Tanzschulen und Ballettstudios warten auf die Wiedereröffnung

Der letzte Walzer ist neun Wochen her

Tanzhaltung ja, Anfassen nein: Iris Steinlein und Tobias Losert können ihre Schüler aktuell nur per Livestream unterrichten. Dabei gibt es längst Konzepte für die Zeit nach dem Tanzschul-„Lockdown“. | Foto: Privat2020/05/corona-tanstudio-steinlein.jpg

LAUF – Abstand ist in der Corona-Pandemie das Gebot der Stunde. Doch wie soll Social Distancing beim Wiener Walzer funktionieren? Oder zeitgenössischer Tanz in einem abgeklebten Fünf-Quadratmeter-Bereich? Während sich für viele Branchen inzwischen wieder Perspektiven abzeichnen, steht die Zukunft von Tanzschulen und -studios in den Sternen.

Fast auf den Tag genau ein Jahr ist es her, dass die Tanzschule Steinlein ihr 80-jähriges Bestehen mit einer rauschenden Ballnacht gefeiert hat. „Wir waren auf Wolke 7“, erinnert sich Chefin Iris Steinlein.

Jetzt sind die beiden Tanzsäle im Laufer Industriegebiet verwaist, die Tanzschule befindet sich in der neunten Woche des „Lockdowns“. Für Iris Steinlein ist der Montag, an dem sie zusperren musste, noch sehr präsent. „Das war der schwerste Moment.“

Kreativität war gefragt

Nach dem ersten Schock und einer Phase des „Sich-Sortierens“ wurden sie und ihr Team aktiv. „Uns war wichtig, mit unseren Kunden im Kontakt zu bleiben.“

Deshalb startete man mit einem Live-Streaming: Tanzkurse, sowohl für Kinder als auch für Jugendliche und Erwachsene, wurden via Internet vom Tanzstudio aus in die Wohnzimmer übertragen. „Wir mussten uns erst einmal mit der Technik auseinandersetzen“, lässt Steinlein den nicht einfachen Start Revue passieren.

Tanzen ohne Berührungen

Hinter den Kulissen wurde viel Aufwand betrieben. All das unter „Corona-Bedingungen“: Die Tanzlehrer gingen zwar vor der Kamera in Tanzhaltung, Anfassen war allerdings verboten. Außerdem musste „platzsparend“ unterrichtet werden.

„Wir haben mit Freude gesehen, wie unsere Kunden die Wohnzimmer leer geräumt oder auf der Terrasse geübt haben“, sagt Iris Steinlein. Doch auch wenn das Online-Angebot derzeit in Form von Videoclips oder „Webinars“ ausgebaut wird: Den direkten Kontakt zu den Schülern ersetze der Video-Unterricht natürlich nicht.

Im Podcast

Wiedereröffnung ungewiss

Wann allerdings in der ADTV-Tanzschule wieder der erste Cha-Cha-Cha aufs Parkett gelegt wird, ist völlig offen. Während in Nordrhein-Westfalen Anfang der Woche die ersten Tanzschulen öffnen durften, gibt es in Bayern noch keine Aussicht darauf.

Die ausgefallenen Stunden wollen Steinlein und ihr Team auf jeden Fall im Lauf des Jahres nachholen, zum Beispiel in Form von Workshops oder Ferienangeboten. „Wir werden uns ins Zeug legen“, verspricht sie und ist froh, dass die meisten „Club-Kunden“ der Tanzschule die Treue halten und ihre Beiträge weiterhin überweisen. „Das sind Mitglieder aller Altersklassen, von denen manche schon Jahre bei uns tanzen. Einige Paare sogar Jahrzehnte. Hätten wir die nicht, dann wüsste ich auch
nicht … “

Das Ballkleid bleibt im Schrank

Vorerst abgesagt werden mussten auch die Abschlussbälle der Jugendlichen im April, normalerweise der Höhepunkt der Tanzschulzeit. Die Eltern hatten die Karten dafür bereits gekauft, das neue Ballkleid und der schicke Anzug hängen im Schrank. Für die Bälle seien Nachholtermine reserviert, man müsse allerdings die behördlichen Entscheidungen abwarten, betont die Tanzschul-Geschäftsführerin.

Die festangestellten Mitarbeiter sind aktuell in Kurzarbeit, das Kurzarbeitergeld wird von der Tanzschule Steinlein aufgestockt. Dazu kommen noch einige Minijobber, zum Beispiel im Bar-Bereich, die aktuell so gut wie ohne Einkommen sind. „Wir halten das Köpfchen irgendwie über Wasser und bereiten uns auf eine mögliche Wiedereröffnung vor“, sagt Iris Steinlein. Dabei schielen sie und ihre Kollegen gespannt nach NRW, wie dort die Hygienekonzepte umgesetzt werden.

Steinlein gibt sich zuversichtlich, dass es funktionieren könnte. Man habe in Lauf zwei getrennte Säle, für die man zwei Eingänge anbieten könnte, bei den Paarkursen der Erwachsenen würden ohnehin immer dieselben Partner miteinander tanzen, bei Schönwetter könne man die „Tanzterrasse“ aktivieren und in den Einzelkursen Quadrate als Tanzbereiche für die einzelnen Teilnehmer abkleben. Schwer denkbar sei beim Tanzen allerdings eine Maskenpflicht. „Das wird einfach zu heiß.“ Sie und ihr Team hoffen, dass es bald wieder losgeht.

