Droht Wegfall von Betreuungsplätzen?

Den Kindergärten fehlt das Personal

Spielstunde im Haus für Kinder in Hüttenbach (2016). Für das kommende Kindergartenjahr sucht die Einrichtung der katholischen Kirche noch fünf Vollzeitbeschäftigte, die sich im Hort, im Kindergarten oder in der Kleinkindgruppe um die Jüngsten kümmern. | Foto: PZ-Archiv2020/07/Kindergarten-Huttenbach-altes-Schulhaus-neu-spielen.jpg

HÜTTENBACH/SCHWAIG/RÖTHENBACH – Kita-Träger im Nürnberger Land befürchten den Wegfall von Betreuungsplätzen und befürchten sogar Schließungen von Einrichtungen.

Mit Stellenanzeigen, Flyern und Mundpropaganda haben es die Erzieherinnen schon versucht, aber bislang steht fest: Wenn das „Haus für Kinder“ in Hüttenbach bis zum beginnenden Kindergartenjahr im September kein weiteres Personal findet, können nicht genug Betreuungsplätze angeboten werden.

„Die Lage ist sehr angespannt. Momentan sieht es so aus, dass wir rund 20 Kinder nicht aufnehmen können“, sagt Stephanie Gmelch, stellvertretende Leitung des Hauses für Kinder in Hüttenbach.

In der Hüttenbacher Kita kümmern sich 25 Angestellte in Voll-und Teilzeit um insgesamt 160 Kinder in Krippe, Kleinkindgruppe, Kindergarten und Hort. Doch schon jetzt, während der Anmeldezeit für das kommende Kita-Jahr, ist absehbar: Das Personal wird nicht ausreichen. „Fünf weitere Arbeitskräfte zu je 39 Stunden wären gut oder mehrere Teilzeitkräfte, die diese Stundenzahl abdecken können“, schätzt Gmelch.

Es ist kein Einzelfall

Die Gemeinde Simmelsdorf ist dabei keineswegs ein Einzelfall. Zeitung und Internet sind von Stellenanzeigen gefüllt. So sucht etwa die Arbeiterwohlfahrt für Großengsee, Neunkirchen und Lauf oder das Bayerische Rote Kreuz für Schwaig, Behringersdorf, Schnaittach und Rückersdorf noch Fachkräfte.

Bis 2023, so Schätzungen des Bayerischen Sozialministeriums von 2018, werden im Freistaat zusätzlich 19 400 Erzieher und 10 000 Kinderpfleger benötigt.

Träger sind machtlos

Ein düsteres Bild malt Christian Fügl, Vorstandsvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt im Nürnberger Land: „Die Situation ist unsäglich. Es ist ähnlich wie in der Pflege. Durch Klatschen und Dankesagen kann man niemanden zum Beruf Erzieher bewegen. Es wird eine Katastrophe werden und die Politik verschließt die Augen.“

Fehlende Anerkennung und schlechtes Gehalt sind laut Fügl Gründe für den Mangel. Er vermutet, dass man in den nächsten fünf bis zehn Jahren einige Kitas nicht mehr betreiben können wird: „Die Ausbildung dauert fünf Jahre und ist nicht vergütet. Erzieher tragen eine große Verantwortung und bereiten die Basis der Gesellschaft von morgen vor“, so Fügl.

„Staat oft sehr knausrig“

Derselben Meinung ist auch Brigitte Fleischmann, Fachbereichsleiterin der fünf Kindertageseinrichtungen des Bayerischen Roten Kreuzes im Nürnberger Land. „Der drohende Fachkräftemangel ist seit Jahren bekannt, aber an Kitas zeigt sich der Staat oft sehr knausrig“, kritisiert sie.

Die zentrale Bedeutung der frühkindlichen Pädagogik für die Gesellschaft werde noch immer massiv unterschätzt, so Fleischmann. Einen Ursprung dieser Denkweise vermutet sie in der Geschichte: „Früher haben Nonnen Kinder betreut – für umsonst. Heute sind viel mehr Kinder im Kindergarten und viel mehr Eltern arbeiten, aber weder Politik noch Gesellschaft sind da richtig mitgegangen“, findet sie.

„Viele fallen aus wegen Elternzeit“

Neben fehlendem Personal bereiten den Kita-Leitungen auch „Ausfälle“ Probleme, wie Sarah Heumann von der Kindergartenverwaltung im Röthenbacher Rathaus sagt: „Viele fallen aus wegen Elternzeit.
Für Erzieherinnen gilt ein sofortiges Berufsverbot in der Schwangerschaft – und dann wird es plötzlich akut, das ist nicht planbar“
, sagt Heumann.

Ein Beispiel dafür hat auch Madeleine Distler parat, die zusammen mit einem Kollegen seit 1. Juli das Kinderhaus der Arbeiterwohlfahrt in Großengsee im Gemeindegebiet Simmelsdorf leitet. „Zwei Angestellte sind bei uns länger krank und man kann die Stellen nicht einfach so wieder besetzen“, erklärt sie. „Man möchte ja auch gutes Personal finden“, so Distler, denn auch für die 65 Kinder in Großengsee sucht die Arbeiterwohlfahrt derzeit noch eine Ergänzungskraft.

Verkehrsanbindung

Ein Punkt, der viele Bewerber abschrecken könnte, schätzt Gmelch vom Hüttenbacher Haus für Kinder, ist auch die ungenügende Verkehrsanbindung ins Oberland. Wie wichtig ein S-Bahn-Anschluss und weitere öffentliche Verkehrsmittel sind, betont auch Evelyn Kittel-
Kleigrewe, die auf Landkreisebene für die Fachaufsicht der Kindertagesstätten zuständig ist. „Gerade Berufsanfänger sind noch sehr jung und auf Bus und Bahn angewiesen. Von dem Einstiegshalt einer Erzieherin können viele nicht leben und auch kein Auto finanzieren“, sagt Kittel-Kleigrewe.

Träger in der Pflicht

Der Gemeinderat könne keine Abhilfe bei der Personalsituation schaffen, sagt Simmelsdorfs Bürgermeister Perry Gumann. Die jeweiligen Träger, also die Arbeiterwohlfahrt in Großengsee und das Erzbistum Bamberg in Hüttenbach, stünden selbst in der Pflicht. Laut Vorgaben des Freistaats muss für je elf Kinder allerdings mindestens ein Erzieher zur Verfügung stehen. Können die Kommunen diesen Personalschlüssel nicht erfüllen, drohen Konsequenzen.

Streichung der Förderung droht

Für Simmelsdorf würde das bedeuteten, dass die Gemeinde auf rund 755 000 Euro Förderung vom Freistaat verzichten muss. Denn dieser übernimmt knapp die Hälfte der 1,3 Millionen Euro Betriebskosten, die die Kommune jährlich in die Kitas steckt. Wenn es die Gemeinde trotz aller Bemühungen nicht schafft, die Vorgaben zu erfüllen und alle Kinder unterzubringen, droht eine Streichung dieser Förderung.

„Der Gesetzgeber schafft immer wieder neue Grundlagen und die Gemeinden müssen abliefern und sollen auch noch dafür bezahlen“, kritisiert Gumann.

Dass dieses „Worst-Case-Szenario“ tatsächlich eintritt, glaubt er allerdings nicht: „Wir befassen uns in der nächsten Gemeinderatssitzung damit, wie wir die Kinder unterbringen können.“

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