ICE-Werk: Feuchter Standorte bleiben im Verfahren

Die Bahn kommt (näher)

Bei einer Kundgebung Anfang August pilgern die Demonstranten in Scharen an den bedrohten Jägersee. | Foto: Alex Blinten2021/09/Feucht-Muna-Demo-scaled.jpg

Feucht/Mimberg/Ezelsdorf – Die Deutsche Bahn wirft sechs potenzielle Standorte für das ICE-Werk vorzeitig aus dem Rennen. Übrig bleiben allein die beiden Feuchter Standorte sowie einer bei Allersberg.

Der Standort MUNA, der Bereich südlich davon sowie der Standort Allersberg/Pyrbaum/Roth werden noch bis Ende des Jahres untersucht. Dann beginnt das Raumordnungsverfahren, im Frühjahr 2022 soll der Standort für das Werk stehen. Zum jetzigen Zeitpunkt hatte Feuchts Bürgermeister Jörg Kotzur nicht mit einer Vorauswahl gerechnet. Ihn hat die Nachricht am Freitag in seinem Urlaub überrascht, mit dem Ergebnis ist er alles andere als einverstanden. Ihm stoßen dabei gleich mehrere Aspekte sauer auf. Zum einen, dass der Naturschutzaspekt nicht oder nicht ausreichend zum Tragen gekommen sei. Denn dann wären seiner Meinung nach beide MUNA-Standorte aus dem Rennen.

„Das hat schon ein G’schmäckle“

Die Bahn aber streicht Raitersaich, Müncherlbach und Heilsbronn sowie Mimberg und Ezelsdorf, weil sie vom Nürnberger Hauptbahnhof nicht innerhalb der verfügbaren Zeitfenster erreichbar seien. Am Standort Altenfurt/Fischbach ist laut Bahn die Anbindung baulich beziehungsweise betrieblich nicht realisierbar. Man hätte einen Tunnel oder eine Brücke zur Querung der S-Bahn-Trasse bauen müssen, erläutert DB-Projektleiter Carsten Burmeister. Eine Argumentation, die für Kotzur nicht schlüssig ist. Schließlich hätte man vorher wissen können, dass man einen Tunnel oder eine Brücke braucht. „Das hat schon ein G’schmäckle“, meint Kotzur angesichts der Tatsache, dass nicht zuletzt Ministerpräsident Markus Söder gegen diesen Standort Position bezogen hatte.

Was Kotzur außerdem richtig stört, ist die Tatsache, dass die Öffentlichkeit und auch die Gemeinde keinen Einblick in das Gutachten erhalten, das Auskunft über die Belastung des MUNA-Areals mit Kampfmitteln gibt. Die Bahn gibt die Ergebnisse nicht heraus, weil sie eine Verschwiegenheitserklärung gegenüber der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) abgegeben hat (wir berichteten). Und die BIMA selbst gibt laut Kotzur ebenfalls nichts heraus. „Es kann nicht sein, dass die einen die Unterlagen haben und die anderen die Verantwortung tragen“, sagt Kotzur und wirft die Frage auf, was passiert, wenn beispielsweise ein Waldbrand auf dem Gelände ausbricht und die Feuchter Feuerwehr ausrücken muss.

Weitere Unterstützung für die Bürgerinitiativen

Als Bürgermeister will er nun weiter die örtliche Bürgerinitiative unterstützen, seinen Einfluss bei Landes- und Bundespolitikern geltend machen und auf den mittelfränkischen Regierungspräsidenten zugehen, um ein faires Raumordnungsverfahren einzufordern. Außerdem ist die Regierung der Gemeinde noch eine Antwort schuldig. Im Juli hatte der Marktgemeinderat mit großer Mehrheit den Wunsch formuliert, das Waldgebiet westlich der Autobahn als Naturschutzgebiet auszuweisen. Eine Reaktion aus Ansbach steht laut Kotzur noch aus.

Werner Langhans, Bürgermeister der Gemeinde Wendelstein, kündigte Widerstand auf jeden Fall für den Standort südlich der Muna an. „Da werden wir auf die Barrikaden gehen, ich vorneweg.“ Dass man in dieses Idyll rund um den Jägersee so ein Werk setzen will, widerspreche doch vollkommen der Behauptung, dass man auf Natur- und Umweltverträglichkeit Rücksicht nehme. Was die MUNA selbst betrifft, erinnert der Wendelsteiner Rathauschef daran, dass man Zustimmung signalisiert, die Hürden aber absichtlich hoch gestellt habe: „Bedingung ist die komplette Entmunitionierung des Geländes.“