Es geht um Interaktion

Weniger optimistisch sind Cosima Adebahr und ihre Mutter Dagmar Adebahr-Horneber vom Laufer Tanzstudio „Tanz(t)raum“, wo man seit vielen Jahren auf kreativen, zeitgenössischen Tanz spezialisiert ist. „Unsere Philosophie und damit unser Unterricht beruhen auf Interaktion der Schüler, weniger auf Vormachen und Nachmachen. Es wird viel durch den Raum getanzt, Tanz erzählt bei uns auch eine Geschichte“, beschreiben die beiden ihr Konzept. Deshalb sei Online-Unterricht nicht infrage gekommen. Auch die behördliche Einordnung des Unternehmens ist schwierig: „Wir sind weder ADTV-Tanzschule noch Ballettstudio.“

Rund 300 Schüler sind im „Tanz(t)raum“ eingeschrieben, zwei Drittel davon Kinder und Jugendliche. „Wir haben viele, wirklich schöne Reaktionen von unseren Schülern bekommen, aber einige haben verständlicherweise ihre Mitgliedschaft gekündigt“, sagt Cosima Adebahr. Den Monatsbeitrag für April hat das Tanzstudio noch eingezogen, ab Mai haben die Adebahrs auf die Abbuchung verzichtet. „Das hätten wir mit unserem Gewissen nicht vereinbaren können“, betont Dagmar Adebahr-Horneber, wohl wissend, dass in einigen Familien das Geld zurzeit knapp ist.

Cosima Adebahr und ihre Mutter Dagmar Adebahr-Horneber vom „Tanz(t)raum“ glauben, dass es ihr Studio mit dem bisherigen Konzept „auf absehbare Zeit“ nicht mehr geben wird.
Cosima Adebahr und ihre Mutter Dagmar Adebahr-Horneber vom „Tanz(t)raum“ glauben, dass es ihr Studio mit dem bisherigen Konzept „auf absehbare Zeit“ nicht mehr geben wird. /Foto: Privat2020/05/corona-tanztraum-cosima-adebahr_dagmar-adebahr-Horneber_foto-b.jpg

Die Lage ist existenzbedrohend

Soforthilfe vom Bund hat der „Tanz(t)raum“ bislang nicht beantragt, aktuell versuchen Adebahrs, die Krise mit Rücklagen zu überbrücken. Cosima Adebahr ist als einzige fest angestellt und jetzt in Kurzarbeit. Die übrigen knapp ein Dutzend Mitarbeiterinnen unterrichten jedoch auf Honorarbasis im Studio, sind zum Großteil auch in anderen Tanzschulen tätig. Für viele von ihnen sei diese Situation existenzbedrohend.

Was die Zukunft des Studios angeht, ist vor allem Dagmar Adebahr-Horneber pessimistisch, wie sie selbst ganz offen zugibt. „Den Tanz(t)raum wird es so, wie man ihn kennt, auf absehbare Zeit nicht mehr geben. Wir müssten ein komplett neues Konzept auf die Beine stellen.“

Mit einer reduzierten Kursteilnehmerzahl sei man schlicht nicht überlebensfähig, außerdem sei die Vorgabe, auf anstrengende Übungen möglichst zu verzichten, kaum umsetzbar. Neben der Art und Weise, wie im „Tanz(t)raum“ getanzt wird, tun sich auch unzählige organisatorische Fragen auf: Wer desinfiziert regelmäßig die Toiletten und Türgriffe? Was tun, wenn im schmalen Gang zu viele Eltern gleichzeitig auf ihre Kinder warten?

Bisher keine staatlichen Hilfen

„Wir stehen vor dem Nichts und fühlen uns absolut allein gelassen“, sagt Jerzy Pietka, der gemeinsam mit seiner Frau Wioletta Sokolowska-Pietka das „Ballett Centrum Lauf“ leitet. Vor 20 Jahren haben sich die beiden ehemaligen Solotänzer, die in vielen großen Opernhäusern Europas auf der Bühne standen, mit der Ballettschule selbstständig gemacht.

Rund 160 Kinder üben, verteilt auf mehrere Kurse, regelmäßig im Ballettsaal. Inzwischen würden einige Kunden die Geduld verlieren und ihre Beiträge zurückfordern, schildert Jerzy Pietka die Situation. Staatliche Hilfe habe man zwar beantragt, aber bisher nicht bekommen.

Nachholtermine kommen

Wie viele ihrer Kollegen haben die Pietkas erst einmal angeboten, die ausgefallenen Stunden nachzuholen. „Die meisten Eltern würden sich bestimmt über Angebote in den Ferien freuen“, hofft er. Dabei könne man im 180 Quadratmeter großen Ballettsaal die Abstandsvorgaben gut einhalten, verspricht der Ballettmeister.

In den Kursen seien nicht mehr als 15 Schüler gleichzeitig und man unterrichte nach der Waganowa-Methode, bei der jedes Kind für sich an der Stange übt, mit zwei Metern Entfernung.

„Wir hatten bisher ein normales Auskommen“, sagt Pietka. Doch wenn man nicht bald wieder öffnen dürfe, bedeute dies das Aus für die Ballettschule.

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