Miehling2021/03/fastenpredigt-abschluss-st-kunigund-schnaittach.jpg

SCHNAITTACH – Mit der fünften Predigt endete in der Schnaittacher Kirche St. Kunigund die Fastenpredigtreihe im katholischen Seelsorgebereich Pegnitztal. Unter dem gemeinsamen Thema „Gott neu denken in der Krise“ hatten sich an fünf Sonntagabenden Predigerinnen und Prediger aus verschiedenen Blickwinkeln auf Spurensuche gemacht und versucht, Antworten zu geben. 

Die Coronapandemie mit all ihren Auswirkungen auf das öffentliche und private, das gesellschaftliche wie kirchliche Leben hatte für die Seelsorgerinnen und Seelsorger in den Gemeinden rechts und links der Pegnitz den Anlass zu einer etwas außergewöhnlichen Predigtreihe abseits der Sonntagsgottesdienste gegeben. Mit Gestalten aus der Bibel, Propheten, Mystikern, Theologinnen und Theologen hatten die Vortragenden Glaubenszeugen ausfindig gemacht, die in Umbruchzeiten neue Wege gegangen sind.

Neue Wege in Umbruchzeiten

Hersbrucks Gemeindereferentin Ursula Clasen hatte mit dem Propheten Elija in der Laufer St. Ottokirche den Auftakt gemacht (die PZ berichtete). Hans Josef Aschemann, der als Gemeindereferent in Lauf, Neunkirchen und Kersbach tätig ist, hatte in St. Paul in Schwaig den Propheten Jeremia in verrückten Zeiten zum Thema.

Caritas-Geschäftsführer Michael Groß näherte sich in Hersbrucks Pfarrkirche dem „bildlosen“ Gott und dem Seelenfünklein bei Meister Eckhardt an. Laufs evangelische Pfarrerin Lisa Nikol-Eryazici stellte in St. Johannes in Ottensoos mit Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ dessen Zeugnis von Hoffnung in dunkelster Zeit vor.

Gemeindereferentin Gabriele Netal-Backöfer hatte für den Abschluss der Predigtreihe in der Schnaittacher Pfarrkirche die französische Mystikerin, Poetin, Prophetin und Sozialarbeiterin Madeleine Delbrêl gewählt. Begleitet vom Vocalensemble der Pfarrei St. Otto entfaltete Gabriele Netal-Back­öfer in der charismatischen Frauengestalt des 20. Jahrhunderts das Bild einer Wegbereiterin des modernen Glaubensverständnisses.

Delbrêl, die 1904 in einem säkularen Umfeld geboren und aufgewachsen war, hatte eine glänzende Karriere als Künstlerin und Schriftstellerin vor sich. Eine Lebenskrise setzt einen Suchprozess in Gang, Delbrêl kommt mit Gott in Kontakt, der sie im tiefsten ihres Herzens anrührt und trifft. Delbrêl sammelt eine kleine Schar von Freundinnen um sich und zieht in die als gottlos, weil kommunistisch geltende Arbeiterstadt Ivry.

Die kleine Frauengemeinschaft sucht Gott mitten im Alltag und unter den einfachen Leuten. Dies wird Delbrêls Lebensthema: Gott einen Ort sichern – aber anders als mit verkopfter theologischer Lehre, mit Dogmen und kirchlichen Traditionen, eben im Alltag, auf den Straßen, in den Häusern und mitten unter den Menschen, die ihr täglich begegnen. Delbrêl findet Gott im Lärm der Marktfrauen, im Geschrei der Kinder und im Fluchen der Arbeiter. 

Bibellesen als Quelle

Das Lesen der Bibel entwickelt sich für die kleine Gemeinschaft zur Quelle der Beziehung zu Gott, das Gebet in den Nischen des Alltags gibt Impulse für das, was das Evangelium den Frauen für die nächsten Lebensschritte sagen will.

Madeleine Delbrêll zeigt sich als Christin und Frau, die sich ohne Angst ihrer nichtchristlichen Umgebung nähern kann, weil sie weiß, dass Gott existiert und seine Liebe schenkt. Die kann sie auffangen und weitergeben. Bei all dem braucht sie weder das Traditionelle noch das Milieuhafte der christlichen Religion.

Delbrêl wählt den Weg des Schweigens im Alltag, der für sie „Lauschen auf Gott“ ist. Diese Haltung öffnet das Herz für die Freude und Hoffnung, die Trauer und Angst der Menschen um sie herum. 

Madeleine Delbrêl nennt es „Herzensgüte“ und dies, gepaart mit Aufmerksamkeit und einem Blick füreinander – das Lächeln käme noch hinzu, bleibt aber in diesen Tagen hinter den Masken verborgen – braucht diese Zeit.

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren