Architektonische Meisterleistung am Alten Kanal

Wasser über Wasser

Von der Dammkrone fällt das Gelände links und rechts vom Kanal 30 Meter bis zur Talsohle ab. Foto: Alex Blinten2019/10/Burgthann-Distelloch6.jpg

BURGTHANN/SCHWARZENBACH – Wer zwischen Burgthann und Schwarzenbach auf dem Treidelweg am Ludwig-Donau-Main-Kanal unterwegs ist, ahnt nicht, dass er sich auf einem Bauwerk von pharaonischen Ausmaßen bewegt. 9000 Menschen arbeiteten hier in den 30er und 40er Jahren des 19. Jahrhunderts gleichzeitig an der Errichtung des Distellochdamms, mit dem der Alte Kanal einen tiefen Talabschnitt überquert.

Die Herausforderungen für die Ingenieure und Bauarbeiter waren seinerzeit gewaltig. Beschrieben hat sie unmittelbar nach der Kanaleröffnung der Königliche Oberbaurat Heinrich Freiherr von Pechmann. Zunächst überlegten die Kanalbauer, das Distelloch oder Disteltobel genannte Tal bei Burgthann mit einem Brückenbauwerk zu überqueren, einer Konstruktion ähnlich der bei Schwarzenbruck. Dann haben die Planer nachgerechnet und kamen zu dem Ergebnis, dass der Bau eines Damms billiger werden würde. Ein Trugschluss, wie sich im Nachhinein zeigte. Riesige Mengen Erdreich und Steine holten die Bauarbeiter aus den Kanal-Einschnitten am Guglhof bei Burgthann und bei Dörlbach und luden sie im Distelloch ab. Dass das Material freilich ungeeignet war, erkannten die Planer erst, als eine Schlechtwetterperiode dazu führte, dass die völlig durchnässten Hangwände des Damms instabil wurden. Dabei standen die Kanalbauer unter Zeitdruck, weil hohe Vertragsstrafen drohten.

Tunnel für den Tiefenbach

Im Winter 1841/42 kam es schließlich zur Katastrophe. Bei anhaltendem Regen und Schnee schafften die Arbeiter Erdreich an den Damm und mussten schließlich hilflos mit ansehen, wie das gesamte mühsam herbei transportierte Füllmaterial vom Damm abrutschte. Auch das Einrammen von Holzpfählen brachte keinen Erfolg, so dass Pechmann und seine Kanalbauer umplanten: Die Basis des Dammes wurde verbreitert, im Bauwerk selbst legte man Entwässerungsstollen an und baute einen Durchlasstunnel für den Tiefenbach, dessen Wasser zuvor immer wieder dafür gesorgt hatte, dass der Damm instabil wurde. Außerdem verwandte man als Baumaterial nun eine Mischung aus Sand und Schiefer. Am Ende hatten die Planer Erfolg. Die Wände des Dammes hielten. Allerdings waren die Kosten inzwischen enorm gestiegen und lagen weit über dem, was der Bau einer Brückenkonstruktion gekostet hätte.

Ein Bild von den Durchlässen und Drainagen am Fuß des Distellochdammes kann man sich machen, wenn man in Burgthann vom Kanalweg aus in den Wald hinein geht und dem Weg dann parallel zum höher gelegenen Kanal folgt. Nach etwa hundert Metern gelangt man an den ersten Entwässerungsstollen, weiter den Weg entlang kommt man schließlich zum Tiefenbachdurchlass, einem unter dem Kanal hinweg führenden 180 Meter langen Tunnel, durch den die Kanalbauer den bei Ezelsdorf entspringenden Tiefenbach leiteten. Auf der rechten Seite des Tunnels bauten sie einen Gehsteig für Revisionsarbeiten und ließen den Bachverlauf abknicken, um den Tiefenbach bei hohen Wasserständen zu zähmen. Etwa 100 Meter nach dem Auslass errichteten sie darüber hinaus ein Absturzbauwerk und reduzierten damit die Fließgeschwindigkeit des Bachs bei Hochwasser um zu verhinderten, dass sich das Wasser in den Boden frisst und den Damm gefährdet. Parallel zum Bachdurchlass gibt es im Distellochdamm einen Entwässerungsstollen, der das gesamte Dammbauwerk in einer Länge von 230 Metern unterquert und damit deutlich länger ist als der Tiefenbach-Tunnel. In den 90er Jahren ließ das Wasserwirtschaftsamt den imposanten Stollen sanieren.

Dessen Wände sind wie die der übrigen Tunnelbauten im Distellochdamm aus Sandstein gebaut. Das Material brachen die Kanalbauer in unmittelbarer Nähe aus kleineren Steinbrüchen.

Noch heute liegen dick mit Moos überwachsene Sandsteinquader in der Nähe der Tunnel im Wald, die man offenbar zu Kanalbauzeiten nicht mehr weiter verarbeitet hat. Sämtliche Stollen und Tunnel im Distellochdamm sind frei zugänglich, allerdings muss man sich seinen Weg am Fuß des Kanalbauwerks selbst suchen.

Weil Fledermäuse in den Hohlräumen leben, die hier auch überwintern, sollte man die Stollen zwischen Oktober und Mai nicht betreten.

N-Land Alex Blinten
Alex Blinten