PZ-Umfrage zur Wahl

Direktkandidaten – die unbekannten Wesen

Anton Lindner, Edi Deinzer, Thilo Hauenstein und Max Berschneider aus Hersbruck halten den AfD-Direktkandidaten Klaus Norgall erst für einen ehemaligen Lehrer aus Hersbruck, doch im zweiten Anlauf ordnen sie ihn der richtigen Partei zu. Es sollte ihr einziger richtiger Tipp im Rahmen der PZ-Umfrage bleiben. | Foto: Rebecca Haase2021/08/Umfrage-Direktkandidaten-Marktplatz-Lauf-170821-1-scaled.jpg

LAUF – Eine Umfrage der PZ auf dem Laufer Marktplatz fiel für die Direktkandidaten des Wahlkreises Nürnberger Land/ Roth ernüchternd aus. Der absoluten Mehrheit der Befragten waren weder Namen noch Parteizugehörigkeit bekannt. Ein Zeichen dafür, dass die Parteien ihren Wahlkampf für die diesjährigen Bundestagswahlen ankurbeln sollten.

Auf dem Laufer Marktplatz stehen am Dienstag drei Frauen im Alter von etwa 50 Jahren grübelnd vor einem Plakat im DIN-A3-Format. Es zeigt die Köpfe von sechs Direktkandidaten des Wahlkreises Nürnberger Land/Roth, die die Frauen aus Lauf noch nie gesehen haben. Sie schütteln den Kopf im Kollektiv und eine von ihnen winkt ab: „Also ich kenne niemanden davon. Das ist das Einzige, was ich dazu sagen kann.“ Dann wirft ein Mann im Vorbeigehen einen Blick auf das Plakat und schmunzelt: „Suchen Sie etwa einen Verbrecher?“

Die vier sind zufällig gewählte Teilnehmer einer PZ-Umfrage, die in der Laufer Innenstadt vor allem für lange Gesichter und fragende Blicke sorgte. Denn obwohl der Wahlkampf der Parteien für die Bundestagswahl langsam in Fahrt kommt und die Plakate mit den Gesichtern der Direktkandidaten an den Straßenlaternen hängen, stellt sich die Frage: Bleiben die Bilder von Ralph Edelhäußer (CSU), Felix Erbe (Grüne), Felix Locke (FW), Kristine Lütke (FDP), Klaus Norgall (AfD) und Jan Plobner (SPD) überhaupt im Gedächtnis der Adressaten? Das Resultat der nicht repräsentativen PZ-Umfrage lautet: bisher nicht.

Noch sechs Wochen bis zur Wahl

Doch die Uhr tickt. Die Direktkandidaten – im Wahlkreis Nürnberger Land/Roth sind es insgesamt 13 – haben noch rund fünf Wochen Zeit, um die Wähler am 26. September zu einem Kreuz hinter ihrem Namen zu motivieren. Nur einer von ihnen hält am Ende den Freifahrtschein für den Abgeordnetensitz im Bundestag in seinen Händen. Die anderen haben die Chance, über die Liste einzuziehen.

Doch die coronabedingten Veranstaltungsabsagen erschweren den Wahlkampf. Und an den bekannten Plakaten laufen die Passanten meist eher desinteressiert vorbei. Kaum jemand bleibt stehen, um oberflächlich anmutende Slogans wie „Nie gab es mehr zu tun“ oder „Damit Deutschland stabil bleibt“ genau zu studieren.

Das zeigt auch die Umfrage. Dabei fehlte auf dem Plakat der Pegnitz-Zeitung sogar die Hälfte der Kandidaten. Nur die der größten Parteien standen zur Auswahl. Nicht abgebildet waren Evelyn Schötz (Linke), Julian Häffner (Piraten), Pascal Henninger (ÖDP), Max Weggenmann (Die Partei), Marcus Nehring (Liberalkonservative Reformer), Stephan Kuschel (Die Basis) und Udo Schloth (parteilos), um die rund 30 Befragten nicht zu überfordern.

Trotzdem sind die Namen der sechs übrigen Kandidaten sowie ihre Parteizugehörigkeit fast jedem der Teilnehmer, alle aus dem Wahlkreis Nürnberger Land/ Roth, unbekannt. „Dieses Gesicht habe ich irgendwo schon einmal gesehen“, ist meist das höchste der Gefühle. Selbst die Aufforderung zu raten, wer von den sechs überhaupt politisch aktiv sei und wer nicht, wird ernst genommen.

„Politiker repräsentieren schließlich etwas“

Auch die spontane Zuordnung der Kandidaten zu Parteien geht meistens schief. „Ich gehe natürlich wählen, aber ich weiß nicht, wer diese Menschen sind“, sagt Wolfgang Reykowski aus Röthenbach. Auch beim anschließenden Ratespiel tut er sich schwer. Klaus Norgall hält er für den Kandidaten der CSU und Kristine Lütke sieht für ihn nicht nach FDP aus: „Die Dame ist bei den Grünen, würde ich sagen, und die Frau daneben weiß ich nicht.“ Nach der Information, dass es sich um Jan Plobner von der SPD handelt, muss der Mann in den 70ern lächeln: „Ach so, das ist ein er? Er sollte lieber keine Blümchenhemden tragen, als Politiker repräsentiert man ja schließlich etwas.“

Wie Reykowski bewerten die meisten Befragten die Kandidaten nach ihrem Äußeren. Das geht auch gar nicht anders, wenn man die Politiker nicht kennt, geschweige denn weiß, was ihre Ziele als Bundestagsabgeordneter wären. Auf dieses Äußere haben allerdings die Bilder der Kandidaten einen Einfluss, die der PZ zur Verfügung standen. Beim Ratespiel der Passanten orientieren sich diese oft an bekannten Klischees, unter anderem in Bezug auf die Kleider der Kandidaten.

Petra Hofmann aus Haimendorf fallen als Erstes zwei Männer im Anzug auf, ihre Namen kennt sie nicht. „Namen sind wie Schall und Rauch. Aber die zwei rechten (Edelhäußer und Locke) sind recht hübsch und die anderen sind sowieso nicht meine Altersklasse“, sagt Hofmann.
Den Laufer FW-Stadtrat Felix Locke ordnet sie der CSU zu, Kristine Lütke der SPD. Immerhin: Den Namen Jan Plobner hat sie schon einmal gehört. Darauf lässt sich aufbauen.

Vor Lily’s Asia Imbiss sitzen die vier Freunde Anton Lindner, Edi Deinzer, Thilo Hauenstein und Max Berschneider aus Hersbruck, alle um die 20 Jahre alt. Auf die Aufforderung zur Teilnahme heißt es sofort: „Wir kennen niemanden davon. Aber wir können raten.“ Zunächst sieht Klaus Norgall für sie aus wie ein ehemaliger Lehrer des Hersbrucker Gymnasiums, doch er wird schließlich der AfD zugeordnet.

Mann ab 40 im Anzug

Tatsächlich kommen für alle Befragten nur Klaus Norgall und Ralph Edelhäußer als AfD-Kandidaten in Frage. Die Teilnehmer scheinen mit der AfD Männer ab 40 im Anzug zu verbinden.

Für die Hersbrucker Jungs bleibt es bei dem einen richtigen Tipp. Kristine Lütke wird als SPD-, Jan Plobner als Linke-Kandidat einsortiert. Warum, wissen die vier selbst nicht so genau.

Währenddessen geht ein älteres Paar an der Gruppe vorbei und schaut auf die Bilder. Die Frau kann sich an das Gesicht von Jan Plobner erinnern. „Den habe ich auf einem Plakat gesehen. Aber in welcher Partei er ist, habe ich nicht gesehen.“ – „Welche Farbe hatte denn das Plakat?“ – „Das weiß ich nicht“, sagt die Frau. Selbst das knallige Rot der SPD-Plakate scheint sich nicht einzuprägen.

Am Café Ruff ordnete eine Gruppe Edelhäußer und Norgall den richtigen Parteien zu, ohne deren Namen zu kennen. Franz-Josef Bösl (links) aus Röttenbach war der Held des Tages. Als einziger Teilnehmer kannte er den Namen des CSU-Kandidaten. Foto: Haase2021/08/Umfrage-Direktkandidaten-Marktplatz-Lauf-170821-2-scaled.jpg

Vor dem Café Ruff sitzen vier Freunde aus Lauf, die immerhin Edelhäußer sofort richtig zuordnen. „Das hier ist ein Schwarzer“, sagt einer der Männer und seine Sitznachbarin nickt: „Der Schönste ist bei der CSU.“ Die Namen kennen die vier nicht.

Plötzlich bleibt ein Mann im Vorbeigehen stehen und rettet die Ehre des CSU-Kandidaten: „Das ist Ralph Edelhäußer.“ Der klare Sieger der Umfrage heißt Franz-Josef Bösl und kommt aus Röttenbach. Das erklärt auch sein Wissen: Röttenbach liegt im Landkreis Roth und Edelhäußer ist der Rother Bürgermeister.

Anschließend diskutiert die Gruppe noch über den Wahlkampf und die fehlende Bekanntheit der lokalen Kandidaten. Diese sollten sich den Wahlspruch der FDP in den kommenden fünf Wochen zu Herzen nehmen: „Nie gab es mehr zu tun.“

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