BLLV erinnert an Opfer des Holocaust

Erinnerung an dunkle Zeiten

Klaus Wenzel hat den 1905 verstorbenen jüdischen Lehrer Samuel Maier auf dem Friedhof in Schnaittach geehrt (v. l.: Wolfgang Sosic; Max Liedtke; Klaus Wenzel; Manfred Schreiner) | Foto: BLLV2020/08/Jud.-Friedhof-III-Schnaittach-9-7-2020-c.jpg

SCHNAITTACH – Das war ein vereinsgeschichtliches Ereignis des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), das der langjährige Verbandsvorsitzende Klaus Wenzel aus Schnaittach wohl nie vergessen wird. Schon manchen Lehrer hat er geehrt, aber noch nie einen verstorbenen Lehrer auf einem jüdischen Friedhof.

Zur Ehrung des jüdischen Lehrers Samuel Maier, der 1905 im Alter von 40 Jahren gestorben ist und in Schnaittach beerdigt wurde, hat er einen Stein auf dessen Grab abgelegt. Einen Stein aus Wenzels Schnaittacher Garten.

Die Hintergründe dieser Aktion sind komplex. Wie war es dazu gekommen? Samuel Maier war nicht nur ein jüdischer Lehrer an der jüdischen Schule in Forth, sondern er war seit 1891 auch Mitglied des Bayerischen Lehrervereins, wie der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband damals noch hieß, und so schließt sich ein Kreis.

Aufarbeitung der Vergangenheit

Max Liedtke, ehemaliger Lehrstuhlinhaber für Pädagogik an der Uni Erlangen/Nürnberg und Herausgeber des Handbuchs der Geschichte des Bayerischen Bildungswesens, hat das in einem einleitenden kurzen Statement bei der Veranstaltung auf dem Friedhof erklärt. Als Klaus Wenzel 2007 zum Präsidenten des BLLV gewählt worden war, wollte er sich auch darum kümmern, dass die dunklen Seiten der Geschichte des Verbandes, wie etwa die Geschichte in der NS-Zeit, aufgearbeitet würden.

Wenzel wusste nämlich, dass Julius Streicher, der als „Judenhasser Nr. 1“ 1946 im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher verurteilt und hingerichtet worden ist, selbst Lehrer und Mitglied des BLLV war. Zwar war Streicher schon 1923 wegen seiner Agitation gegen die Juden von der Mittelfränkischen Regierung des Dienstes enthoben und 1928 wegen seiner Agitationen vollständig aus dem staatlichen Dienst entfernt worden. Der BLLV hat ihn dennoch nicht aus dem Verband ausgeschlossen.

BLLV in der Nazizeit

Zwar hatte es vorweg schon einige Arbeiten über den BLLV in der Nazizeit gegeben, aber im BLLV von 2007 war von der Geschichte, die sich vor mehr als 60 Jahren abgespielt hatte, kaum noch etwas bekannt. Klaus Wenzel gründete zur Aufarbeitung das Projekt „Aufstehen gegen Vergessen und Unrecht“. Er wollte insbesondere die jüdischen Lehrer, die Opfer des Holocaust geworden waren, „der Anonymität entreißen und an sie erinnern.“

Das erste große Forschungsfeld bezog sich auf alle jüdischen Lehrer in Bayern. Die Recherche ergab eine Liste von über 120 Opfern jüdischer Lehrer und Lehrerinnen. Das war eine großartige Leistung des BLLV, die schon vielfach gewürdigt worden ist. Dann tauchte aber doch die Frage auf, ob denn unter diesen Holocaustopfern auch Mitglieder des BLLV waren. Darüber fand sich in den Publikationen nichts. Es gab nur einige unpublizierte Vermutungen, keinen einzigen Beleg. Die Mitgliederlisten des BLLV waren gegen Kriegsende allesamt den Bomben zum Opfer gefallen.

Max Liedtke und Wolfgang Sosic, Mitglied im Schwabacher Geschichtsverein, machten sich dann aber an die Arbeit, auf sehr mühsamen Wegen in allen Verbandsschriften des BLLV seit 1862 nach jüdischen Mitgliedern des BLLV zu suchen. Zu ihrem eigenen Erstaunen wurden sie fündig, sehr fündig sogar. Mindestens zweihundert jüdische Lehrer konnten sie eindeutig als Mitglieder des BLLV belegen, darunter 20 Holocaustopfer.

Purer Zufall

Es war dann purer Zufall, dass die beiden durch Hinweise von Manfred Schreiner (ehemaliger Leiter des städtischen Schulamtes in Nürnberg) und Martina Switalski (Autorin eines Buches über die jüdische Geschichte in Forth) auch ein erstes Grab eines ehemaligen jüdischen Mitglieds des BLLV fanden, das Grab des Samuel Maier, vor der Haustüre des Ehrenpräsidenten des BLLV Klaus Wenzel, in Schnaittach.

Der Lehrer Samuel Maier war dabei allerdings kein Opfer des Holocaust, er ist ja schon Anfang des 20. Jahrhunderts gestorben, doch hatte er auch ein tragisches Schicksal, mitbedingt durch frühe Formen des Antisemitismus.
Es gehört mit zu den Verdiensten des BLLV, speziell von Klaus Wenzel, solche Forschungen in Gang gesetzt zu haben. Es ist jetzt nicht nur wahrscheinlich, dass der BLLV jüdische Mitglieder hatte. Jetzt weiß man, er hatte sie. Und sie sind jetzt auch nicht mehr anonym, sie sind jetzt namentlich bekannt.

Gedenken an Opfer

Aber der BLLV wird auch wissen, dass solche Forschungen auch zu neuen, belastenden Fragen führen können. Es genügt nicht mehr, wie fast Unbeteiligte mit Trauer und Betroffenheit der Opfer des Holocaust zu gedenken. Mitglieder des eigenen Verbandes waren Holocaustopfer. Warum hat man davon bisher nichts gewusst? Warum hat sich der BLLV, als diese Mitglieder 1933 in größte Bedrängnis gerieten, nicht um sie gekümmert?

Man darf wohl davon ausgehen, dass Klaus Wenzel auch daran dachte, als er den Stein auf das Grab von Samuel Maier legte. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung mit dem auf der Fiedel (Kniegeige) von Max Liedtke gespielten „Shalom alechem.“

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