Landrat und Bürgermeister sagen im Fall Susanne G. aus

Eine Zeit voller Angst

Harald Straßner. der Rechtsanwalt von Armin Kroder. Laut ihm ist die These, dass die Angeklagte Susanne G. als Einzeltäterin gehandelt hat, zu bezweifeln. | Foto: BR242021/05/Harald-Strassner-Anwalt-Kroder-Susanne-G.jpg

Nürnberger Land/München. Es muss für die Familien eine schlimme Zeit gewesen sein, in dieser Woche werden sie erneut mit ihr konfrontiert: Als Nebenkläger und Zeugen im Fall Su­sanne G. sagen Landrat Armin Kroder, Schnaittachs Bürgermeister Frank Pitterlein und ihre Angehörigen am kommenden Donnerstag, 6. April, vor dem Oberlandesgericht München aus, über vier Monate der Angst davor, dass auf Worte auch Taten folgen könnten.

Wenige Meter neben ihnen, im Hochsicherheitsgerichtssaal der JVA München-Stadelheim, sitzt dann die Frau aus Leinburg, die von der Bild-Zeitung die „Neonazi-Heilpraktikerin“ genannt wird. Sie soll die Betroffenen von Dezember 2019 bis März 2020 mit Briefen und Anrufen terrorisiert und mit dem Tod bedroht haben.

Der Staatsanwalt des Bundesgerichtshofs, David Rademacher, der zum Prozessauftakt am vergangenen Donnerstag die Anklage vortrug, geht davon aus, dass einer der beiden Mandatsträger auch in Susanne G.s Visier war, als diese ab Mai 2020 ihre Brand­anschläge geplant haben soll. Wahrscheinlich würden die Familien Kroder und Pitterlein am liebsten überhaupt nicht mehr über diese Zeit reden, doch am Donnerstag werden die Richter sie bitten, ihre Erinnerungen genau zu schildern. Wie etwa die Erinnerung an den Brief mit den Worten „Juden- und Ausländerfreund. Erschossen auf der Terrasse des Kroderhofs“, der Anfang Dezember 2019 im Briefkasten der Familie Kroder lag.

Auf den Brief folgten Drohanrufe

Kurz zuvor hatte Ingrid Kroder, die Mutter des Landrats, einen Anruf entgegengenommen, in dem eine Frau – die offensichtlich davon ausging, dass sie mit Kroders Ehefrau redet – die Worte „Britta, wir kriegen deinen Mann“ in den Hörer sprach. Diesen und einen weiteren Drohanruf soll Su­sanne G. von öffentlichen Telefonsäulen aus getätigt haben.

Auch Frank Pitterlein erhielt Ende Januar 2020 einen Brief mit dem Text „Juden- und Ausländerfreund“, dem eine scharfe Pistolenpatrone beilag. Im Februar gingen bei Frank Pitterlein außerdem vier Anrufe ein, bei denen der Anrufer am Telefon schwieg. Sowohl Armin Kroder, als auch Frank Pitterlein erhielten schließlich im März 2020 eine Gutscheinkarte mit der Aufschrift „Letzte Warnung!“, denen eine scharfe Gewehrpatrone beilag.

Warum die Angeklagte die beiden Kommunalpolitiker, mit denen sie nie zuvor Kontakt hatte, als Ziel ihrer Machenschaften ausgesucht haben soll, weiß auch der Staatsanwalt nicht. Wahrscheinlich sei das Engagement der beiden unter anderem für das jüdische Museum in Schnaittach ausschlaggebend gewesen.

„Die Gefährdung besteht nach wie vor“

Am ersten Tag der Hauptverhandlung war Kroders Anwalt Harald Straßner vor die Presse getreten. Die Briefe und Anrufe hätten in der Familie Kroder für großen Schrecken gesorgt. „Noch heute öffnen sie den Briefkasten mit Argwohn“, so Straßner. Die Anklage der mutmaßlichen Täterin sei eine Erleichterung gewesen, „aber die Gefährdung besteht nach wie vor massiv“. Straßner bezweifelt die Einzeltäter-These. Susanne G. werde von der rechten Szene weiterhin unterstützt und Helfer, die ihr bei der Planung der Anschläge zur Seite standen, seien nicht auszuschließen. Das übergeordnete Ziel sei es, die Bevölkerung zu verunsichern.

Auch der Rechtsanwalt Pitterleins, Maximilian Bär, hält Susanne G.s Vernetzung mit dem rechtsextremen Milieu für sehr relevant. Dass sie möglicherweise Teil einer rechtsterroristischen Struktur war, sollte laut Bär auch bei der Schuldfrage und dem Strafmaß bedacht werden. „Es ist bezeichnend, dass sich der Vorsitzende der Partei ,Der III. Weg‘ beim Prozessauftakt zeigt.“

Dieser Vorsitzende, Klaus Armstroff, ist einer von vier Männern, die beim Eintreten Susanne G.s in den Gerichtssaal aufstanden, um ihr Res­pekt zu zollen. Keiner von ihnen stammt aus Bayern. Es handelt sich stattdessen um bekannte Gesichter der Neonazi-Szene aus verschiedenen Teilen Deutschlands.

Die Richter am Oberlandesgericht haben noch 20 Verhandlungstage Zeit, um die Vernetzungen der Susanne G. offenzulegen. Die mögliche Höchststrafe wären im Falle der Schuld zehn Jahre Haft. 

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