Zumindest ein wenig Hoffnung macht Jörg Kotzur die Akzeptanz für das ICE-Werk am dritten verbliebenen Standort. Zwar üben die Bewohner der Ortschaft Harrlach stetig Protest an den Plänen, in Allersberg aber sei man – so Kotzur – dem Werk gegenüber gar nicht so abgeneigt.
An den verbliebenen Standorten will die Bahn ab Oktober weitere Dialogangebote online und persönlich vor Ort anbieten. Thematische Schwerpunkte der Veranstaltungen werden die Bereiche „Mensch und Natur“ sein: Von Schallschutz bis Aufforstung soll es darum gehen, wie das ICE-Werk möglichst verträglich für Menschen, Pflanzen und Tiere gestaltet werden kann.

Sorgen in der Waldsiedlung

Direkt betroffen vom Bau des ICE-Werks in Feucht wären die Bewohner der Waldsiedlung. Deren Sprecherin Inge Jabs befindet sich am Freitagnachmittag, als sie die Nachricht gerade erfahren hat, noch „in Schockstarre“. Als das Telefon klingelt, bereitet sie gerade die Feier ihres 75. Geburtstags vor. Doch zu feiern gibt es jetzt eigentlich nichts mehr, meint sie. Durch das Großprojekt sieht sie ihr Lebenswerk bedroht. Jahrzehntelang hat sie sich ehrenamtlich für die Waldsiedlung eingesetzt. Es war kurz nach der Jahrtausendwende, die Genossenschaft gerade gegründet, als der Giftgas-Sarkophag auf dem MUNA-Areal zum Thema wurde. „Die Bundesvermögensverwaltung hat uns damals versichert, diesen nie zu heben“, erinnert sich Jabs. Darauf beruft sie sich und daran glaubt sie. Und darum macht sie sich so große Sorgen. Denn wenn der Standort MUNA wegen seiner Belastung doch noch ausscheidet, sieht sie den Standort südlich davon in großer Gefahr. Doch ihre Sorge, sagt Jabs, hat ihr bisher Auftrieb gegeben. Aufgeben kommt also nicht in Frage. „Feucht muss endlich aufwachen, lasst uns und unseren Wald nicht im Stich“, sagt sie. Wenn nötig, mit Hilfe der Bürgerinitiativen aus den umliegenden Gemeinden. Zu diesen will sie nun Kontakte knüpfen.

Erleichterung aber kein Grund zu feiern

Auf offene Ohren dürfte sie unter anderem bei Rolf Wirth stoßen. „Wir müssen uns jetzt auf jeden Fall überlegen, wie wir die Feuchter unterstützen können“, sagt der Sprecher der Burgthanner Bürgerinitiative gegen das ICE-Werk. Ob die geplante große Kundgebung am kommenden Samstag, 11. September, auf dem Sportplatz des FSV Oberferrieden stattfinden wird, stand gestern allerdings noch nicht fest. Bei der Bewertung des aktuellen Sachstands bleibt Wirth indes vorsichtig. Einen Anlass zum Feiern jedenfalls ist die Herausnahme der Areale bei Schwarzenbruck, Mimberg und Ezelsdorf für ihn nicht.

So sieht das auch Tanja Holl von der Bürgerinitiative in Schwarzenbruck, die zwar ebenfalls erleichtert darüber ist, dass es kein ICE-Werk im Faberwald geben wird, die es aber bedauert, dass die Bahn nicht, wie von der BI gefordert, alle neun Standorte aus dem Verfahren genommen und eine ganz neue Suche begonnen hat. „Deshalb gibt es jetzt für uns auch keinen Grund zu feiern“, stellt Holl fest. Ob eine für den 18. September im Mühlbachtal geplante Veranstaltung gegen ein mögliches ICE-Werk bei Schwarzenbruck/Mimberg noch stattfinden wird, ist nicht sicher. Holl vermutet, dass bei der aktuellen Sachlage nur noch eine überschaubare Zahl von Menschen kommen würde.
Markus Fleischmann, Sprecher der Bürgerinitiative Altenfurt/Fischbach wird eine für den 18. September geplante große Kundgebung canceln. Er bezeichnete seinen gestrigen Gemütszustand als „extrem erleichtert“, nachdem er von der Entscheidung erfahren hat. Der Standort Altenfurt war immerhin zu Beginn der Suche der Präferenzstandort der Bahn. „Und am Anfang standen wir Bürger allein, da hatten wir keine Hilfe von der Politik.“ Die kam dann später, aber massiv. Dass man aber den Standort abwenden konnte, ist für Fleischmann allein auf den Protest der Bevölkerung zurückzuführen.

Von Christian Geist, Alex Blinten und Paul Götz

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